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Iphigénie en Tauride an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

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Das ist nicht alltäglich. Iphigénie en Tauride, die zweite der beiden Iphigenie-Opern von Christoph Willibald Gluck, ist in Stuttgart die Rekonstruktion einer dreizehn Jahre alten Inszenierung der Pariser Oper. Umbesetzungen gehören in der Oper zum Alltag. Dass man aber mit einem komplett neuen Ensemble, mit einem anderen Orchester, einem anderen Dirigenten an einem anderen Ort auf eine ältere Inszenierung zurück greift, deutet darauf hin, dass sie etwas Besonderes war, ihr Regisseur ein Ausnahmetalent ist.

*

Mit Frank Castorf teilen Krzysztof Warlikowski, der zurzeit interessanteste Opernregisseur, und seine Bühnenbildnerin und Ehefrau Małgorzata Szczęśniak die Vorliebe für geschlossene Räume, die Sichtbarmachung der „vierten Wand“ auf der Bühne. Während Castorf jedoch mit der Videokamera hinter diese Wand schaut, bevorzugt das polnische Paar transparente Kuben, Glaskäfige im wörtlichen oder im übertragenen Sinne. Diesmal ist es eine sich senkende und hebende getönte Glaswand, die vorübergehend die Vorderbühne von der zugleich bespielten Hinterbühne trennt. Dort hat Małgorzata Szczęśniak einen enigmatischen gekachelten Raum wie aus einem tristen Altersheim hingebaut, mit Rollbalken, auf die ein chinesischer Drache aufgemalt ist, und die sich ein wenig heben und den Blick auf die Brandmauer freigeben, wenn Orest geopfert werden soll. Man sieht Duschen, Waschbecken, unbezogene Betten, eine Sitzecke mit Fernseher und Stehlampen, von oben hängen Deckenventilatoren herab. Hinter der abgedunkelten durchsichtigen Wand wird mit Hilfe einer raffinierten Lichtregie gespielt, wovon gesungen wird – die Ermordung Klytemnästras, die Familiengeschichte der Atriden.

Nicolas François Guillard, Glucks Librettist, sieht einen Chor der Priesterinnen vor, der gleich zu Beginn zusammen mit Iphigenie auftritt. Warlikowski ersetzt ihn durch einen stummen Chor von älteren Statistinnen. Im Programmheft erzählen sie von biographischen Erfahrungen, die an Motive aus dem Iphigenie-Mythos anknüpfen. Ob diese Idee von Warlikowski stammt, oder ob die Stuttgarter Dramaturgie mit dem Kurzschluss zwischen Darstellerinnen und Rolle ihren Tribut an eine aktuelle Mode zollt, wird nicht verraten. Der eigentliche Chor befindet sich im Orchestergraben hinter den Instrumentalisten. Thoas, Orest und Pylades dürfen auch aus Logen zur Bühne hin singen.

Hinzuerfunden hat Warlikowski eine zweite Iphigenie, die nicht, wie bei Pina Bausch, von einer Tänzerin, sondern von einer Schauspielerin verkörpert wird und doch dem Tanz ziemlich nahe kommt. Dafür steht ihm Renate Jett zur Verfügung. Renate Jett ist ein vielseitiges Unikum. Sie gehörte zu George Taboris Wiener Ensemble „Der Kreis“, wurde bei einer Stuttgarter Produktion von Shakespeares Sturm von Warlikowski entdeckt und nach mehreren Stationen in verschiedenen Ländern nach Warschau mitgenommen, wo sie auch als Sängerin Aufsehen erregte. Jetzt ist sie für die Iphigenie nach Stuttgart zurück gekehrt, nicht ans Theater zwar, aber an die Oper. Bedauerlich, dass ihre Anwesenheit nicht für einen ihrer Liederabende genutzt wird.

Musikalisch ist die Aufführung geradezu überwältigend. Amanda Majeski in der Titelrolle verfügt über einen voluminösen, sauber intonierenden und klangschönen Sopran. Sie ist die ideale Besetzung für diese Partie. Jarrett Ott als Orest und Elmar Gilbertsson als Pylades geben ein harmonisches Paar, dessen Gesang die Freundschaft zweier Männer beglaubigt, die bereit sind, ihr Leben für den jeweils anderen zu opfern. Virtuos meistert Ott die Übergänge von aufgewühlt dramatischen zu zierlich lyrischen Passagen. In der im Vergleich zu Goethes Drama bescheidenen Rolle des Thoas ist Gezim Myshketa zu hören. Das Staatsorchester Stuttgart unter Stefano Montanari spielt mit der Kraft eines Symphonieorchesters des 19. Jahrhunderts, als hätte Gluck Mozart längst hinter sich gelassen. Nichts deutet darauf hin, dass Johann Sebastian Bach gerade erst knapp dreißig Jahre tot war, als diese Oper uraufgeführt wurde.




Iphigénie en Tauride an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

Thomas Rothschild – 29. April 2019
ID 11376
IPHIGÉNIE EN TAURIDE (Opernhaus, 28.04.2019)
Musikalische Leitung: Stefano Montanari
Regie: Krzysztof Warlikowski
Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak
Licht: Felice Ross
Choreografie: Claude Bardouil
Dramaturgie: Miron Hakenbeck
Chor: Bernhard Moncado
Besetzung:
Iphigénie ... Amanda Majeski
Oreste ... Jarrett Ott
Pylade ... Elmar Gilbertsson
Thoas ... Gezim Myshketa
Diane ... Fanie Antonelou
Aufseher des Thoas/Skythe ... Elliott Carlton Hines
Griechin/Priesterin ... Ida Ränzlöv
Iphigénie (Schauspielerin) ... Renate Jett
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Premiere an der Staatsoper Stuttgart: 28. April 2019
Weitere Termine: 02., 05., 10., 12, 14., 19., 30.05.2019
Eine Produktion der Opéra national de Paris


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de/


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