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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Endstation

Vorstadt



Zeiten des Aufruhrs nach dem gleichnamigen Roman von Richard Yates am DT Berlin | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Mit Zeiten des Aufruhrs (im englischen Original Revolutionary Road) hat der Schriftsteller Richard Yates 1961 nicht nur einen ziemlich genauen Bericht über die Hölle der US-amerikanischen Vorstädte der 1950er Jahren abgeliefert, sondern auch einen Roman über das Scheitern einer Ehe an den herrschenden Verhältnissen aus wirtschaftlichen Zwängen und konformer Anpassung. Hier steht aber nicht nur der amerikanische Traum an sich in der Kritik. Yates beschreibt vor allem dessen Auswirkungen auf die Entfaltung individueller Talente und Fähigkeiten sowie den vergeblichen Versuch des Ausbrechens aus angestammten Rollenmustern von Mann und Frau.

Das junge Ehepaar April und Frank Wheeler lebt in einer New Yorker Vorstadt in der besagten Revolutionary Road. Sie hatten einst hochfliegende Träume und Pläne, die sich bei April in Bezug auf eine Schauspielkarriere nach dem zweiten Kind bereits erledigt haben. Und auch Frank dümpelt wie schon sein Vater in einem ungeliebten Bürojob vor sich hin. Ein Umzug nach Paris soll es bringen. Allerdings nur für Frank, der nach dem Plan seiner Frau dort seine eigentliche Bestimmung finden soll, während sie als Sekretärin die Ernährerin der Familie geben will. Damit stoßen sie in ihrem Umfeld kaum auf Verständnis. Eine weitere ungewollte Schwangerschaft Aprils und die bevorstehende Beförderung Franks machen den Traum von Paris schließlich zunichte und April stirbt infolge eines selbst durchgeführten Schwangerschaftsabbruchs. Dazwischen liegen natürlich einige harte Diskussionen des Paars über das Für und Wider des Plans, bei denen vor allem Frank recht manipulativ vorgeht, indem er April wegen des geplanten Schwangerschaftsabbruchs moralische Vorhaltungen macht und sie für psychisch labil hält. Ein klassischer Genderkonflikt also.

Gerade das ist aus heutiger Sicht, und nicht nur in Bezug auf die „MeToo“-Debatte, weiterhin sehr aktuell. Regisseurin Jette Steckel hat mit ihrer Dramaturgin Anika Steinhoff eine Bühnenfassung erarbeitet, die sich vorrangig an diesem Konflikt abarbeitet und dabei weit mehr als der Roman die Seite der Frau betont. Der Mann ist hier der klassische Verhinderer. Schon am Beginn ist es eigentlich schon vorbei. Als kleines Vorspiel auf der Bühne des Deutschen Theaters gibt das Ensemble als Laienspieltruppe (wie auch im Roman) eine kleine Theatervorführung. Nur ist dies hier die am Ende des Romans stehende Frühstücksszene. Ein Ausdruck der Leere und des hölzernen Stillstands, in dem sich das Paar den Zwängen der Verhältnisse ergeben hat. Natürlich geht hier alles schief. Verpatze Einsätze, Texthänger und manieriertes Sprechen, das scheinbare Familienidyll als komplettes Debakel.

Das eigene Leben als verpfuschter Bühnen- oder Film-Set. Die Romanverfilmung von Sam Mendes mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio ist bekannt. Am Deutschen Theater agieren Maren Eggert und Alexander Khuon in den Rollen von April und Frank. Den 50er-Jahre-Touch bekommt die Inszenierung durch eine zumeist Jazz spielende Live-Band. Dazu hat Florian Lösche mehrere leuchtende Großbuchstaben auf die Bühne gestellt, die Worte wie SET, HOME SWEET HOME oder SHOW bilden und ansonsten auch in wilder Reihung als Sitz- und Kletterrequisiten dienen.

Der erste Teil des dreistündigen Abends beleuchtet so die verhasste, mittelmäßige Kleinstadtwelt, auf die die Wheelers herabblicken und doch immer mehr auch selbst Teil davon werden. Exemplarisch sind hier Paare aus der Nachbarschaft wie die Milly und Shep Campell (Kathleen Morgeneyer, Christoph Franken), mit denen sie sich öfter treffen, oder die redselige Maklerin Helen Givings (Judith Hofmann) mit ihrem Mann Howard (Helmut Mooshammer). Man hat sich zwischen Job, Haus und Kindern eingerichtet. Abwechslung bietet Frank nur ein lockeres Verhältnis mit der Büroangestellten Maureen (Maike Knirsch). Es wird viel geredet, geraucht und getrunken. Die Damen singen sehnsüchtige Songs wie See Of Love oder The Ballad Of Lucy Jordan. Aber der Zauber der frühen Jahre ist dem Alltag gewichen. Das plätschert ohne große Spannung bei sich drehender Bühne so dahin, ohne dass sich wirklich zeigen würde, worum es der Regisseurin eigentlich geht.

Erst nach der Pause zieht Jette Steckel das Tempo an. Sie bietet sogar 14 im Stroboskoplicht zappelte Statisten auf. In sehr emotional geführter, fast schon toxischer Kommunikation zerfleischen sich die an ihren einstigen Träumen verzweifelnden Wheelers. Als zusätzlicher Katalysator im Aufzeigen von Lebenslügen fungiert hier der schön verhuscht spielende Ole Lagerpusch mit Hipsterbart. John, der gerade aus der Psychiatrie entlassene Sohn der Givings‘, ist bereits psychisch an der Leere der Verhältnisse erkrankt und wirft Frank wütend die Wahrheit an den Kopf. Retten kann das die Situation allerdings auch nicht mehr. Es endet wie es begann beim Frühstück mit einer unter dem Kleid blutenden Maren Eggert und einem Ausschnitt mit ihr aus Angela Schanalecs Film Orly. Im Gegensatz zu Yates‘ Endstation Vorstadt ein großer Warteraum der Träume und Möglichkeiten.



Zeiten des Aufruhrs am DT Berlin | Foto (C) Arno Declair

pb - 3. März 2019
ID 11258
ZEITEN DES AUFRUHRS (Deutsches Theater Berlin, 28.02.2019)
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Olaf Casimir, Bill Petry, Christian von der Goltz
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Maren Eggert, Christoph Franken, Judith Hofmann, Alexander Khuon, Maike Knirsch, Ole Lagerpusch, Helmut Mooshammer, Kathleen Morgeneyer und Caner Sunar sowie den Live-Musikern Olaf Casimir, Bill Petry und Christian von der Goltz
Premiere war am 28. Februar 2019.
Weitere Termine: 06., 08., 30.03. / 06., 18., 28.04.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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