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55. Berliner Theatertreffen | 4. - 21. Mai 2018

SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

mit BEUTE FRAUEN KRIEG


Bewertung:    



Auch 2018 lädt das Berliner THEATERTREFFEN wieder zu einer der 10 bemerkenswerten Inszenierungen in die Rathenau-Hallen nach Oberschöneweide. Die alten Industriegebäude an der Spree haben sich schon im letzten Jahr mit der Borderline Prozession aus Dortmund als Ort für technisch aufwendige und räumlich ungewöhnliche Theaterproduktionen bewährt. Es muss also nicht immer der Flughafen Tempelhof sein, um eine andere gerade wieder heiß diskutierte Berliner Location zu nennen. Ein interessanter ehemaliger Industriestandort ist auch die Schiffbauhalle in Zürich, wo Karin Henkel im Dezember 2017 für das dortige Schauspielhaus einen Antikenzyklus mit dem Titel Beute Frauen Krieg auf die Bühne gebracht hat. Bemerkenswert daran ist neben dem recht aktuellen Thema aber v.a. auch die technische Umsetzung, bei der das Publikum vor der Pause dem Geschehen mit Kopfhörern folgen muss, da der lange Bühnensteg von Muriel Gerstner durch zwei Wände dreigeteilt wird. Das ebenfalls in drei Gruppen geteilte Publikum folgt nun wechselnd jeweils einer Schilderung eines Frauenschicksals aus der im Krieg mit den Griechen unterlegenen Stadt Troja. Gespielt wird nach der antiken Tragödie des Euripides in einer heutigen Textbearbeitung von John von Düffel.

Die Troerinnen, um 415 v. Chr. in Athen uraufgeführt, behandelt die Versklavung der trojanischen Frauen nach der Eroberung der Stadt und die Ermordung aller Männer durch die Griechen. Allen voran Hekabe, Witwe des Königs Priamos, beklagt den vielfachen blutigen Mord und das unbeschreibliche Leid der nun als Kriegsbeute für die Griechen aufgeteilten Troerinnen. Schon beim Einlass ist die Stimme von Lena Schwarz in den Kopfhörern zu vernehmen. Das Ensemble streicht hier gleich ziellosen Untoten über die Spielfläche, bis sich die beiden Wände senken und das eigentliche Spiel beginnt. In der Mitte agieren Hilke Altefrohne und Isabelle Menke als doppelte Helena, wegen derer Entführung durch Prinz Paris, die Griechen gegen Troja gezogen sind. Als blondes Schönheitssymbol geben die beiden Schauspielerinnen die in den Augen ihres Mannes Menelaos (finster hinkend: Christian Baumbach) untreue Ehefrau und versuchen die ihnen angelastete Schuld von sich zu weisen. Ein Monolog des sinnlosen Aufbegehrens gegen die männliche Deutungshoheit im 1960er-Jahre-Ambiente mit kleinen Couchtischen entlang der antiken Vorgeschichte bis zum Parisurteil.

Viel ist hier von Schuld und Leid die Rede. Ihre Opferrolle reflektierenden Frauen stehen stumpfe, sie demütigende Männern gegenüber. Feldherr Agamemnon (Michael Neuenschwander) in Offiziersuniform ist vor der Pause ein geschlagener, dem Wahn naher Jammerlappen, der die für ihn auf einer Pooldancefläche von Kate Strong (als Hetäre) ausstaffierte Kassandra (Dagna Litzenberger Vine) für seine vor dem Krieg von ihm selbst geopferte Tochter Iphigenie hält. Die von den Griechen geschändete Seherin, die nur wie puppenhaft agiert, prophezeit ihm den Tod durch seine Frau Klytaimnestra. Auch hier überwiegt der hohe Klageton, der in der dritten Station seine Vollendung findet. In fast gänzlicher Dunkelheit liegt die durch den Tod ihres Mannes Hektor und die Schändung seines Leichnams durch Achill traumatisierte Andromache (Carolin Conrad). Odysseus (Fritz Fenne) lässt noch ihren Sohn Astyanax töten, wofür er eine Babypuppe an die Wand schlägt.

Das Blut tropft, bis auch Hekabes jüngste Tochter Polyxena (Madita Keller) für den Helden Achill geopfert und auf einer Prozession über den Laufsteg getragen wird. Regisseurin

*

Karin Henkel, die bereits mehrfach zum THEATERTREFFEN eingeladen und in diesem Jahr für herausragenden Verdienste um das deutschsprachige Theater mit dem Theaterpreis Berlin bedacht wurde, zeichnet ein düsteres Bild erlittener Kriegstraumata, das sie nach der Pause noch um das Vorspiel zum trojanischen Krieg ergänzt. Iphigenie in Aulis (ebenfalls nach Euripides und in moderner Fassung von Soeren Voima) erzählt die Geschichte der Opferung Iphigenies, um Göttin Artemis für guten Fahrtwind nach Troja günstig zu stimmen. Der anfänglich zaudernde Kriegsherr Agamemnon ergibt sich schließlich dem durch Populisten wie Odysseus aufgehetzten Volk. Mann ist hier um Erklärungen für den Krieg nicht verlegen. Die Wahrheit endet als eigentliches Opfer auf dem Altar des Nationalstolzes. Die Platte hat einen Knacks, doch die Stimme der Vernunft - gespielt von Kate Strong - dringt nicht mehr durch. Begleitet wird das durch Angstvisionen der im Inneren des Trojanischen Pferdes wartenden Griechen.

Henkel bemüht sich um psychologische Differenzierung der einzelnen Frauenfiguren, allein die pathetische Wucht des Leids, das einem natürlich auch nahe gehen soll, lässt das Gezeigte doch ziemlich gleich erscheinen. Wirkten die neun Iphigenies in dem für die Dercon-Volksbühne produzierten Castingshow-Stück [Iphigenie von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada] in der Weite des Hangar 5 auf dem Flughafen Tempelhof doch sehr verloren, hat auch der Iphigenie-Chor von Karin Henkel im kammerspielartigen Ambiente der abgeteilten Rathenau-Hallen kaum mehr Gewicht. Ähnliches hat man auch schon von Henkels Regiekollegin Karin Beier zum Start ihrer Intendanz am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gesehen. Die Rasenden umfasste einen immerhin 6,5stündigen Antiken-Querschnitt um den Trojanischen Krieg mit anschließender Orestie inklusive eben jener gezeigten Tragödienteile. Hier kann lediglich das Konzept der technischen Umsetzung überzeugen. Als Lehrstück über die Leiden von Frauen in Kriegsgebieten mag das exemplarisch sein, aber Frauen allein als leidende Opfer zu zeigen, das dachte man eigentlich künstlerisch schon ad acta gelegt.



Plakatmotiv vom Schauspielhaus Zürich

Stefan Bock - 10. Mai 2018
ID 10691
BEUTE FRAUEN KRIEG (Rathenau-Hallen, 08.05.2018)
Regie: Karin Henkel
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Avild J. Baud
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Anna Heesen
Hekabe / Klytaimnestra: Lena Schwarz
Andromache / Iphigenie: Carolin Conrad
Kassandra / Iphigenie: Dagna Litzenberger Vinet
Helena / Iphigenie: Hilke Altefrohne
Helena / Hetäre: Kate Strong
Polyxena / Iphigenie: Madita Keller
Helena / Iphigenie: Isabelle Menke
Agamemnon: Michael Neuenschwander
Menelaos: Christian Baumbach
Pyrrhos / Achill: Milian Zerzawy
Odysseus: Fritz Fenne
Premiere am Schauspielhaus Zürich: 2. Dezember 2017
Gastspiel zum 56. BERLINER THEATERTREFFEN


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.ch


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