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Politik und Ästhetik (2)

ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN - Schauspiel Hannover


Bewertung:    



Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett gibt es beim Theatertreffen 2015 auch vereinzelt den modernen oder postmodernen Autor zu erleben. Ebenso was Regisseure anbelangt; trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste sind paar überraschende Newcomer registrierbar - so Regietalent Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover umgesetzt hat...

Mit dem Finger auf der Landkarte hat man alles ganz allein im Griff, heißt es in einem Kinderlied. Was man dafür braucht, ist nur ein klein bisschen Fantasie. Judith Schalansky hat 2009 so ein Buch für die Daheimgebliebenen geschrieben. In ihrem Werk mit dem vielversprechenden Titel Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde porträtiert die junge, in Greifswald geborene Autorin und Kommunikationsdesignerin fünfzig entfernte Eilande mittels einer künstlerisch gestalteten Landkarte und fünfzig kurzen Episoden, die das große Fernweh, die Sehnsüchte nach fremden, unerreichbaren Ländern beschreiben. Der bildgewordene wie sprechende Ausdruck der Geschichte von Weltentdeckung, Schatz- und Glückssuche sind nun mal vorwiegend Karten aller Arten und Couleur. Die Insel gilt uns dabei seit jeher als faszinierender Ort möglicher Utopien wie auch deren Scheiterns.

Für die Autorin Schalansky ist die Insel gleichsam „ein theatraler Raum“:


„Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fiktionalisiert und Fiktion realisiert wird.“


Diese poetisch verdichtete Vermischung macht nun Thom Luz zum Ausgangspunkt seines mehrstimmigen Hörstücks auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker. Als Spielort für dieses assoziative Bild-, Bewegungs- und Musiktheater wählte Luz das gusseiserne Treppenhaus der zwischen 1883 und 1886 errichteten Galerie Cumberland in der Nähe des Schauspiels Hannover. Für die Aufführung beim Berliner Theatertreffen wählte der Regisseur Luz das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow, ein ebenso imposanter Bau mit einem weiten, steinernen Treppenaufgang und schönem Kreuzgewölbe.

Hier begegnen nun den Zuschauern, die auf drei Zwischenebenen des Treppenhauses Platz genommen haben, die historischen Figuren aus Schalanskys Inselimpressionen, die gleich Schatten aus dem Nebel der Geschichte auftauchend die Treppenläufe auf und ab huschen und fragmentarisch aus ihren Erlebnissen berichten. Zur Dauerentschuldigung ihres flüchtigen Wandelns sprechen sie immer wieder den Satz: „Ich bin (hoffentlich) gleich wieder da.“ Die so umhergeisternden Untoten werden von Stimmen- und Musikfetzen begleitet, die mal ganz nah und dann wieder von weit her an das Ohr des Publikums dringen. Man spielt Haydn mit Posaune, Trommelschlägen und Violin-Begleitung, singt den Anfang von "Somewhere over the Rainbow" oder den Sehnsuchts-Song von René Carol "Deinen Namen, den hab' ich vergessen". Eine Frau sucht die Piano Keys wie die Schlüssel zu einer anderen Welt, während ein Mann mit lateinamerikanischem Spracheinschlag die unbekannten Namen und geografischen Lagen von einsamen Inseln verliest. Sein „unbewohnt“ klingt wie der Ausdruck der absoluten Ferne und Unwirklichkeit.

Geradezu unwirtlich ist in den Erzählungen von Judith Schalansky, so manche Insel mit merkwürdigem Namen wie Einsamkeitsinsel, Antipodeninsel oder Himmelfahrtsinsel. Diese poetische Klanginstallation versucht sich im Sicht- und Hörbarmachen längst vergangener Geschichten und Personen, die einst ihre Spuren hinterlassen haben, gespeichert im Stein irgendeiner einsamen Klippe oder steinernen Treppe eines längst verlassenen Gebäudes. Die Namen und Schicksale von den Menschen, die sich dahin verirrten, ihr Ziel verfehlten oder manchmal sogar starben, sind uns Schall und Rauch. Sie wehen in ihren Erinnerungen an uns vorüber. Neben der Rekordsucht von Atlantikfliegern und Eismeerforschern ist ihre Landnahme aber immer auch die Geschichte von Kolonisation. Davon weiß diese kleine, feine Inszenierung allerdings recht wenig. Sie schwelgt in fremden Sprachen, Sinnen und Farben. Das Azur des Ozeans, das Gelb der Papayas und das Grün des Urwalds wechselt in unserer Vorstellung mit dem kalten, grauen Licht von knirschendem Eis im Nordmeer. Aber nichts ist befriedigender als selbst gewählte Einsamkeit, wie es so schön im Insel-Text heißt. Und darauf einen Gin-Tonic mit Eis.



Atlas der abgelegenen Inseln durch das Schauspiel Hannover | Foto (C) Karl Bernd Karwacz

Stefan Bock - 7. Mai 2015
ID 8628
ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN (Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Berlin-Pankow, 04.05.2015)
Regie: Thom Luz
Bühne: Demian Wohler
Kostüme: Tina Bleuler
Dramaturgie: Judith Gerstenberg
Musikalische Leitung: Matthias Weibel
Mit: Beatrice Frey, Oscar Olivo, Sophie Krauß, Günther Harder
Musiker: Maria Pache, Karoline Steidl, Iris Maron und Mikael Rudolfsson
Uraufführung war am 21. September 2014
THEATERTREFFEN-Gastspiel des Schauspiels Hannover


Weitere Infos siehe auch: http://www.theatertreffen.de


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