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Jugendtheater

"Was glaubt ihr denn? Wer wir sind? Was wir glauben?"



Nach Babel - und noch weiter mit dem Jugendtheaterclub Amigos Bandidos am Theater Osnabrück | Foto (C) Uwe Lewandowski

Bewertung:    



Im Rahmen vom "Stadtprojekt NATHAN", dem sich die aktuelle Spielzeit des Theaters Osnabrück widmet, hat nun auch das Stück URBAN PRAYERS III: Nach Babel - und noch weiter seine Premiere in der Jüdischen Gemeinde Osnabrück gefeiert. Ganz im Sinne von Lessings berühmtem Aufruf zu Toleranz und Menschlichkeit setzt sich das Stück von Björn Bicker mit dem interreligiösen Dialog der drei abrahamitischen Religionen auseinander. Die Darsteller kommen an diesem Abend nicht aus dem Ensemble des Theaters, sondern aus den Reihen des Jugendtheaterclubs Amigos Bandidos, der unter der Leitung von dem Theaterpädagogen Dietz-Ulrich von Czettriz einen ganz eigenen Zugang zu dem sensiblen Thema gefunden hat.

So haben die 14 Jugendlichen zur „1. Osnabrücker Jugend-Glaubenskonferenz“ geladen, um gemeinsam Unterschieden und Gemeinsamkeiten nachzuspüren. Eingangs sind Jugendliche zu sehen, die sich auf die kommende Veranstaltung freuen: euphorisch, agil und lässig gekleidet – absolut sicher in ihren Rollen. Bereits die ersten Momente zeigen, dass diese Vorfreude trügt. Mit beeindruckender Präsenz gelingt es den jungen Darstellern einen gewünschten Dialog mit Konsens zu führen, der letztlich aber immer wieder in Widersprüchen und Unstimmigkeiten zwischen den Konferenzteilnehmern gipfelt. Die Tagesordnungspunkte werden in Einklang begangen, bis schließlich eine Meinung geäußert wird, die die mehr oder minder gläubigen Jugendlichen aufschrecken und die Stimmung kippen lässt. Wie schon in Babel ist ein Stimmengewirr die Folge, die statt Erkenntnis und Begegnung für völliges Unverständnis führt.

Eine leichte Annäherung ist dennoch zu erkennen. Denn die drei religiösen Gruppierungen der Muslime, Juden und Christen, welche durch ihre farbliche Kleidung zu erkennen sind, tauschen sukzessive einzelne Kleidungsstücke und werden so zu einer bunten Gemeinschaft, die Grenzen entgegen aller Widrigkeiten überschreiten wollen. Diskutiert wird über Konventionen, die Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Osnabrück wird ebenso zur Diskussionsgrundlage wie die amtliche Weigerung, Baugenehmigungen für Moscheen oder andere religiöse Stätten zu erteilen. Symbolisch unterstrichen wird die behördliche Kampfansage durch das Anlegen eines asiatischen Trainingsanzugs und eines schwarzen Gürtels. Die dramatische Entwicklung um die jüdischen Mitbürger in den 1930er Jahren wird durch marschierende Gestalten in dunklen Mänteln dargestellt, die schließlich 1938 den Klimax der Intensität erreicht. Gepflegtes aber durchaus wirkungsvolles Understatement, das den jungen Schauspielern mit minimalen Mitteln erlaubt, komplexe und brisante Inhalte zu transportieren.

Gefragt wird nach Identität und nach Orientierung. Was ist Religion überhaupt, und warum gibt es Menschen, die nicht die Friedensbotschaft im Sinn haben, sondern extremistischer Propaganda folgen? Eine Antwort können die Darsteller nicht geben, dennoch zeigen sie simpel und mit viel (emotionalen) Tiefgang, dass uns doch mehr verbindet als trennt. Dass es eine Chance ist, den Austausch zu suchen und dass wir hier trotzdem noch ganz am Anfang stehen. Exemplarisch aufgezeigt werden Erwartungshaltungen der säkularen Umwelt wie die der religiös orientierteren Familien und einem Zerbrechen daran, dass der Spagat zwischen Lebensrealität und Ideologie häufig nicht gelingt. Die Botschaft dabei ist klar: Sicherheit und Angst sind die Katalysatoren allen Handelns und haben entgegen vieler Meinungen in allen drei Weltreligionen Hochkonjunktur. „Wenn es so einfach wäre, würden wir nicht für den Weltfrieden beten“, gibt eine Schauspielerin, die stets den Gegenpol zur vermeintlich einvernehmlichen Gruppe der Konferenzteilnehmer bildet, mit Recht zu bedenken.

Überraschend eindrucksvoll lässt der Jugendtheaterclub Amigos Bandidos erkennen, dass selbst professionelle Kollegen dieses imposante Stück nicht hätten besser umsetzen können. Kräftige Stimmen, ausgereifte Mimik, sicheres Auftreten wie auch gekonnte Interaktionen überzeugen hier auf ganzer Linie. Auch die Standing Ovations am Ende dieser beeindruckenden Premiere bestätigen, dass einige der Talente von morgen bereits heute auf die große Bühne gehören.



Foto (C) Uwe Lewandowski

Sina-Christin Wilk - 15. Mai 2017
ID 10030
Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-osnabrueck.de/


Post an Sina-Christin Wilk

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