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54. Berliner Theatertreffen | 6. - 21. Mai 2017

INTERNATIONAL INSTITUTE OF POLITICAL MURDER | CAMPO GENT

mit FIVE EASY PIECES


Bewertung:    



Mit Five Easy Pieces vom Schweizer Theatermachers Milo Rau gab es auf dem an performativen Formaten nicht armen 54. Theatertreffen eine weitere ziemlich bemerkenswerte Inszenierung. Rau hat dabei (wie sooft in seinen Stücken) zu einer wahren Begebenheit, hier zum Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, recherchiert und lässt das Material in einer Form des reflektierenden Reenactment szenisch performen. Die Besonderheit ist diesmal, dass er dafür sieben belgische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren besetzt hat, die angeleitet vom Schauspieler Peter Seynaeve den Stoff in einer Art gespieltem Probenprozess erarbeiten.

Wie immer geht es Rau dabei natürlich auch um das Medium Theater selbst. Schon mit dem vorangestellten nachgespielten Casting befragt der Regisseur - hier stellvertretend durch Peter Seynaeve - seine Methode der Darstellung. So sollen die Kinder, die dabei nacheinander vorgestellt werden, erzählen, was sie am Theaterspielen interessiert, welche Rollen sie gern übernehmen wollen, oder sie führen kleine Kostproben ihres Können wie Klavier- und Akkordeonspiel oder Tanz- und Gesangseinlagen vor. Immer dabei ist die obligatorische Livekamera, deren Bilder auf einen großen Videoscreen übertragen werden. Die Kinder und ihre Vorstellungen bleiben so im direkten Fokus.

Man merkt sofort, dass den Kindern Theaterspielen nicht fremd ist. Milo Rau kooperiert für Five Easy Pieces mit dem Theater CAMPO Gent, das schon seit Jahren mit Kindern Theater für Erwachsene macht. Die Frage steht trotzdem im Raum und wird auch diskutiert, ob der Regisseur hier nicht Kinder für seine Ziele ausbeutet. Eine moralische Frage, der man sich nicht ganz entziehen kann, und die in den einzelnen Spielszenen auch immer mitschwingt. Eine weitere Gedankenebene zieht Rau mit der Thematisierung der belgischen Kolonialvergangenheit ein. In einem ersten Video wird von erwachsenen Schauspielern die Feier zur Entlassung des Kongo in die Unabhängigkeit gespielt. Die Szene wird von den Kindern in Kostümen parallel reenactet und gesprochen. Rau nutzt die Parallelität der geschichtlichen Ereignisse zur Kindheit Dutroux‘, der im Kongo als Sohn eines Soldaten aufwuchs, um zwei Geschichten unaufgearbeiteter Vergangenheit zu beleuchten.

Rede und Ermordung des ersten Ministerpräsidenten des Kongo, Patrice Lumumba, sowie die Ereignisse um die späteren Kindermorde Marc Dutroux‘ sind für Rau doppeltes Trauma eines Landes, in dem die Bilder beider Männer jedem Kind präsent sind. In einem vor Livekamera nachgespieltem Interview erzählt Maurice Leerman, der unbedingt geschminkt einen alten Mann darstellen wollte, als Dutroux‘ Vater dessen Geschichte. Und so steigen die Kinder immer wieder in die Rollen von Polizisten, die den Tatort begehen und vor der Kamera über die Ermittlungen und deren politische Pannen berichten, oder die der Eltern eines der entführten Kinder, wenn sie davon erzählen, wie sie die Nachricht des Todes ihrer Tochter erfahren haben.

Das sind natürlich hochemotionale Momente, die allerdings dadurch gebrochen werden, dass (wie am Filmset) Takes wiederholt werden oder gar ein Tränenstift zum Einsatz kommt. In kleinen Runden zwischendurch reflektieren die Kinder zusammen mit ihrem Regisseur über den Tod, das Töten oder die Trauer. An seine Grenzen gerät das Format, wenn die erst 8jährige Rachel Dedain den Brief eines entführten Mädchens aus ihrem Kellerverlies vorliest und Peter Seynaeve die sich schämende Rachel auffordert, sich wie verabredet bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Die Problematik von Macht und Ohnmacht bleibt hier immer präsent. Letztendlich zeigt aber die Souveränität, mit der die Kinder ihre Rollen ausfüllen, dass ihnen die Konfrontation mit der Wahrheit zumutbar ist.

Den Titel Five Easy Pieces hat Milo Rau den Klavierstücken für Kinder von Igor Strawinsky entlehnt. Thematisch umkreist er sein Rechercheobjekt Dutroux in fünf als Proben angesetzten Übungen für Theater mit den Überschriften: Vater und Sohn, Wunschtraum Schauspieler, Versuch über die Unterwerfung, Allein in der Nacht und Was sind Wolken. Im letzten Kapitel erzählt Polly Persyn die Geschichte eines Marionettentheaters, deren Puppen noch nie Wolken gesehen haben und erst nach der Pleite des Theaters ohne ihre Fäden auf der Müllkippe erstmals den Himmel sehen. Eine schöne Parabel auf die Ambivalenz von Abhängigkeit und Freiheit. Raus Theater verbindet hier auf wundersame Weise das kathartische Spiel mit dem epischen Theater Brechts, indem es die Kinder ihre Sicht der Dinge und die Darstellbarkeit des vermeintlich nicht Darstellbaren vorführen lässt. Man bleibt davon nicht unberührt. Milo Rau bekam nach der Premiere auf dem Festival für seine Inszenierung den 3sat-Preis überreicht. Eine durchaus vertretbare Entscheidung.



Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen | Foto (C) Phile Deprez

Stefan Bock - 15. Mai 2017
ID 10031
FIVE EASY PIECES (Sophiensaele Berlin, 13.05.2017)
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüm: Anton Lukas
Video und Sound: Sam Verhaert
Dramaturgie: Stefan Bläske
Von und mit: Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Peter Seynaeve, Elle Liza Tayou und Winne Vanacker
Uraufführung beim Kunstenfestivaldesartes Brüssel war am 14. Mai 2016.
Gastspiel zum 54. BERLINER THEATERTREFFEN


Weitere Infos siehe auch: http://www.kfda.be


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

Berliner Theatertreffen



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