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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Wüten in

Wild-West-

Manier



Am Königsweg von Elfriede Jelinek im Theater Aachen | Foto © Carl Brunn

Bewertung:    



Sogenannte Königswege waren in antiken Großreichen den Herrschern und deren Gefolge vorbehalten. Diese Straßen oder Wege führten am schnellsten und komfortabelsten zu verschiedenen Landesteilen. Inspiriert vom gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten Donald Trump betrachtet Elfriede Jelinek in ihrem Drama Am Königsweg (UA 2017) ihn, ohne ihn tatsächlich namentlich zu erwähnen. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin verarbeitete ihre Fassungslosigkeit, dass der Entertainer und windige Geschäftsmann Präsident der USA werden konnte. Das Phänomen des narzisstischen Twitter-Wüterichs im Weißen Haus bildet also den Subtext. Jelinek erzählt ihr Drama jedoch aus einem antiken und gleichzeitig zeitgenössischen Blickwinkel. Es enthält alle Ingredienzien einer Tragödie, denn der König wird analog zum antiken König Ödipus betrachtet, der Schuld auf sich lädt.

Am Königsweg wurde von der Zeitung Theater heute zum Stück des Jahres 2018 gekürt. Die Uraufführung des Dramas erhielt im gleichen Jahr den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen. In Christian von Treskows Inszenierung am Theater Aachen unterstreicht wiederholt leise eingespielte Klaviermusik den Redefluss (Musik: Malcolm Kemp). Diese Pianountermalung betont den sprachlichen Klangfluss mit stets kleinen Abweichungen und Veränderungen wie in der sogenannten Minimal Music. Das Drama unterstreicht so das kompositorische Gespür Jelineks, die musikalisch-rhythmisiert Stimmen und Gegenstimmen in einen Dialog treten lässt: „Die Erlöse des Erlösers“ haben die Wahrheit auf Kredit gekauft; im Versprechen auf noch mehr.

Jelineks Textfläche ohne Absatz birgt absichtsvolle Assoziationsketten. Das gesprochene Wort erzeugt hochphilosophisch oder kalauernd einen gewissen Sog und Atmosphäre, wenn es etwa heißt: „Die Worte sind aufgebraucht. Jetzt herrschen die Aufgebrachten.“ Sprachstile fügen sich ineinander, verweben und ergänzen sich. So fließen plötzlich Provokationen mit ein, die an eine gewisse Hate Speech von leicht reizbaren, anonym bleibenden Internetnutzern erinnern.

Der König wird stets von verschiedenen Schauspielern personifiziert. Genauso wie Trump bei seinen Auftritten oftmals Western- und Superheldengesten imitiert, bietet das Drama ständig mediale oder triviale Bezüge. Die Drehbühne setzt sich regelmäßig in Bewegung. Hier zeigen Videoprojektionen von Luca Fois die gleich kostümierten Darsteller neben ihrer physischen Präsenz in anderen Bewegungen. So wird bildlich Ausdruck gegeben, wie Schein und Wirklichkeit ineinander überzugehen vermögen.

Der Trump-Tower fließt in die unzähligen lebendigen Monologen und Dialogen genauso ein, wie die umstrittene Mauer zu Mexiko. Auch an der 0-Dollar-Steuererklärung, Amtsmissbrauch, dem Mitarbeiterverschleiß und Trumps Sexismus arbeitet sich die Inszenierung ab. Es wird deutlich, dass hinter Trump immer auch ein Familienclan steht, der gleichsam mit Trump erbost reagiert, wenn Kritik hörbar wird. Die leiblichen Kinder des Königs mischen in der Politik natürlich mit. Sie werden analog zu biblischen Familien wie Abraham und Isaak oder anderen betrachtet. Biblisch gebärt sich alsbald auch die Sprache der vorgetragenen Textfläche. Es heißt, er sei geschickt. Es heißt, er sei der Weg und die Vorlage. Er wurde erwählt durch seine alternativen Fakten. Ein Verweis vom Vater auf den Gottvater liegt da natürlich nahe, wenn ausgerufen wird: „Lasst das Land wieder zu dem machen, bevor wir es entdeckt haben.“

Das Drama handelt davon, dass der Mann das Wort, der Anfang und das Ende sei, womit das chauvinistische Frauenbild Trumps aufgezeigt wird. Zwei weibliche Figuren auf Stöckelschuhen stöhnen, ihr Gesicht in die Länge ziehend. Sie haben scheinbar gerade ein schmerzhaftes Facelifting erfahren. Sie drücken ihre Bewunderung aus für den vulgär-prahlerischen Animationsclown, den autoritären Rebell und rechten Anarchisten. Eine männliche Figur stimmt Lou Begas Potenzhymne Mambo No. 5 an: „I like Angela, Pamela, Sandra and Rita…“. Die Vermutung wird laut; obwohl viel gezwitschert werde, vögeln tue er woanders.

Drei männliche Darsteller betreten stürmisch in Fetischkostümen die Bühne, die von Domina-ähnlichen Akteurinnen an einer Hundeleine gehalten werden. Wie im Wilden Westen wird das Recht des Stärkeren postuliert. Denn der Glaube an den starken, weißen Mann scheint ungebrochen. Gejodel unterstreicht die unzähligen Falschaussagen des Königs. Denn die Wähler hassen bekanntlich Korrektheit und sind gegen das Establishment. Im Geschichtsbuch oder Gesichtsbuch gilt die Wahrheit, die man selbst von sich preisgibt. Nur der Aufmerksamkeits-, Unterhaltungs- und Emotionswert muss stimmen.

Als Pendant zu Trump dient in dem Drama der antike König Ödipus. Antike Vorstellungen der Opferung basierend auf der antiken Tragödie werden etwa durch mehrfach auftretende synchrone Stimmen im Chor szenisch angedeutet. Die klagenden Figuren tragen barocke Perücken. Hier wird auch bildlich ausgedrückt, dass alte Gewissheiten in Frage stehen, wenn es heißt, „unsere Zeit ist um“. Die Perspektiven verschwimmen ohnehin, wenn das Alter Ego der Autorin, die Seherin, geblendet wird und so erblindet. In einem Wechselspiel wird nun die Frage gestellt, wer denn nun eigentlich die Misere verschuldet hat. Was ist hier noch echt? Am Schluss sind alle die Geopferten.

Die unterhaltsam-vergnügliche Parodie eines Präsidenten problematisiert, dass demokratische Verhältnisse gefährdet scheinen, wenn der König die eigene Macht durch Gewalt und Ausbeutung schamlos ausnutzt. Seine ökonomischen Interessen gehen auf fatale Weise mit seiner politischen Macht einher. Von Troskows Inszenierung zeichnet sich (ganz im Gegensatz beispielsweise zu Stephan Kimmigs Inszenierung am Deutschen Theater Berlin) durch großen Ideenreichtum und eine dynamisch sehr präzise und gekonnte Spielwut des Ensembles aus. Das choreographisch ausdrucksstarke Auf und Ab der Szenerien ist stimmig, die Dialoge und Monologe erscheinen witzig und pointiert. Schlussendlich sind auch die eindrucksvollen Kostüme von Sandra Linde und Dorien Thomsen sehenswert.



Am Königsweg von Elfriede Jelinek im Theater Aachen | Foto © Carl Brunn

Ansgar Skoda - 22. Januar 2019
ID 11163
AM KÖNIGSWEG (Theater Aachen, 19.01.2019)
Inszenierung: Christian von Treskow
Bühne und Kostüme: Sandra Linde und Dorien Thomsen
Musik: Malcolm Kemp
Video: Luca Fois
Dramaturgie: Inge Zeppenfeld
Mit: Petya Alabozova, Luana Bellinghausen, Marion Bordat, Tim Knapper, Julian Koechlin, Melina Pyschny, Philipp Manuel Rothkopf, Benedikt Voellmy und Alexander Wanat
Uraufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg: 28. Oktober 2017
Aachener Premiere war am 19. Januar 2019.
Weitere Termine: 26.01./ 03., 09., 13., 21.02./ 01., 17., 30.03./ 06., 12.04.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.theateraachen.de


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