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Premierenkritik

Tieftraurig und hochkomisch: Glaube Liebe Hoffnung – Münchens Beitrag zu #MeToo



Carolin Hartmann und Mauricio Hölzemann in Glaube Liebe Hoffnung am Münchner Volkstheater | Foto (C) Gabriela Neeb

Bewertung:    



Glaube Liebe Hoffnung könnte jedes meiner Stücke heißen“ hat Ödön von Horvath einmal geschrieben. Er, der zwei Jahre nach der Uraufführug 1936 starb, konnte nicht ahnen, wie oft gerade dieses, sein wohl berühmtestes Volksdrama, dereinst gespielt werden würde. Glaube Liebe Hoffnung - ein Klassiker. Und ein Muss für ein Volkstheater wie das in München. Würde Hausherr Christian Stückl dem Stück noch neue, nicht gesehene Seiten abgewinnen können?

Erzählt wird der unaufhaltsame Abstieg der jungen Dessous-Verkäuferin Elisabeth Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Ihre Versuche, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, scheitern. Es fehlt ihr das Geld, um zu arbeiten. Sie braucht nämlich einen Wandergewerbeschein. Um ihn zu erwerben, verkauft sie ihre Corsagen erst mal ohne Erlaubnis, wird erwischt und ist damit vorbestraft. Was bliebe, wäre die bürgerliche Ehe. Sie könnte ihr eine Existenz verschaffen. Wären da nicht die 14 Tage Gefängnis. Als ihr Bräutigam, ein Polizist, davon erfährt, verlässt er sie – um seiner Karriere willen. Am Ende geht Elisabeth ins Wasser.

Dem Plot liegt eine wahre Geschichte zugrunde, die Horvath 1932 von dem Gerichtsreporter Lukas Kristl erfahren hatte. Beiden ging es darum, gegen die „bürokratisch-verantwortlungslose Anwendung kleiner Paragraphen“ anzuschreiben, die in den unruhigen Zeiten der Weimarer Republik viele bescheidene Existenzen vernichteten. „Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind - aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen“, meint Horvaths Elisabeth zunächst und vertraut trotz allem auf die Zukunft. Sie wird hoffen bis zum Schluss. „...es soll ja noch schlechter werden, aber ich lasse den Kopf nicht hängen“, sind ihre letzten Worte, als sie aus dem Wasser gezogen wird und stirbt. Ihr Polizist hatte schon recht: „Ohne Glaube Liebe Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinander." Elisabeth: "Sie haben leicht reden als Staatsbeamter in gesicherter Position.“

Christian Stückl hat Horvaths kleinen Totentanz in 5 Bildern fulminant in Szene gesetzt, behutsam aktualisiert und dabei doch gegen den Strich gebürstet, so dass das Stück frisch wirkt, als hätte man es noch nie gesehen.

Schwarz und anthrazitgrau staffeln sich aufziehbare Bühnenwände (vom bewährten Stefan Hageneier) in die Tiefe des Raumes, schwarz gekleidet sind die Akteure allesamt. Grellbunt leuchten aber die Farben ihrer Darstellung. Besonders die männlichen Figuren sind grotesk überzeichnete Karikaturen ihrer selbst, grandios verkörpert von dem jungen Ensemble. Der bösartige Oberpräparator (Timocin Ziegler), der verklemmte Unter-Präparator (Oleg Tikhomirov), der zynische Amtsgerichtsrat (Pascal Fligg), der beflissene Polizist (Jakob Gessner) – tragikomische Figuren, die spielen, was das Zeug hält: Lacher gegen die Dunkelheit, die diese nur noch schwärzer machen.

Dafür haben Christian Stückl und die Dramaturgin Daphne Ebner die Szenen ein wenig angereichert, etwa um eine ebenso bedrohliches wie burleskes Bild im Wirtshaus. Dorthin hat der Polizist seine Elisabeth ausgeführt, auf deftige Würscht und ein dunkles Bier. Leider unter die stadtbekannte saubere Gesellschaft, den Ober- und Vizepräparator, den Amtgerichtsrat nebst Gattin, die immerhin vergeblich versucht, Elisabeths Katastophe aufzuhalten. Denn noch weiß der Schupo nichts von der Vergangenheit seiner Braut. Da wird gesabbert, gefurzt und auf Kosten der Frauen gewitzelt („Ein Äffchen ist ein kleiner Affe, was ist die Verkleinerungsform der Made???“), dass es einem - wie Elisabeth auch - den Appetit verdirbt und das Lachen im Halse stecken bleibt. Ganz im Sinne Ödön von Horváths:

"Es soll gezeigt werden, wie tragische Ereignisse sich im Alltagsleben oft in eine komische Form kleiden ... Alle meine Stücke sind Tragödien ... sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind.“

Vor allem die Frauen sind Opfer der Verhältnisse. Das gilt sogar für die Frau Amtsgerichtsrat. Sie macht Elisabeth ihr bisschen Geschäft kaputt, weil sie „zur Zerstreuung“ mehr Corsagen als Elisabeth verkauft - indem die feine Dame sich nämlich für Männer ihrer Kreise auszieht. Prostitution, wohin man blickt. Auf der Straße, auf der Wache, in der Ehe. Am Schluss muss auch Elisabeth dran glauben. Ihren toten Körper hat sie nicht an den Oberpräparator der Anatomie verkaufen dürfen, dafür bietet sie nun den lebenden feil. Verzweifelt und kämpferisch, gleichsam immer wieder auferstehend von den (lebenden) Toten. Noch ein toller Auftritt der jungen Nina Steils, die hier ihre erste Hauptrolle spielt.

Elisabeths Ende als Prostituierte steht nicht im Text, aber er passt. Die berühmten Verse des Magisters von Biberach aus dem 15. Jahrhundert hat jedoch Horvath selbst ans Ende gesetzt. In Stückls Version intoniert sie die Frau Amtsgerichtsrat (Luise Deborah Daberkow) und nicht ein Buchhalter.

*

Unbedingt hingehen und selber sehen: So farbig kann schwarz sein!



Nina Steils und Jakob Geßner in Glaube Liebe Hoffnung am Münchner Volkstheater | Foto (C) Gabriela Neeb

Petra Herrmann - 2. Dezember 2018
ID 11078
GLAUBE LIEBE HOFFNUNG (Münchner Volkstheater, 30.11.2018)
Regie: Christian Stückl
Bühne & Kostüm: Stefan Hageneier
Musik: Tom Wörndl
Dramaturgie: Daphne Ebner
Besetzung:
Elisabeth ... Nina Steils
Schupo ... Jakob Geßner
Herr Amtsgerichtsrat ... Pascal Fligg
Frau Amtsgerichtsrat / Prostituierte ... Luise Deborah Daberkow
Irene Prantl / Prostituierte (Marie) ... Carolin Hartmann
Präparator ... Oleg Tikhomirov
Oberpräparator / Invalide / Kellner / Lebensretter ... Timocin Ziegler
Vizepräparator / Kriminaler / Prostituierter ... Mauricio Hölzemann
Premiere war am 30. November 2018.
Weitere Termine: 03., 07., 15., 16., 25.12.2018 // 02., 12., 13.01.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-volkstheater.de


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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