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55. Berliner Theatertreffen | 4. - 21. Mai 2018

THEATER BASEL

mit WOYZECK


Bewertung:    



Laufbänder, sich drehende Walzen und rotierende Scheiben über die zu stark rhythmischer Live-Musik schreitende Chöre ziehen, als zöge es sie magnetisch in einen Abgrund, in den zu fallen sie nur durch Seile gesichert sind. Die Bühnenmaschinerie des Theaterregisseurs Ulrich Rasche ist über die Jahre gewachsen, hat sich zu einem unnachahmlich ästhetischen Stil und Markenzeichen entwickelt. Waren die riesigen Förderbänder seiner Münchner Räuber-Inszenierung noch zu groß für Berliner Bühnen und konnten deswegen beim letzten Theatertreffen nicht aufgebaut werden, so passt die große Scheibe für Georg Büchners Woyzeck, den er im September 2017 für das Theater Basel inszenierte, ziemlich exakt auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele. Sie misst im Durchmesser ca. zwölf Meter und ist drehbar auf einem stählernen Hubgerüst gelagert. Es knirscht und knarzt im Getriebe, wenn sich das Ungetüm in Bewegung setzt. Die DarstellerInnen bewegen sich gegen die Drehrichtung über metallene Gitterroste, immer auf der Stelle tretend, ein Bild der Ausweglosigkeit.

Büchner nannte das den „gräßlichen Fatalismus der Geschichte“. Später wird man von sozialem Determinismus sprechen. „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nicht, nichts wir selbst!“ heißt es in Dantons Tod, den Rasche schon 2015 am Schauspiel Frankfurt inszeniert hat. Das Weltengetriebe ein Rad, eine Scheibe, die sich unaufhörlich dreht. Der Mensch schicksalhaft darauf gekettet, durch deren stetige Bewegung verdammt zum dauernden Marsch gegen Fliehkräfte und andere Gewalten, die wie Naturgesetze an ihm ziehen. Heiner Müller schrieb in Die Wunde Woyzeck vom Frost der Entropie. Ein System für immer in sozialer Ungleichheit eingefroren. Die Menschheit scheint, so lehrt die Geschichte, wohl unfähig zur Änderung einmal gefestigter sozialer Strukturen. Was bei Büchners Danton das schicksalhafte Scheitern der französischen Revolution ist, ist bei seinem Woyzeck eine gottgegebene Hierarchie, in der sich der Soldat Franz Woyzeck in der Rangordnung ganz unten befindet.

Beispielhaft dekliniert Büchner in seinem Stück den Gang der Dinge. Durch die Zurichtungen seines moralisierenden Hauptmanns, den Woyzeck täglich für ein paar Groschen rasiert und der ihm dafür Tugendpredigten hält, oder durch die an seiner Physis und Psyche zehrenden Experimente des Doktors, der ihm den freien Willen abspricht und ihn als Hund bezeichnet, wird Woyzeck systematisch in den Wahn getrieben. Der Mensch fängt hier erst beim Tambourmajor an, der Woyzeck die Frau ausspannt, ihn erniedrigt und prügelt. Viehisch sind hier aber alle, soweit nivelliert Rasche sein Dramenpersonal und stellt es neben- oder in Reihe hintereinander. Büchners Text wird lang zerdehnt und im Takt der Musik mehr gebellt als gesprochen. Regisseur und Bühnenbildner Rasche hat das sehr bildgewaltig in Szene gesetzt. Getrieben, verhetzt, sich in Schritt und Haltung der Drehbewegung anpassend, oder sich ihr mit letzter Kraft entgegensetzend schwitzt und keucht sich Nicola Mastroberardino als Woyzeck durch den gut dreistündigen Abend. Das Drama einer Menschzernichtung durch die Gewalt der Sprache ist hier vor allem auch als physischer Akt erfahrbar.

Leichte Nuancen in der Darstellung gibt es nur bei Franziska Hackl, die ihre Marie mit sehr viel Stolz und Trotz ausstattet. Thiemo Strutzenberger und Florian von Manteuffel als Hauptmann und Doktor umkreisen ihr Opfer Woyzeck wie Geier die Beute. Michael Wächter lässt seinen Tambourmajor vor Manneskraft strotzend nach Brandewein brüllen. Dann setzen endlich in der Kneipenszene auch die Chorpassagen ein. „Ein Jäger aus der Pfalz“ als martialisches Wortstakkato zu rhythmisch immer stärker forcierender Musik. „Immer zu! - immer zu!“ skandiert Woyzeck auf der hochfahrenden Schreibe. Der Blick in den menschlichen Abgrund, der schwindelnd macht. Ein in die Enge getriebenes Tier umringt von gleichgeschalteten Maschinenmenschen. Hier ist Rasches düster pessimistische Setzung ganz bei Büchners Zweifel an der Wirkung der Aufklärung. Kleists Marionettentheater ist bei Büchner die „Drahtpuppe“ (Der Hessische Landbote). Der Mensch ein Automat, der sprechen kann. Nie hat Rasches Stil so gut gepasst. Und doch fragt man sich: Wie soll es weiter gehen? Nach der Potenzierung der chorischen Wucht auf zwei Scheiben zu Ágota Kristófs Das große Heft in Dresden scheint eine Steigerung für Mitwirkende wie Publikum kaum noch möglich.



Woyzeck am Theater Basel | Foto (C) Sandra Then

Stefan Bock - 18. Mai 2018
ID 10701
WOYZECK (Haus der Berliner Festspiele, 17.05.2018)
Inszenierung und Bühne: Ulrich Rasche
Bühnenbildmitarbeit: Sabine Mäder
Komposition: Monika Roscher
Sounddesign: Alexander Maschke
Kostüme: Sara Schwartz
Licht: Cornelius Hunziker
Chorleitung: Toni Jessen
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Franz Woyzeck ... Nicola Mastroberardino
Marie ... Franziska Hackl
Hauptmann ... Thiemo Strutzenberger
Doktor ... Florian von Manteuffel
Tambourmajor ... Michael Wächter
Andres ... Max Rothbart
Margreth / Ausrufer / Der Jude ... Barbara Horvath
Ausrufer / Handwerksburschen ... Toni Jessen und Justus Pfankuch
Live-Musiker: Alexander Maschke (Viola), Sebastian Hirsig (Piano), Katelyn King Nicolas Wolf (Schlagzeug), Lucas Rössner und Gordon Fantini (Fagott/Kontrafagott) sowie Theo Evers (E-Bass)
Premiere am Theater Basel: 15. September 2018
Gastspiel zum 56. BERLINER THEATERTREFFEN


Weitere Infos siehe auch: http://www.theaterbasel.ch


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