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LUDWIGSBURG FESTIVAL 2024

Tanz den

Beethoven



Bewertung:    



Dies ist also Jochen Sandigs letzte Saison als Intendant der LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELE, und seine treuen Verbündeten werfen bereits präventiv Schmutz auf seinen designierten Nachfolger. Über ihre Motive kann man nur spekulieren. So viel darf man freilich vermuten: Er wird nicht unbedingt, wie Sandig es in den vergangenen Jahren tat, die eigene, wahrscheinlich bessere Hälfte einladen. Die Ehefrau und Geschäftspartnerin von Jochen Sandig heißt Sasha Waltz, und sie hat ohne Zweifel ihre Meriten, zählt zu den bedeutendsten Choreografinnen des europäischen Tanztheaters. Und trotzdem hat dieses Abonnement auf Einladungen, wie die Schwaben sagen, ein G’schmäckle. Es wäre überzeugender, wenn auch mal, sagen wir, Anne Teresa De Keersmaeker vorbei käme. Ist ja auch, wie man, diesmal in Österreich, sagt, kein Hund. Sie war zuletzt 2018 in Ludwigsburg. Da war von Jochen Sandig noch nicht die Rede.

Diesmal gastiert das Ensemble von Sasha Waltz mit dem Abend Beethoven 7, der im März des vergangenen Jahres seine Uraufführung hatte und außer in Berlin in Hamburg auf Kampnagel und im niederösterreichischen St. Pölten zu sehen war.

Nun gibt es jede Menge Ballettmusiken, die dem Genre der Programmmusik angehören, also eine Geschichte erzählen, die der Tanz dann illustriert. Strawinski war darin Großmeister. Beethovens 7. Sinfonie gehört nicht dazu. Was man der 6. Sinfonie, der Pastorale, noch attestieren kann, hieße bei der Siebten, ihr Gewalt anzutun. Man kann sich, wie das im zeitgenössischen Ballett mit unterschiedlichstem Material geschieht, ihren Rhythmen, ihren Stimmungen, ihren Strukturen tänzerisch anverwandeln. Wenn man jedoch ein Handlungsballett entwerfen wollte, hätte das mit Beethoven nichts zu tun. Die 7. Sinfonie steht für sich da wie Michelangelos David in Florenz auf seinem Sockel: Schönheit pur. Sie braucht den Tanz ebenso wenig, wie der Tanz Beethoven braucht. Die Erste ist Sasha Waltz freilich nicht, die eine komplette, für den Konzertsaal konzipierte Sinfonie einem Ballett unterlegt. Das Verfahren ist nicht weniger etabliert als die Verwendung „klassischer“ Musik im Film. Die erwähnte Anne Teresa De Keersmaeker hat aufregende Choreografien zu Steve Reich und Johann Sebastian Bach entworfen – beides Komponisten, die von Programmmusik oder Tondichtung weit entfernt sind.

Weil Beethovens 7. Sinfonie zu kurz ist, um einen Ballettabend zu füllen, hat Sasha Waltz sie mit Freiheit/Extasis von Diego Noguera und somit das 19. mit dem 21. Jahrhundert vermählt oder vielmehr die elektronische Komposition des Chilenen in umgekehrter Chronologie dem populären Klassiker vorangestellt. Es ist nicht ohne unfreiwillige Komik: Die Zuschauer werden vor der Lautstärke der Musik gewarnt. Als Abhilfe sollen verabreichte Ohrenstöpsel dienen. Einige haben den Saal dennoch verlassen. Der Laie möchte meinen, dass sich der Komponist bei der Vorschrift der Lautstärke etwas gedacht hat. Und dann soll man die wieder unterdrücken. Das ist, als leuchtete man die Bühne hell aus und kommandierte: „Setzen Sie Sonnenbrillen auf.“

Und die Komposition diesseits der Dezibel? Hämmernde Geräuschmusik von geringer Inspiration. Dazu tanzt jede(r), zunächst mit, dann ohne Kopfmasken in Zeitlupe so vor sich hin. Schattenboxen in einem Park von Beijing ist dagegen hochdramatisch. Als nicht besonders origineller, aber immerhin wirksamer Höhepunkt (alles ist relativ) erweist sich die im Titel angekündigte Extasis, in der das Corps de Ballet mit gespreizten Beinen am Fleck wippt.

Das Corps de Ballet beherrscht dann auch bei Beethoven die Bühne. Sie wird nur andeutungsweise Solist*innen und Paaren überlassen. Zu sehen sind Läufe und Sprünge in ständig wechselnden Formationen. Die allerdings sind mit ausgeprägtem Gespür für Tempo und Rhythmus, auch für Parallelismus und Kontrast, choreografiert und versöhnen mit der Drögnis vor der Pause. Ganz will Sasha Walz das Visuelle nicht der zwar nicht zu laut, aber auch nicht technisch halbwegs brillant über die Boxen erklingenden Musik ausliefern (von Currentzis bleibt nur der Name im Programmfaltblatt). Vor dem zweiten Satz hört man von hinter der Bühne Stimmengewirr, zwischen dem zweiten und dritten Satz gibt es ein Solo, zwischen dem dritten und vierten Satz ein Pas de deux, beide ohne Musik. Als hätte man die Stöpsel in den Ohren vergessen.

Sasha Waltz ist noch ganz dem traditionellen Ideal der Eleganz verpflichtet und macht so den allenfalls von Johannes Kresnik vorbereiteten Bruch bewusst, den Florentina Holzinger, zurzeit in aller Munde, im Tanztheater eingeleitet hat. Sie wird demnächst in der Stuttgarter Oper ihren Auftritt haben. Auf den neuen Ludwigsburger Intendanten wollte sie wohl nicht warten.



Beethoven 7 mit Sasha Waltz & Guests | Foto (C) Sebastian Bolesch

Thomas Rothschild - 7. Juni 2024
ID 14787
Beethoven 7 (Forum am Schlosspark Ludwigsburg, 06.06.2024)
Diego Noguera: Freiheit/Extasis
Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
Sasha Waltz (Konzept und Choreografie)
Diego Noguera (Live-Musik)
Bernd Skodzig und Federico Polucci (Kostüme)
Martin Hauk und Jörg Bittner (Lichtdesign)
Jochen Sandig und Christopher Drum (Dramaturgie)
Sasha Waltz & Guests
Premiere im Radialsystem Berlin: 11. März 2023
Gastspiel bei den LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELEN/small>

Weitere Infos siehe auch: https://schlossfestspiele.de


Post an Dr. Thomas Rothschild

Ballett | Performance | Tanztheater

LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELE

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