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Sommertheater

Flotte

Ménage-à-trois



Hamlet im Berliner Monbijou-Theater | Foto (C) Bernd Schönberger

Bewertung:    



Das Berliner Monbijou-Theater spielt just in diesem Jahr genau wie das Neue Globe in der Klosterruine am Alex Shakespeares Hamlet und macht zusammen mit Molières Tartüff den im Sommerurlaub weilenden Tempeln der Hochkultur Konkurrenz. Und da insbesondere der Schaubühne am Lehniner Platz, die beide Klassiker mit Haus-Star Lars Eidinger in der Titelrolle im Programm hat. Mit den Komödien von Molière konnte man im hölzernen Amphitheater im Monbijoupark bereits große Publikumserfolge feiern. Zu nennen wären da vor allem Der eingebildete Kranke oder auch die Verwechslungskomödie Amphitryon. William Shakespeare ist das andere Standbein der Truppe, die einst aus dem legendären Hexenkessel-Hoftheater hervorging. Auch mit den Stücken des englischen Dichters verbindet das Monbijou-Theater eine lange Aufführungstradition.

Beliebt sind da natürlich in erster Linie Open-Air-taugliche Komödien wie Ein Sommernachtstraum oder Wie es euch gefällt, die beide hier im letzten Jahr zu sehen waren. Nun also wagt sich das Monbijou-Theater ebenfalls an die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares. In der gut gekürzten Berliner Fassung von Peter Kaempfe zeigt man einen auf „90 Minuten Zentralplot“ eingedampften Hamlet. Der grüblerische Dänenprinz aus dem „Reich der Zweifel“ als schillernde Sommerkomödienfigur? Das ist zunächst nur recht schwer vorstellbar. Das Monbijou-Theater setzt da noch einen drauf und schnurrt das Ganze mit nur drei Schauspielern ab, die sich die Stichworte beim schnellen Rollenwechsel fast wie im Traume zuwerfen. Immerhin gilt es dabei 12 Figuren zu bedienen. Um da bei einem Ausfall nicht auf dem Trockenen zu sitzen, spielen zwei Gruppen, die sich abwechselnd aus Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Matthias Horn, Michael ­ Schwager, Lina Wendel und Carsta Zimmermann zusammensetzen. Den Part des zweifelnden Dänenprinzen übernehmen dabei entweder Benjamin Bieber oder der Monbijou-Publikumsliebling Vlad Chiriac.

Hier hat es also jeder mal mit jedem und muss es auch, da sonst die ganze Chose kaum ins Laufen käme. Und ja, es funktioniert soweit ganz gut. Die Akteure geben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe, das Komödiantische aus der Tragödie zu kratzen. Dazu gibt Shakespeare selbst ja auch etliche Vorlagen. Wir sehen also eine flotte Ménage-à-trois am Hof von Helsingør, der hier aus ein paar spitz ins Halbrund zulaufenden Brettern besteht, die zunächst für die bevorstehende Hochzeit von Gertrud und Claudius noch ordentlich vom blau bekittelten Haus(hof?)meister Olsen gefegt werden müssen. In Gestalt von Matthias Horn gibt der gleich noch die ganze Vorgeschichte im breitesten anhaltinischen Dialekt zum Besten. Schnell in Gewand und Perücke ist er schon wieder ein galanter Chevalier, der das Publikum zum Winken mit den ausgeteilten Fähnchen des Staates Dänemark animiert. Und da ist bekanntlich etwas faul, was Prinz Hamlet (Vlad Chiriac) wie Preußens Homburg im blauen Waffenrock zusammen mit seinem Waffenkumpan Horatio (Matthias Horn) wieder richten soll. So suggeriert es ihnen zumindest die Stimme des Hamlet-Vater-Geistes aus dem Off.

Gegenüber dem fast dreistündigen Hamlet in der Klosterruine geht man hier schon etwas effizienter zu Werk. Bereit sein ist alles. Was sich infolge der dreigestirnigen Darstellerkonstellation nicht zeigen lässt, wird einfach erzählt. Und da erweisen sich vor allem die Höflinge Rosenkrantz (Lina Wendel) und Güldenstern (Vlad Chiriac) als gute Beobachter und willfährige Berichterstatter der Treffen zwischen dem liebestollen Hamlet und der schönen Ophelia, die dieser Spielweise dann allerdings komplett zum Opfer fällt. Der Komik und dem Slapstick dieser Szenen tut das keinen Abbruch. Am nächsten ist man dem klassischen Hamlet noch in den übriggebliebenen Monologen und wenigen Dialogszenen. Selbst das von Hamlet inszenierte Schauspiel Die Mausefalle findet nur hinter einem roten Dänen-Vorhang statt, zeigt aber dennoch seine Wirkung beim getroffen davoneilenden Claudius (Matthias Horn).

Hinterm Vorhang fällt auch Lauscher Polonius (Lina Wendel), während Hamlet seiner Mutter Gertrud (ebenfalls Lina Wendel) davor ins Gewissen redet. Aber der Plot wird rasch weiter vorangetrieben. Gerade erst nach England entsandt, ist Prinz Hamlet auch schon wieder zurück und müsste sich nun quasi selbst zum Duell herausfordern, da Vlad Chiriac auch noch den Laertes geben muss. Die Inszenierung sieht hier wieder den braven Olsen vor, der fröhlich palavernd den bereits geschehenen Schlamassel einfach wegfeudelt. Es bleibt ein schweigend grinsender Fortinbras (Vlad Chiriac) als Banker mit Aktenkoffer. So billig kauft er sich ein ganzes Land. Den Rest darf man sich denken.



(C) Monbijou-Theater

Stefan Bock - 5. August 2015
ID 8787
HAMLET (Monbijou-Theater, 26.07.2015)
Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe
Bühnenbild: David Regehr
Kostüm- und Maskenbild: Isa Mehnert
Requisite: Mona Glass
Tongestaltung: Torsten Podraza
Licht: Henning Streck
Maske: Nina Dell und Nora Kraetzer
Besetzung:
Chevalier, Olsen, Claudius, Horatio ... Matthias Horn
Hamlet, Laertes, Güldenstern, Fortinbras ... Vlad Chiriac
Gertrud, Polonius, Rosenkrantz ... Lina Wendel
Premiere war am 18. Juni 2015
Weitere Termine bis 6. 9. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.monbijou-theater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



 
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