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Demokratische Republik Kongo August – September 2004

Abenteuerfilm in Afrika

30 Tage im Kongo einmal Krieg und zurück
Teil IV


Die Unruhen holen uns ein
Montag, 23. August 2004

Militär wohin das Auge blickte. Mir war etwas unheimlich zumute, als wir heute durch die Stadt fuhren. Gerüchte kursierten und niemand wusste etwas Handfestes. Einer der Vizepräsidenten wurde auf dem Weg zum Flughafen von einem Raketenwerfer überrascht. Wo auch immer dieser herkam… - Informationen sind wie Schall und Rauch im Kongo.

Am Flughafen hat es wilde Schießereien gegeben. Wer auch immer, warum und auf egal wen… so genau nimmt das hier niemand. Uns wurde nahe gelegt, unsere Pässe stets dabei zu haben, Vorräte einzukaufen, besonders Wasser.

Bei Unruhen sollten wir bleiben, wo wir uns befanden, nicht ausgehen, nur telefonieren und ausharren – uns würde schon irgendjemand abholen. Das machte unruhig. Sammelpunkt ist in solchen Fällen immer die Botschaft, also direkt bei mir um die Ecke. Von dort aus dann mit dem Boot über den Congo nach Brazzaville rüber, und was dann? Besser nicht dran denken.

Die Partei um den Rebellenführer Nkunda aus Goma hatte heute angekündigt, dass sie aus dem Transformationsprozess aussteigen würde. Man rechnete mit dem nächsten Staatsstreich. Leichte Unruhe und Unbehagen machte sich breit. Die Leute von der Botschaft, mit denen wir abends beim Stammtisch saßen, ließen ihre Handys und Funkgeräte nicht mehr aus den Augen. Es wurde gemunkelt, was geschehen war, spekuliert, was geschehen würde und Gerüchte ausgetauscht. Aber nichts Verlässliches von irgendwem.

Endgültiger Tiefpunkt erreicht
Dienstag, 24.August 2004

Eine Magen-Darm-Infektion tat ihr übrigens dazu, um unsere Laune auf den Gefrierpunkt zu drücken. Wir litten, bissen die Zähne zusammen und hofften, dass es bald vorbei sein würde. Am Vormittag im Planungsministerium einen Drehtermin gehabt. Wir saßen vor der Chefin und mussten eigentlich das übliche Höflichkeitsblabla betreiben. Katja schaute mich verzweifelt an, denn ich bin diejenige, die das normalerweise auf Französisch handhabt. Ich vergaß bei all den Bauchschmerzen und den Schweißausbrüchen sogar, was „Danke“ heißt, und es ging einfach gar nichts mehr.

2 Stunden später suchten wir in dem teuren Supermarkt nach irgendwas, was uns wieder auf die Beine bringen würde und setzten uns an den Schreibtisch in unserem Büro - direkt neben den Toiletten - und versuchten uns an den ersten Schnitten unseres Films.

Wider die Trostlosigkeit
Mittwoch, 25. August 2004

Und jeder will fotografiert werden...
Zwei Welten in zwei Stunden. Zuerst das Interview mit der Botschafterin in der Residenz, zwischen goldenen Kerzenständern, teuren Ledersesseln und einem Mahagonitisch.
Nach 20 Minuten Autofahrt in der fetten Botschafter-Limousine mit deutschem Wimpeln und getönten Scheiben: ein Kinderheim in hässlichem Grau. Es stank bestialisch, wie im Schweinestall. Die Räume groß, aber mit grauer Farbe auf kaltem Beton, ohne Fenster - eine üble Hitze, die mir das Wasser aus den Poren presste. 50 verwahrloste Kinder mit Narben, Verstümmelungen, zerstörten Blicken und gebrochenen Herzen.

Sie saßen da und schauten uns mit großen Augen an, als wir mit unseren Lampen und Folien versuchten, etwas warmes Licht in diese furchtbare menschliche Kälte zu bringen. Ich zeigte ihnen das Display der Kamera und was wir sonst so an Spielereien mit viel Technik, die sie noch nie gesehen hatten, dabei hatten. Dann tausend liebe lächelnde Gesichter, Neugierde und allgemeines großen Staunen – anders hätte ich die armen Geschöpfe nicht filmen können, selbst durch die Kameralinse hindurch sind diese kalten Kinderblicke kaum erträglich, denn in ihnen steht geschrieben, was die Kids alles durchgemacht haben auf den Strassen Kinshasas, bevor die Botschaft das Kinderheim mitfinanziert hat. Sie zeigten uns die schmutzigen Fetzen, die mal Schaumstoffmatratzen waren, auf denen sie zu fünft gestapelt und in Schichten schliefen, während die Fliegen sich auf sie stürzten…
Sie hatten ein Theaterstück vorbereitet mit viel fröhlicher Musik als Begleitung, die die Lebensgeschichten erträglich machte, die sie uns vorführten.
Die Botschafterin überreichte danach feierlich die Kinderbetten, die sie mühsam zusammengespart hatte.

Traditionelle Trommler im Waisenhaus
So ist die Geschichte doch irgendwie angenehm zu Ende gegangen, auch wenn ich es kaum ertragen konnte, wieder in den Botschafter-Benz mit Klimaanlage einzusteigen und alles einfach so hinter mir zu lassen.

Jenseits von Kinshasa
Donnerstag, 26. August 2004

Wie schmutzig stinkend Kinshasa ist, merkt man erst, wenn man weit hinaus fährt. Die Luft wird erträglich, der Staubfilm fällt ab und die Ruhe der Natur pegelt die Herzfrequenz herunter. Drei Stunden über furchtbare Straßenpflaster, und wir befanden uns zwischen Dschungel im Tal und Savanne auf dem Plateau. Die Aussicht war herrlich und die Menschen, welchen wir im Dorf begegneten, wo wir das Projekt der Hanns-Seidel-Stiftung drehten, waren freundlich, offen und irgendwie auch glücklich mit ihrem Leben. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass nicht alles so furchtbar traurig ist in diesem Land wie das Leben in der Stadt. Wir hatten sehr viel Spaß dort in diesem Dorf mit den Jugendlichen, die alle begeistert hinter unseren Kameras herliefen und uns mit den jungen Männern verkuppeln wollten. Ebenso mit den älteren Menschen, mit denen wir Geburtstag feierten und Palmwein tranken, und mit den Familienvätern und Frauen, die es mit Hilfe der Hanns-Seidel-Stiftung geschafft hatten, innerhalb von 6 Jahren wieder Lebensqualität in die Dörfer zu bringen, nachdem die Rebellenarmee von Kabila die Bevölkerung auf dem Plateau massakriert hatte, weil dieser die Region als strategischen Stützpunkt brauchte, bevor er Kinshasa angriff.


Hindernisse auf dem Weg über das Plateau
Wir übernachteten im Haus des Chefs der Stiftung, das sich damals Kabila unter den Nagel gerissen hatte. Ein schönes Haus mit Blick ins Tal. Der Pool im Garten war zugeschüttet worden und mit Pflanzen verwachsen. Wir fragten warum und mussten lachen, als uns die Dorfbewohner erzählten, dass Kabilas Fahrer rückwärts mit dem Auto in den Pool hineingefahren sei. Sie hatten ihn aus Ärger zugeschüttet.
Wir diskutierten die halbe Nacht über die politische Situation des Landes. Sie wälzten die Probleme von einer Seite auf die andere. Mein Französisch ist mittlerweile so gut, dass ich mich ohne große Sprachprobleme einmischen konnte und ich fragte immer wieder nach Lösungsvorschlägen. Keine Antwort... nur wieder der ewige Kreislauf von Problemen ohne Anfang und Ende. Das machte mich wahnsinnig und ich lag die andere Hälfe der Nacht im dunklen Zimmer, denn es gibt keinen Strom dort auf dem Plateau, wanderte schlaflos durch das Haus, setzte mich auf die Terrasse und versuchte, den Teufelkreis an Problemen irgendwie in meinem Kopf zu ordnen, um vielleicht einen Ansatzpunkt zu finden, der den Kreislauf durchbrechen kann. Die internationalen Firmen zur Rechenschaft ziehen für die Ausbeute dieses rohstoffreichen Landes? Die Ruander für den Genozid an 3,8 Millionen Kongolesen? Die Amerikaner für ihre Geheimdienstmachenschaften? All diese Akteure vor den internationalen Strafgerichtshof zerren? Aber wie, wenn sich nicht einmal die Kongolesen für eine Lösung interessieren?

Der Vollmond erleuchtete das Plateau und versilberte die Landschaft, so als würde ich durch ein Märchen wandeln. Die Nacht war herrlich und der Sonnenaufgang mit Blick ins Tal die Entschädigung für meine Schlaflosigkeit.

Um halb sieben ging es dann los ins nächste Dorf, zum nächsten Projekt. Stundenlange Fahrt quer durch die Savanne, querfeldein ohne Weg. Mein Rücken wird mich ewig daran erinnern, selbst wenn die Bilder in meinem Kopf lange schon verblasst sind.


Alltag im Kongo?
Freitag, 27. August 2004

Büroarbeit, erste Schnittversuche. Mit Katja das Programm noch mal durchgehen, Treatment schreiben, Textverfassen. Bilder im Kopf ordnen, die Arbeit der vergangenen Tage und Woche begutachten. Wir haben 18 Stunden zusammengefilmt und mussten dann eine schmerzhafte Auswahl treffen, welche Szenen wir in unseren 30 Minuten Film zeigen möchten.

So langsam kenne ich mich aus in Kinshasa. Und am meisten Spaß macht es, nachts hinten auf dem Motorrad durch die menschenleeren Strassen zu fahren, die großen Boulevards entlang, rote Ampeln gekonnt zu ignorieren, denn es gibt sowieso keine Verkehrspolizei und somit keine Sanktionen gegen Verkehrssünder.

Autowracks am Strassenrand in Kinshasa
Auf den Straßen herrscht dementsprechend die totale Anarchie und alles läuft nach dem Prinzip: wer hat die lauteste Hupe und den dreisteren Fahrstil, besonders aber: wessen Motor lebt länger. So passiert es auch, dass alle hundert Meter ein Autowrack mitten auf der Strasse steht – quer, mit ausgebautem Motor. Rund herum scharrt sich dann schnell eine Menschtraube.
In jedes Auto passen mindestens 10 Kongolesen: 6 vorne, 3 im offenen Kofferraum sitzend und einer hinten auf der Stoßstange stehend. Zudem sind die Hauptfahrzeuge hier in Kinshasa die alten VW-Busse, die in Deutschland nicht mehr durch den TÜF gekommen sind.
Zum Teil sind sie noch immer mit deutschen Aufklebern an der Stoßstange und Werbeaufschriften versehen: Malerbetrieb so und so, Werksfeuerwehr oder ähnliches. In einen solchen VW passen mindestens 15 Kongolesen, 5 hängen aus den Fenstern und 3 stehen noch mal hinten auf der Stoßstange. Ziegen und andere Tiere werden auf dem Dach festgeschnallt. Das übliche kongolesische Transportmittel
Marktgewimmel als Sozialstudie
Samstag, 28. August 2004

Nachdem wir bis mittags ausgeschlafen hatten, haben wir beiden Mädels uns dann – lebensmüde wie wir sind – alleine über den Markt gekämpft: Gemüse und Obst kaufen für ein Campingwochenende im Nationalpark. Wir standen erst einmal eine Stunde im Verkehrgewühl vor dem Marktplatz, da die Strasse komplett verstopft war. Als wir uns dann 20 Meter zwischen den Autos und den chaotisch angeordneten Buden durchgeschlängelt, uns einmal durch den Dreck gewühlt hatten und vom Gestank fast erschlagen wurden, wusste ich auch, warum sich sämtliche Europäer die Waren aus dem teuren Supermarkt leisten. Ich fühlte mich wie der Rattenfänger von Hameln. Wir hatten sofort eine Traube Straßenkinder hinter uns, die uns um Geld anschnorrte, junge Männer, die uns nachliefen und gegen Geld die Einkäufe tragen wollten.

Aber es war eine Sozialstudie, das man nicht missen darf, wenn man in einem solchen Land ist, denn so versteht man am besten die Mentalität der Menschen. Erste Auffälligkeit: sie handeln nicht, sondern sind sofort beleidigt, wenn man als Weißer nicht freiwillig den dreifachen Preis bezahlt, der ausgeschildert ist. Wenn man 10 Kartoffeln haben möchte, packen sie 15 ein, weil sie davon ausgehen, dass du auch 15 bezahlst, wenn sie schon mal in der Tüte sind – zuerst die schlechten, dann die guten Kartoffeln, damit (wenn man doch auf die angegebenen 10 besteht und die 5 wieder aus der Tüte rausholt) die guten wieder zurück wandern. Kauft man einen Kopf Salat, dann kommen alle Frauen, die ebenfalls Salat haben, an den Stand gelaufen, an dem man gerade den Salat bezahlt, und bieten ihre Salatköpfe an. Unklug, denn Salat hatten wir dann ja schon und Tomaten brauchten wir noch. Hatten wir dann endlich einen Stand mit Tomaten gefunden und uns welche einpacken lassen, kamen alle Tomatenhändler angeflogen. Wir spielten das Spiel eine halbe Stunde lang mit, sortierten stur die schlechten Tomaten aus, die zuviel in der Tüte waren, bestanden auf den Preis, der ausgeschildert war, und wurden mit der Zeit immer ungehaltener. Alles ist so anstrengend hier, Menschenmassen, Verkehrschaos, Lärm und permanent dieser üble Gestank nach geschmolzenem Plastik in der Luft, denn überall wird am Straßenrand der aufgekippte Müll verbrannt - und das Plastik schmort dann noch lange nach… so hatten wir das Gefühl, täglich mindestens eine Alditüte einzuatmen.

Deswegen tat es auch so gut, nach der nervenaufreibenden Aktion auf dem Markt endlich wieder ins klimatisierte Auto zu steigen, sich noch eine Stunde lang durch das Autogewühl durchzuboxen, um dann die einzige Strasse aus Kinshasa herauszufahren. Die einzige Strasse deswegen, weil es die einzig wirklich ausgebaute Strasse war und noch dazu mehrspurig. Die Belgier hatten dieses System in der Kolonialzeit angelegt, denn diese Strasse führt durch sämtliche Slums - und bei einer anstehenden Revolution oder Unruhe konnte man diese eine Straße einfach dicht machen und kein Kongolese kam mehr in die Stadt…

Nach mehreren Stunden Fahrt und einer dicken Militärkontrolle kamen wir zu einer Brücke, die die Rebellenarmee um Kabila vor einigen Jahren gesprengt hatte. Daneben gab es heute ein Provisorium an Brücke, aus alten Blechfetzen zusammengeschweißt. Doch die war mal wieder kaputt. Vor der Brücke standen mindestens 10 LKW – vollgeladen mit Säcken und obendrauf noch mal 50 Kongolesen. Es wurde schon dunkel und wir wollten auf keinen Fall umkehren. Also begutachteten wir die Brücke und erkauften uns für 5 Dollar von den Militärposten die Genehmigung, durchzufahren.

Im Nationalpark angekommen, quartierten wir uns in einem süßen Chalet der GTZ ein, die sich dort um die Aufforstung kümmert. Nach einem leckeren Abendessen und einigen Flaschen gutem kongolesischen Bier packten wir Handtücher ein und machten uns im hellen Mondschein auf die Suche nach dem sogenannten Schwarzen Fluss, den man von weitem rauschen hörte.
Ziemlich lebensmüde stürzten wir uns in die Stromschnellen und wurden sofort mitgerissen. Erst einen Kilometer später konnten wir uns an einer Hängebrücke, die aus Bambus geflochten kurz über der Wasseroberfläche hing, mit aller Kraft festhalten und uns raushangeln.
Nach dem Adrenalinkick lagen wir bis zum Sonnenaufgang gemeinsam unter dem Vollmond, der rötlich schimmerte, in der lauen Tropennacht, Ingo spielte Gitarre und wir fühlten uns irgendwie unsterblich und unschlagbar.

Der Schwarze Fluss
Sonntag, 29. August 2004

Im Morgengrauen erlebte ich den ersten tropischen Regen in Afrika, der mir mitten ins Gesicht prasselte. Wir kuschelten uns in die Betten im Chalet und lauschten den Regentropfen auf dem Wellblechdach. Nach einem Frühstück aus Mango, Kokos, Annanas und Melone wollten wir uns den Fluss noch mal bei Tageslicht anschauen, ob er wirklich so schwarz war, wie der Name es besagt. Es war so, tiefschwarz sogar! Wir saßen fassungslos auf der Hängebrücke und schauten in die dunklen Fluten, die nach Mineralien förmlich rochen und am Rand leicht aufschäumten. Die Jungs wollten nun endgültig unseren Mut auf die Probe stellen und schlugen vor, uns noch einmal den Fluss hinunter treiben zu lassen. Nur mit Unterhosen bekleidet, kämpften wir uns kilometerweit flussaufwärts durch den Dschungel: wild in die Hände klatschend, damit die Schlangen abhauten. Nach giftigen Insekten Ausschau haltend, schlug mir das Herz schon bis zum Hals, als wir endlich eine Stelle fanden, wo der Urwald nicht direkt bis ins Wasser reichte und wir uns am Ufer im feinen Sand kurz ausruhen konnten. Zum Glück war die Strömung stark genug, so dass uns keine Schlangen auflauerten. Dann sprangen wir kopfüber rein, schwammen bis zur Mitte, wo die Strömung am schnellsten war, und ließen uns treiben – bis zur rettenden Hängebrücke, wo auch unsere Kleider hingen.


Frauentheater
Montag, 30.August 2004

Unser letzter Drehtag, dachte ich jedenfalls bis heute morgen… und es hat noch mal richtig Spaß gemacht. Wir waren auf einem Seminar der KAS in einer großen Aula, die sehr schwer auszuleuchten war. Eine Aula voller Frauen in bunten langen Kleidern, mächtig aufgestylten Frisuren und dicker Schminke. Dennoch wurden wir permanent auf unsere sehr knapp geschnittenen T-Shirts und Hemden angesprochen. Nicht selten zupfte mir eine „Mama“ mein Hemd zurecht, das ab und zu einen Blick auf meine Tallie zurließ, wenn ich die Kamera schulterte. Wir kamen uns vor wie auf dem Maskenball, denn es wurde laut gesungen und geklatscht. Eine Theatergruppe führte ein sehr lustiges Stück auf, in welchem mit viel Witz und schauspielerischem Talent die Rolle der kongolesischen „Mama“ aufs Korn genommen wurde. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie leicht die Kongolesen zu begeistern sind. In guter wie negativer Hinsicht. Denn es war nicht nur das ausgefallene Mitjubeln, Klatschen und Feiern, das mich beeindruckte, sondern auch die Art und Weise, wie sie mitgrölten, wenn jemand beschimpft wurde oder zum Staatsstreich ausrief. Eine Welt der Extreme, in welcher die Menschen nachts auf fröhlicher Musik tanzen gehen und am nächsten Morgen wieder Steine schmeißen.


Deutsche Polizisten im Dschungel
Dienstag, 31.August 2004

Der letzte Drehtag. Endgültig. Ich war alleine unterwegs heute. Um halb sechs aufgestanden nach ein paar unruhigen Stunden Schlaf. Doch der Fahrer kam nicht. So saß ich über eine Stunde vor der geschlossenen Botschaft auf der Bank, zwischen mindestens 20 Kongolesen mit Kind und Kegel, die für den Visum-Antrag rechtzeitig anstanden. Fragen über Fragen. Immer dieselben. „Ca va? Oui, ca va…“. So beginnt eigentlich jedes Gespräch. Nach dem Namen und der Nationalität folgt dann meistens direkt die Frage, ob ich verheiratet bin. Dann Erklärungen, warum noch keine Kinder und so fort. Erklärungsnot pur. Jedes mal muss ich dabei ein Katja denken, die auf die Frage „Tu es mariée?“ antwortete: „Non, je suis Katja“...

Dann endlich. Ohne Entschuldigung oder Erklärung kam der Defender um die Ecke gebraust. Lud mich mit dem ganzen Gepäck in den Wagen. Knöpfe runter und los. Als ich nachfragte und bemerkte, dass er mittlerweile 1.30 h zu spät sei, bekam ich innerhalb der nächsten 3 Minuten 3 verschiedene Erklärungen aufgetischt Auch egal. Warum auch immer. Die Zeit geht hier einfach anders… und wir Deutschen! Das war wieder typisch. Ich ärgerte mich ebenso wie die beiden deutschen Polizisten, die ich heute mit der Kamera begleitete, weil der „Zeitplan“ nicht aufging. Eigentlich eine schlechte Angewohnheit. Der Fahrer hat sich sicher nicht geärgert.

Das Ausbildungslager der kongolesischen Polizei, das von der EU finanziert wird und in welchem 17 europäische Polizisten die Generäle ausbilden, war noch nicht einmal halb fertig gebaut. Eine Stunde Fahrt außerhalb von Kinshasa auf einem Hügel mit Blick ins Tal: einige hundert Bambushütten – Kansangulu.
Stefan und Helmut, deutsche Polizisten im Kongo
Ohne Wasser, mit drei Stunden Strom pro Tag und halbfertigen Gebäuden saßen die Jungs dort, trieben Sport und versuchten mit der Situation einigermaßen klarzukommen. Der Videobeamer und Labtops standen undausgepackt in der Ecke. Auf Schiefertafeln versuchten sie, die Folien nachzuzeichnen. Die erste Lektion hatten sie schon gelernt: es funktioniert schon alles irgendwie, nur nicht so wie man es plant.

Genauso wenig war es geplant, erst gegen kurz vor knapp am Nachmittag wieder in der Botschaft zu sein, wo wir noch einen Drehtermin hatten und dann den Rohschnitt des Films zum ersten Mal vorstellen sollten. Vollgeladen mit drei kongolesischen Polizisten an Bord, die sich einfach ins Auto gesetzt hatten und mit nach Kinshasa fahren wollten, erreichte ich gerade rechtzeitig die pünktlich anfangende Sitzung - die dann letzten Endes doch nicht stattfinden konnte, weil die Kameras mit dem Neonlicht nicht klarkamen und der Fahrer die Lichtkoffer zur falschen Adresse gefahren hatte, und wir über eine Stunde auf den Koffer warteten, der dann doch irgendwo anders hingeliefert worden war…

Bilderwelten
Mittwoch, 1. September 2004


Simone hochkonzentriert bei der Arbeit
Meine Augen tränten, als ich gegen Nachmittag hinter dem Bildschirm wieder auftauchte. Mit Kopfhörern ausgestattet klebten wir vor den Monitoren und verschwanden förmlich in unserer Bilderwelt.
Dann wurde es Zeit, etwas ganz anderes zu machen: Zum ersten Mal seit mehr als drei Wochen waren Katja und ich alleine unterwegs. Wir schlichen aus dem Gelände und schlenderten die 500 Meter zum Grand Hotel, um uns dort an der Poolbar die reichen Kongolesen mit den teuren Diamanten anzuschauen. Auf dem Rückweg waren wir nicht mehr alleine. Überall hatte es sich herumgesprochen, dass wir unterwegs waren. Jede Menge Leute um uns.


Eine Spazierfahrt wird zum Abenteuer
Donnerstag, 2. September 2004

Nach dem Termin in der Botschaft durften wir beiden Mädels Ingos Auto nach Hause fahren. Golf II Cabrio... da konnten wir es nicht lassen, noch mal eine Runde zu drehen. Im Büro vorbei, um noch ein Kabel zu holen… einkaufen.

Das Auto machte irgendwann zwischendrin einfach so schlapp und sprang ewig nicht an. Dann ging der Rückwärtsgang nicht mehr, dann der erste, zweite und dritte Gang.

So standen wir in einer Sackgasse. Keine 2 Minuten später standen 30 Kongolesen um uns herum und diskutierten wild auf Lingala. Wir verstanden kein Wort. Sie lehnten sich alle gleichzeitig ins Auto auf unseren Schoß, um den Rückwärtsgang einzulegen. Keine Chance. Gear-Box kaputt. Es ging nichts mehr... wir waren beide komplett durchgeschwitzt bis wir den Leuten erklärt hatten, dass sie uns rückwärts raus schieben sollten.

Im 4. Gang tuckelten wir die Strassen runter. Ohne Rücksicht auf Ampeln, Kreuzungen und alles. Nach einem kurzen Zwischenstopp, um im Grand Hotel eine Telefonkarte zu kaufen, stiegen wir gerade wieder ins Auto und versuchten im 4. Gang anzufahren, da kamen auch schon die ersten UN-Panzer vorbei und machten den Leuten klar, dass sie verschwinden sollten, denn die Präsidentengarde käme angerauscht. Urplötzlich war die Strasse leer. Wir waren allein und standen mit unserem kaputten Getriebe zum Glück schon in der nächsten Seitenstrasse. Gerne fangen die Jungs der Garde auch mal an, die Menschen am Straßenrand, die nicht rechtzeitig wegkamen, abzuknallen. Anarchie pur und doch anscheinend so alltäglich in diesem Land, wo seit Mobutu kein Präsident mehr eines natürlichen Todes gestorben ist.


Das Ende in Sicht
Freitag, 3. September 2004

Die Zeit vergeht nun wie im Flug und ich nehme sie hinter dem Labtop fast nicht mehr wahr. Viele Leute werden wir eventuell nie wieder sehen und sie als Erinnerungen und vielleicht auf Tape mit nach Hause nehmen. Manche sind auch Freunde geworden. Aber vielleicht können wir ja auch wiederkommen, wenn wir die ein oder andere Geschichte in Deutschland bei einem Sender unterbringen.

Wir haben so manches Hoch und Tief, nun immer wieder. Die Tonspur hat mich die ganze Nacht gekostet, Musik inklusive. Inserts, Abspann, Blenden… tausend Möglichkeiten und jedes Mal eine Entscheidung, die richtig sein muss. Wir beide haben zum ersten Mal einen so langen Film komplett von Anfang bis zum Ende selbst produziert. Wir halfen uns gegenseitig aus und waren uns meistens einig, konnten viel voneinander lernen und waren einfach ein gutes Team. Schön war’s... und vor allem lustig. Danke Katja!



Endspurt
Samstag, 4. September 2004

Letzter Tag. Endspurt. Heute muss der Film fertig sein. Dann morgen auf CD brennen. Computerabsturz, DVD-brennen ging nicht, Loggin-Tool wollte nicht mehr. Wir hielten uns irgendwie bei Laune. Sprangen zwischendurch abwechselnd in den Pool, da wir nur noch an einem PC arbeiten konnten.

Pünktlich zu Mitternacht dann: endlich die erste vorab-Version zum ersten Mal auf Tape ausspielen. Das war ein Schluck wert! Zum ersten Mal fiel etwas Druck und Anspannung von meiner Seele, denn der Auftrag war so gut wie erledigt. Pflicht getan. Morgen kommt dann die Kür. Jetzt war es an der Zeit, zu feiern und Spaß zu haben!


Spannend bis zur letzten Minute
Sonntag, 5. September 2004

DVD-brennen hat dann doch nicht geklappt, auch wenn ich mich in den frühen Morgenstunden direkt drangeklemmt habe. Ärgerlich, aber so hatten wir noch Zeit, einige Verbesserungen vorzunehmen. Wir waren beide ziemlich perfektionistisch auf den letzten Drücker. So wurden wir gerade noch fertig, den Film zum ersten Mal via Fernseher vorzuführen und darauf anzustoßen. Wir waren ein kleines bisschen stolz.

Dann ging es 5 Minuten später auch schon direkt zum Flughafen. Großer Abschied.

Das letzte, was Kinshasa als Eindruck hinterließ, bevor wir nach vielen Stunden Warten auf dem Flughafengelände in die Maschine stiegen, war ein Militäraufgebot ohnegleichen.

Erst kam die Präsidentengarde am Airport vorbei und hinterließ eine wartende Autoschlange und ein abgesperrtes Flughafengelände, dann kam eine Ladung UNO-Panzer angerollt, inklusive kongolesischer Sicherheitsdienste, Soldaten und Blauhelme im Schlepptau. Laute Hubschrauber, hupende Militärkolonnen, bewaffnete Jungs hinter grell blendenden Scheinwerfern in der totalen Finsternis. Wer auch immer da auf dem Flughafen ankam... er scheint wohl wichtig gewesen zu sein.


Letzte Hürden
Montag, 6. September 2004

Landung dann nach anstrengenden 12 Stunden Flug - und auch noch zu spät - in Brüssel. Gerade noch so im Dauerlauf in das nächste Flugzeug gekommen. Dann in Tempelhof erfahren, das Gepäck sei nicht mitgekommen. Später dann der Anruf vom Zoll. Wir hatten keine Papiere als Beweis dafür, dass wir die Technik nicht im Ausland gekauft hatten. Hat viel Überredungskunst gekostet. Aber hey, das hätte nie schief gehen können, nach all dem, was wir erlebt hatten....



Simone Schlindwein / Februar 2004

Alle 4 Teile auf einen Blick:
siehe auch
Reisebericht Teil 1

Reisebericht Teil 2
Reisebericht Teil 3
Reisebericht Teil 4
(redaktionelle Betreuung: Dr. Lars Karl, Potsdam)

 



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