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Premierenkritik

Von der

Liebens-

würdigkeit

der Brillen-

schlange



von Jules Massenet am Mittelsäschischen Theater | Foto (C) Jörg Metzner

Bewertung:    



Vermutlich hat es Jules Massenet (1842-1912) Zeit seines Lebens niemals nach Freiberg verschlagen (im Gegensatz zu Carl Maria von Weber, dessen Oper Das Waldmädchen hier uraufgeführt wurde). Und doch ist er nun in der sächsischen Universitätsstadt angekommen - symbolisch natürlich. Aus der Kutsche, die in der Borngasse 1 zum Stehen kam, entstieg Cendrillon, Massenets veropertes Aschenputtel. Noch vor ein paar Jahren galt das Werk als süßliche Rarität, doch nach Aufführungen in Freiburg, Münster, Berlin (KOB) und Nordhausen kann man durchaus von einer Renaissance an deutschen Bühnen sprechen. Dennoch ist es ein kleines Wunder, dass das Mittelsächsische Theater dieses Werk auf den Spielplan gesetzt hat.

*

Die spannende Frage ist, wie ein Haus, welches einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat, sich diesem Stoff heutzutage annimmt. Regisseurin Judica Semler findet hierfür einen tollen Weg und erzählt Perraults Märchen ein klein wenig anders, um blitzgescheite Botschaften unters Theatervolk zu bringen. Ihr wohl stärkster Eingriff in die Handlung besteht darin, Cendrillons Verkleidungszirkus vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan ausfallen zu lassen. Einfach, weil das junge Ding um ihrer selbst willen geliebt werden soll. Diesen Ansatz zieht Semler konsequent durch: Der Prinz (mit lyrischer Intensität: Kyounghan Seo / souverän im Spiel: Johannes Pietzonka) erscheint auf dem Ball im Schlabberpulli; die Stiefschwestern (göttliches Duo: Lindsay Funchal, Alice Hoffmann) stöckeln als Kaugummi kauende Konsumschnepfen ins Leere, genauso wie deren Mutter Madame de la Haltière (die furios schmetternde wie saukomisch agierende Katalin Kajan). Im Grunde macht die Regie hier nichts anderes als TV-Formate wie GNTM oder Der Bachelor bzw. das darin suggerierte Frauenbild genüßlich durch den Kakao zu ziehen. Die Fee (koloraturgewandt: Lisa Schnejdar) wird bei Semler zur Symbolfigur, mit der Cendrillon versucht, dem Alltag zu entfliehen; Papa Pandolfe (bassbärig: Sergio Raonic Lukovic) steht für die Erinnerung an unbeschwerte Kindheitstage. Am Ende gibt nicht der verlorene Schuh den Ausschlag, sondern Herz, Humor und eine gehörige Portion Selbstironie.

Dimitra Kalaitzi-Tilikidou ist als titelgebende Mademoiselle eine Idealbesetzung. Wenn ihre ausdrucksstarke, sopranstrahlende und mit solch einer liebenswürdigen Bühnenpräsenz gesegnete Cendrillon auftritt, dann stehen im Geiste, pardon, alle Brillenschlangen dieser Welt Spalier.

Das eine ist die Zeichnung der Charaktere, das andere das Führen von Figuren. Hierfür muss sich Semler in die Partitur gekniet haben, so tief hat sie in die Musik hineingehört. Sie inszeniert aus ihr heraus Türenschlagen, zärtliche Berührungen, ein Catwalk-Ballett hopsender Möchtegern-Bräute und, und, und. Apropos Musik: Die Mittelsächsische Philharmonie spielt unter Jörg Pitschmann einen wunderbar form- wie klangschönen, temperamentvoll tänzelnden Massenet auf. Und das, man höre und staune, in Freiberg.




von Jules Massenet am Mittelsäschischen Theater | Foto (C) Jörg Metzner

Heiko Schon - 4. November 2019
ID 11788
CENDRILLON (Theater Freiberg, 02.11.2019)
Musikalische Leitung: Jörg Pitschmann
Inszenierung: Judica Semler
Bühne: Ulv Jakobsen
Kostüme: Nina Reichmann
Choreografie: Constanze Uhlig
Choreinstudierung: Peter Kubisch
Dramaturgie: Christoph Nieder
Besetzung:
Cendrillon … Dimitra Kalaitzi-Tilikidou
Madame de la Haltière ... Katalin Kajan
Der Prinz ... Kyounghan Seo (Gesang) und Johannes Pietzonka (Szene)
Die Fee ... Lisa Schnejdar
Noémie ... Lindsay Funchal
Dorothée ... Alice Hoffmann
Pandolfe ... Sergio Raonic Lukovic
Der König ... Elias Han
Der Zeremonienmeister … Frieder Post
Dekan der Fakultät … Sang Tea Lee
Der Premierminister … Stefan Burmester
Opernchor des Mittelsächsischen Theaters
Damen des A-capella-Kammerchors Freiberg
Extraballett
Mittelsächsische Philharmonie
Premiere am Mittensächsischen Theater (Theater Döbeln) war am 19. Oktober 2019.
Freiberger Premiere: 2. November 2019
Weitere Freiberger Termine: 05., 15.11., 5., 21., 25., 27.12.2019 // 07.01., 02.02.2020


Weitere Infos siehe auch: http://www.mittelsaechsisches-theater.de/


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