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Konzertkritik

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Christian Tetzlaff | Foto (C) Giorgia Bertazzi

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Christoph Eschenbachs Brahms-Zyklus wurde im Frühjahr 2020 von der vermaledeiten Corona-Pandemie (und dem chaotischen Umgangs mit ihr hierzulande) jäh unterbrochen: unser letztes miterlebtes Konzert war just Eschenbachs denkenswerter Abend mit Brahms‘ Dritter Sinfonie und dem Zweiten Klavierkonzert. Nun, weit über ein Jahr später, hatten wir alle endlich das Glück, die Fortsetzung und den Abschluss des Zyklus gesund mitzuerleben. Die Erwartung war hoch und nicht zu Unrecht. Unter anderem mit diesem Programm gehen das Konzerthausorchester Berlin und sein Chefdirigent anschließend auf eine einwöchige Tournee durch Süddeutschland und die Schweiz.

Diesesmal war der Sinfonie (Nr. 4 in e-moll, op. 89; 1885) nicht eines von Brahms‘ Solokonzerten vorangesetzt – sondern das 1883 fast zeitgleich entstandene Violinkonzert (in a-moll, op. 53) seines Schützlings Antonín Dvořák. Brahms, auf ihn aufmerksam geworden, hatte dem jüngeren Dvořák einst zu einem Förderstipendium verholfen und seinen Musikverlag (Simrock) vermittelt. Die künstlerische Kraft Dvořáks bestätigte das Vertrauen des nur 8 Jahre älteren Kollegen, und die Werke beider Musikromantiker zählen seither zu den meistgespielten der Welt. Solch interessante Konzert-Kombinationen liegen also auf der Hand und machen in der Tat musikalisch Sinn: denn inwieweit waren diese Komponisten auch Brüder im Geiste, wo der eine in den Volkstraditionen seiner böhmischen Heimat wurzelte, der andere aber im protestantischen Musikerbe des Nordens?

Dvořák lässt die Solovioline in seinem Konzert gleich nach der Eröffnung des Orchesters in mitreißenden Passagen volksliedhafte Motive singen, denen Christian Tetzlaff mit Körperhingabe strahlendes Feuer verleiht: seine hingebungsvolle Musizierwut ist pures Vergnügen, und gerade die Solopassagen setzen dem Abend die Glanzlichter auf. Dvořák versucht immer von Neuem, Volkstanzmusik in die massive sinfonische Struktur zu integrieren, um sie in Einheit zu verschmelzen, was nach dem stimmungsvollen Mittelteil am zündendsten wohl in dem zurecht besonders populären Schlusssatz gelingt, der beinahe folkloristisch jubelnde Freude entfesselt und vom Solisten äußerste Brillanz abfordert. Der blieb Tetzlaff freilich keinen Funken schuldig – einfach Weltklasse! Der so unprätentiös wie musikbesessen spielende Star ließ sich von Eschenbach zu einer Zugabe bewegen, die musikalisch einen weiteren Bogen schlug: indem Tetzlaff zur Gigue der 2. Solopartita von Bach ansetzte, schien es, als würde er den tänzerischen Impetus von Dvořáks Volksmusikton gleich aufgreifen und in diesem Kunsttanz fortsetzen. Das gelingt insbesondere, da Tetzlaffs Geige weniger den glatten, schlanken Ton favorisiert, als einen „rauen“, volleren. So offenbarte sich die ganze Lebensfreude und musikantische Volksverbundenheit Bachs – ein Moment zum Hinknien!

Die Vierte gehört sowohl zu den Hauptwerken von Johannes Brahms, sowie der sinfonischen Musik des 19. Jahrhunderts überhaupt. Mit dieser Arbeit führte Brahms die Auseinandersetzung mit dem „sinfonischen Problem nach Beethoven“ (Herausforderung des dialektischen Prinzips als Ausdruck weltanschaulichen Ringens) zu einem strahlenden Gipfelpunkt, indem er die humanistisch-klassische Form zu wahren versucht, aber doch mit romantischem Gehalt aufhebt. Gleich der sehnsuchtsvolle Anfang, wie ein sehnendes Atmen, zieht die Hörerschaft in einen Sog, in einen Strudel der Gefühle – nach Beethovens Motto per aspera ad astra (über Steine zu den Sternen), um durch die vier Sätze hindurch eine komplexe Vielfalt und Dramatik zu erreichen, mit der im letzten Satz („energisch und leidenschaftlich“) die Verdichtung aller Mittel in 30 Variationen mit Coda über einem stets wiederholten Bassmotiv triumphiert. Der Satz ist also kunstvoll genug eine Chaconne, die in harschem Musikantentum, schier bärbeißigem Vergnügen, Lust und Wut in einem, bestärkend endet.

Musikdramaturg Dietmar Hiller will hier eine „Abkehr von Beethoven und Hinwendung zu Bach“ finden, geht dabei aber von einer als gefälscht geltenden Legende aus, die unterstellt, Brahms habe sich von Bachs Choral (Kantate 150) inspirieren lassen, der sich dem Vertrauen in Christus ergibt. Allerdings hatte Brahms Bachs Violinsolo-Chaconne für Klavier bearbeitet und baut in der monumentalen Orchester-Passacaglia der Vierten hingegen auf den Strukturen von Beethovens 32 c-moll-Variationen auf. So ist es von der Musikwissenschaft aufgezeigt, so hört man es auch: da klingt nichts nach Trostergebenheit und Resignation, aber alles nach kraftstrotzender Vitalität, wuchtig. Wie dem auch sei, beiden Giganten, Bach wie Beethoven, hat sich Brahms in heroischen Kämpfen gestellt – und tapfer bewährt. Danach komponierte Brahms keine weitere Sinfonie.

Die dritte Aufführung innerhalb dreier Tage, die wiederum ohne Ruhepause nach dem Konzert die gewichtige Brahms-Sinfonie präsentierte, überzeugte durchweg mit der enormen Musizierlust des Orchesters unter seinem Chefdirigenten. Eschenbach entfesselte geradezu Energiestürme. Dennoch schien es, als würde der „brahmssche Sog“ nicht ununterbrochen weiter treiben, die Aufführung nicht ganz von jener stringenten Strahlkraft getragen sein, wie noch in jener der Dritten vor der unfreiwilligen Unterbrechung des Zyklus, nicht alles den drängenden Impetus haben, den die Vierte kennzeichnet. Vielleicht lag es auch am Platz, wo die Bläser (die Triangel nicht zu erwähnen) bisweilen etwas zu dominant ankamen und die Klangbalance unausgewogen erscheinen ließ. Dennoch blieb der Sieg sicher und am Ende wand sich ein selten so glücklich auftrumpfendes Finale in die Höhe!

Eschenbach selber bekannte, „Brahms hat eine starke emotionale Bedeutung für mich. Als Pianist habe ich ihn sehr viel gespielt. Mit den vier Sinfonien habe ich mich seit meiner Jugend befasst.“ Nun ist dem abschließenden Konzert des Brahms-Zyklus‘ die Komplett-Veröffentlichung der Sinfonien auf CDs aus den anfangs genannten Gründen bereits im September zuvorgekommen: diese Interpretation ist als Ganzes mit dem Konzerthausorchester nun nach- und durchhörbar: Empfehlung für alle, die Brahms lieben – oder die jemanden lieben, der Brahms liebt!



Christoph Eschenbach | Foto (C) Marco Borggreve

Olaf Brühl - 1. November 2021
ID 13263
KONZERTHAUSORCHESTER BERLIN (Konzerthaus Berlin, 31.10.2021)
Antonín Dvořák: Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 53
Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Christian Tetzlaff, Violine
Konzerthausorchester Berlin
Dirigent: Christoph Eschenbach


Weitere Infos siehe auch: https://www.konzerthaus.de/


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