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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Der Tag der Gespenster

„Zwischenspiel“ nach dem Roman von Monika Maron in einer Bühnenfassung von Felicitas Zürcher


Zwischenspiel am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer

Bewertung:    



Ein fast philosophisches Kammerspiel ist das, was Dramaturgin Felicitas Zürcher und Regisseur Malte Schiller auf die kleine Bühne des Kleinen Hauses gebracht haben: Die Endfünfzigerin Ruth fährt zur Beerdigung der Fast-Schwiegermutter und späteren Freundin Olga und landet stattdessen dank einer impressionistischen Bewusstseinstrübung in einem Park voller Erinnerungen. Wie Gespenster erscheinen ihr die frisch Verblichene, und einige Begleiter aus der Vergangenheit, sogar der Hund ihrer Jugendzeit, werden wieder lebendig. Die Erscheinungen beantworten alte Fragen und stellen neue.

Die erzählte Geschichte von Unrecht, Schuld und Verantwortung im Milieu der ostdeutschen Schriftstellerei ist so ungewöhnlich nicht, man kennt diese so ähnlich aus anderen Biographien und Erzählungen. Neu ist hingegen deren Verdichtung mittels Gespenstern, die aus früheren Zeiten aufsteigen und Ruth in Diskussionen über lang bewältigt geglaubte Ereignisse zwingen. Neben Olga konfrontiert auch Bruno, Freund und Inspiration ihres damaligen Ehemanns Hendrik, der sein Talent dem ungeliebten System durch Totsaufen entzog, sie mit den Folgen der früheren Entscheidungen.

Aber Ruth weiß sich zu behaupten, und „Schuld bleibt immer, so oder so“, wenn man „nur die Wahl zwischen dem einen oder dem anderen Falschen hat“, wie Olga ihr bestätigt. So rechtfertigt sich auch der Entzug der Tochter Fanny, der dem Vater und später als Stasi-Spitzel erkannten Bernhard durch Ruths Ausreise mit dem dank Brunos Vorlagen berühmt und unbequem gewordenen Schriftsteller Hendrik widerfuhr.

Zum Schluss erscheint gar das Unbewusste, das Böse, das in jedem schlummert, und lässt Ruth in die eigenen Abgründe blicken. Auch eine Zukunftsvision entsteht ihr aus dem Goya-Bild Das Begräbnis der Sardine, die nichts Gutes verheißt. Doch am Ende des Tages landet sie recht unbeschädigt wieder in der Realität, und zudem hat sie einiges geklärt mit sich. Die Klärung mit der eigenen Tochter steht noch aus, aber auch das wird sie nun angehen, darf man vermuten.

*

Trotz eines famosen Bühnenbildes (Markus Pötter), das aus zwei drehbaren Balken besteht, die den Spielraum eng einfassen und vor allem als Parklandschaft eine große Wirkung entfalten, wähnt man sich gelegentlich in einer erweiterten szenischen Lesung, was bei einer Literaturadaption sicher nicht überraschend ist. Drei der Darsteller agieren im Spielverlauf in verschiedenen Rollen, die aber auch dank kluger Kostümdetails (Julia Pommer) immer unterscheidbar sind. Die Musik (Kriton Klingler-Ioannides) zitiert in verschiedenster und hörenswerter Weise Eislers Nationalhymne und gibt damit den passenden Rahmen.

Zu bekritteln ist vor allem jene unsägliche Szenenfolge, die ich mit „Karussell fahren mit den Honeckers“ beschreiben würde. Hier wird kein Klischee ausgelassen, von Margots Blauhaar bis zu Erichs tatterigem Winken ist alles dabei. Jenem muss dann auch noch eine Stalin-Erscheinung im Brandenburger Naziknast widerfahren… Das Ergebnis ist schlechtes Kabarett, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Lebenslüge jener Antifaschisten, die doch antraten, alles besser zu machen, gerät zur Farce. Man ist eher peinlich berührt als amüsiert in diesen verzichtbaren zehn Minuten, von einem Erkenntnisgewinn ganz zu schweigen.

Anderes hingegen gelang deutlich besser, in Erinnerung blieb mir z.B. eine hübsche Laterna magica zu asiatischen Formen der Problemlösung, die in der DDR allerdings an der mangelnden Versorgung mit Konsumgütern (hier Pferdehaar) scheiterten.

Getragen wird das Ganze von einer respektablen Leistung der SchauspielerInnen. Noch-Student Max Rothbart überzeugt mit sicherem Spiel, egal ob als Schriftsteller oder Hund. Anna-Katharina Muck gibt vor allem der Olga eine scharfe Kontur, ihre Fanny bleibt eher blass. Matthias Luckey hat mit Bruno eine dankbare Rolle, die er perfekt ausfüllt, ist aber auch als Bernhard und Genosse Keller sehr glaubwürdig.

Mittelpunkt des Stücks ist die Ruth von Hannelore Koch. Manchmal erscheint ihr Lächeln maskenhaft, die Figur einer Schablone entnommen, doch im nächsten Moment wirkt sie wieder unglaublich authentisch, woraus sehr berührende Szenen entstehen. Sie erntet den größten Beifall am Premierenabend.



Zwischenspiel am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer


Sandro Zimmerman - 4. Oktober 2014
ID 8149
ZWISCHENSPIEL (Kleines Haus 3, 03.10.2014)
Regie: Malte Schiller
Bühne: Markus Pötter
Kostüm: Julia Pommer
Musik: Kriton Klingler-Ioannides
Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Licht: Andreas Kunert
Besetzung:
Ruth ... Hannelore Koch
Olga / Fanny u. a. ... Anna-Katharina Muck
Bruno / Bernhard u. a. ... Matthias Luckey
Hendrik / Nicki u. a. ... Max Rothbart
Uraufführung war am 3. Oktober 2014
Weitere Termine: 9., 20., 31. 10. / 14., 22. 11. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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