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Tanztheater

Der Tanz um

die menschliche

Existenz



Sacre am Theater Osnabrück | Foto (C) Jörg Landsberg

Bewertung:    



Gemeinsam mit dem Felix-Nussbaum-Haus, dem Diözesanmuseum Osnabrück und der Osnabrücker Kunsthalle hat die Osnabrücker Dance Company in den letzten Monaten ein interdisziplinäres Projekt erarbeitet, das seit Februar 2017 einen Programmschwerpunkt des städtischen Kulturprogramms darstellt. Durch bereitgestellte Fördermittel diverser Stiftungen ist so ein faszinierendes Spannungsfeld unterschiedlicher künstlerischer Fachgebiete entstanden, das sich mit der Thematik des Totentanzes auseinandersetzt.

Bis ins kleinste Detail durchdacht, widmet sich die Osnabrücker Dance Company im Rahmen dieses außergewöhnlichen Unterfangens einer zeitaufwendigen und gewagten Rekonstruktion der frühen Arbeit der Choreographin Mary Wigmans, einer leidenschaftlichen Vertreterin des modernen Ausdrucktanzes der ersten Stunde und Koryphäe auf ihrem Gebiet. Ihre beiden Chorographien Totentanz I (1917/1921) und Totentanz II (1926) sind anhand von handschriftlichen Notizen von dem Team um Henrietta Horn in mühevoller Kleinstarbeit aufgearbeitet und für das Projekt fruchtbar gemacht worden. Hierbei handelt es sich um eine bemerkenswerte Leistung, denn Bewegungsabläufe anhand von Niederschriften nachzuvollziehen (Zeitzeugen gibt es bedauerlicherweise keine mehr), dürfte wohl mehr als eine Herausforderung dargestellt haben. Dennoch ist dieser künstlerische Kraftakt vortrefflich gelungen, wie der hieraus entstandene dreiteilige Tanzabend DANSE MACABRE bestätigt, bei dem den beiden Totentänzen Wigmans zwei zeitgenössische Choreographien gegenüberstellt werden. Zwei Stunden lang widmet sich das Projekt auf unterschiedliche, mehr oder minder abstrakte Weise und dennoch absolut stimmig dem brisanten Sujet der menschlichen Existenz.

In Anlehnung an die inspirierende Wirkung der Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, dessen Totentanz-Gemälde in Symbiose mit den Tänzen seiner Bekanntschaft Wigman entstanden sind, erheben sich die ruhelosen Toten auf der Bühne in farbenfrohen Gewändern. Grotesk und beinahe quirlig tänzeln sie über die Bühne und erfreuen sich beim Totentanz I an den letzten Zügen ihrer Lebendigkeit, bevor sie sich vermeintlich ewig zur Ruhe betten. So kommt es, dass sich die Toten, gezwungen zum Totentanz II, dem dämonischen Einfluss entziehen wollen, der ihnen ihren Frieden nicht gönnt. Die Totenmasken, welche in direkter Anlehnung an das Ölgemälde Totentanz von Kestner angefertigt wurden, lassen die gequälten Gesichter der Toten sowie die diabolisch grinsende Dämonenfratze erkennen.

Obwohl diese Gestalten ihre Verzweiflung stumm hinauszuschreien scheinen, greift die Choreographie perfekt den Widerwillen, ja den hier verbliebenen Kampfgeist zwischen den beiden Parteien auf. Jayson Syrette präsentiert phänomenal den dominanten Dämon und bildet einen kräftigen Gegenpol zu den anderen Tänzern auf der Bühne. Wenngleich diese ihre Rollen ebenfalls in perfekter Harmonie miteinander ausgestalten und zugleich in tänzerischer Meisterleistung ihr Innenleben zu transportieren vermögen, gehört an dieser Stelle gleichermaßen ein Kompliment an die akustische Untermalung ausgesprochen. Mit nur wenigen Hilfsmitteln ließ der Schlagzeuger Frank Lorenz geradezu brillant und offensichtlich mit viel Herzblut die Toten aus ihren Gräbern auferstehen. Knochengeklapper und der Klang von Kirchenglocken bilden die klangrhythmische Ausgestaltung, die das Szenario an dieser Stelle mit viel Fingerspitzengefühl zu exakt diesem Gesamterlebnis werden lässt, das den ein oder anderen Gänsehaut-Moment hervorruft.

Mit gleicher Anmut in der tänzerischen Ausgestaltung wiederum werden auch die beiden zeitgenössischen Choreographien auf die Bühne gebracht, die dem historischen Part gegenüberstehen. In Marco Göckes Supernova erwartet das Publikum ein energiegeladenes Stück Tanzkunst, das sich mit einer unwirklichen Bewegungsintensität und dem bewussten Spiel mit Licht und Dunkelheit der verwischenden Grenze zwischen Existenz und dem Verlöschen von Leben annähert. Ausdruckstanz par excellence wird hier geboten: Den energiegeladenen Bewegungen der Dance Company zu folgen ist eine Herausforderung, der man sich mit der gleichen Hingabe widmen möchte wie die der involvierten Akteure, die hier künstlerische Leistung auf höchstem Niveau zeigen. Man meint das Feuer förmlich spüren zu können, bevor schlussendlich verglimmende Streichhölzer den letzten Funken Leben symbolisieren, um dessen Erhalt hier tänzerisch elektrisierend gekämpft wurde.

Es folgt die Uraufführung von Mauro De Candias Sacre, einer Widmung an das gleichnamige Spätwerk Wigmans. Bewusst hat sich De Candia entschieden, diese puristische Choreographie in Bezugnahme auf die kaum genutzte Klaviervariante von Strawinskys Sacre auszuarbeiten, um genau diesen Minimalismus zu betonen. Im Mittelpunkt sollen hier laut Intention De Candias eine Todes- und Opferthematik in Hinblick auf die heutige Gesellschaft stehen, in der die Individualität zunehmend verloren geht und sich die Menschen als Projektion ihrer selbst einem Konformismus opfern. Immer wieder versucht ein einzelner aus der Reihe zu tanzen und einen individuellen Weg einzuschlagen und findet sich letztendlich doch als nicht identifizierbarer Teil des Kollektivs wieder, in dem alle Menschen optisch einander gleichen und sogar eins mit ihrer Umgebung werden. Eine durchaus interessante Wahrnehmung auf die angesprochene Thematik, die jedoch trotz aller zweifelsohne tänzerischen Akkuratesse einer unterstützenden Erklärung bedarf.

So unterschiedlich die drei Stücke auch sind, so verbindet sie die grundsätzliche Ritualhaftigkeit, die die Eckpfeiler einer menschlichen Gesellschaft ausmachen, und die hier mit viel Esprit dargeboten wird. Jeder dargestellte Part präsentiert eine ganz eigene Sicht und fokussiert unterschiedliche Aspekte rund um das Dasein, wodurch der Abend zu einem großen Ganzen abgerundet wird. Es wurde offenbar ein enormer Aufwand für die Zusammenstellung des Tanzabends betrieben, der sicherlich nicht nur den involvierten Tänzern einiges abverlangt. Jedoch handelt es sich um einen graziösen Kraftakt, der souverän gemeistert wird. Es ist wunderbar zu beobachten, wie viel Hingabe, Leidenschaft und Arbeit in der Präzision dieser Ausführung stecken, die bei dem Publikum wahre Begeisterungsstürme auslöst. Mit ungewöhnlich langanhaltendem Beifall wird den Tänzern hier für ihre grandiose Leistung Respekt gezollt – und das nach jeder einzelnen Choreographie der dreiteiligen Komposition. Eine phänomenale Darbietung!

* *

Die Rekonstruktion von Mary Wigmans Totentanz I und Totentanz II wurde gefördert durch Tanzfonds Erbe - Eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes.



Totentanz am Theater Osnabrück | Foto (C) Jörg Landsberg

Sina-Christin Wilk - 4. März 2017
ID 9883
DANSE MACABRE (Theater am Domhof, 26.02.2017)

Totentanz I (1917/1921)
Choreografie: Mary Wigman
Bühne/Kostüme: Mary Wigman
Rekonstruktion: Henrietta Horn (verantwortlich), Susan Barnett, Christine Caradec und Katharine Sehnert
Klavier: Denys Proshayev und Nadia Mokhtari
Besetzung:
Mary Wigman ... Marine Sanchez Egasse/Keith Chin
Yvonne ... Georgi Cristina Commisso/Lennart Huysentruyt
Gret Palucca ... Katherina Nakui/Neven Del Canto
Berthe Trümpy ... Rosa Wijsman/Péter Matkaicsek

Totentanz II (1926)
Choreografie: Mary Wigman
Bühne/Kostüme: Mary Wigman
Rekonstruktion: Henrietta Horn (verantwortlich), Susan Barnett, Christine Caradec und Katharine Sehnert
Rekonstruktion der Masken: Maskenabteilung, Ltg. Thorsten Kirchner
Schlagzeug: Frank Lorenz/Ingo Reddemann
Besetzung:
Dämon ... Jayson Syrette/Keith Chin
Weibliche Gestalt ... Marine Sanchez Egasse/Cristina Commisso
Lemuren ... Cristina Commisso, Neven Del Canto, Lennart Huysentruyt, Katherina Nakui, Péter Matkaicsek und Rosa Wijsman

Supernova (2009)
Choreografie: Marco Goecke
Bühne/Kostüme: Marco Goecke
Licht: Udo Haberland
Einstudierung: Fabio Palombo und Ralitza Malehounova
Mit: Keith Chin, Cristina Commisso, Neven Del Canto, Lennart Huysentruyt/Péter Matkaicsek, Katherina Nakui, Marine Sanchez Egasse/Rosa Wijsman und Jayson Syrette

Sacre (UA)
Choreografie: Mauro de Candia
Bühne/Kostüme: Mauro de Candia
Choreografische Assistenz: Leonardo Centi
Klavier: Denys Proshayev und Nadia Mokhtari
Dramaturgie: Patricia Stöckemann
Mit: Keith Chin, Cristina Commisso, Neven Del Canto, Lennart Huysentruyt, Péter Matkaicsek, Katherina Nakui, Marine Sanchez Egasse, Jayson Syrette und Rosa Wijsman

Premiere am Theater Osnabrück: 11.Februar 2017
Weitere Termine: 10., 12.,21., 25.03., 12., 16., 25.04.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.dansemacabre-osnabrueck.de


Post an Sina-Christin Wilk

scriptura-novitas.de



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