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nachDRUCK # 6

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Hamlet

Lockeres

Sommertheater

zwischen Pathos

und Ironie



Bewertung:    



„Man soll die Schauspieler gut behandeln“, heißt es in der aktuellen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theater, mit dem am Donnerstagabend die Potsdamer Truppe den diesjährigen Theatersommer in der Klosterruine am Alex eröffnete. Das ist ein wahres Wort und nicht ganz uneigennützig gesprochen. Denn darstellende Künstler sind nicht nur „der Spiegel und Ausdruck unserer Zeit“, sondern zumeist auch knapp bei Kasse. Nichtsdestotrotz bekommt gleich zu Beginn das Publikum der Berliner Hamlet-Premiere eine Vorstellung von dem, was der elisabethanische Dichter Shakespeare unter „den Spiegel vor die Natur halten“ verstand. Eine Lehrstunde in der Wirkung guter Schauspielkunst. Wenn es auch an Sologarderoben mangelt, Spreizen, Blöken, plattes Lachen gilt es zu vermeiden. Man hat ja schließlich eine staatliche Ausbildung. Außerdem haben ein plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe oder die Träne im Auge schon so manchen Schuldbeladenen seine Missetaten eingestehen lassen. „Das Schauspiel sei der Akt, der mir den König am Gewissen packt“, wird Hauptfigur Hamlet später sagen.

Dem stets grübelnden Prinzen von Dänemark aus Shakespeares Tragödie dient das Stück im Stück als „Mausefalle“ für den Königs- und Vatermörder Claudius, der zu Hamlets Unmut nicht nur den Thron, sondern auch noch seine Mutter und des alten Königs Ehefrau geerbt hat. Die Welt gerät dem größten Zauderer der Theatergeschichte aber nicht nur aus den Fugen, weil ihn der Geist des ermordeten Vaters zu Rache gemahnt. Prinz Hamlet hat hier neben der ewigen Frage um das „Sein oder Nichtsein“ auch einige andere Dinge zu klären. Auch wenn der großartige Saro Emirze den bekannten Monolog des Dänenprinzen recht eindrucksvoll und glaubhaft über die Rampe bringt, von des Gedankens Blässe angekränkelt wirkt der sonst forsch mit dem Schwert hantierende Mitdreißiger noch aus einem weiteren Grund. Er kann sich ganz offensichtlich in Gefühlsdingen nicht zwischen der „Nymphe“ Ophelia (Thomas Keller) und Horatio (Till Artur Priebe) entscheiden und rekelt sich mit dem Freund aus Kindertagen nach dem nächtlichen Bade auch gern mal auf weißem Flokati-Podest.

Es gibt also doch mehr Dinge und Ärger zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Eine tragische Sommerliebelei á la Romeo und Julia in queer lässt sich daraus allerdings nicht so ohne weiteres machen, selbst wenn die auf Helsingør angekommene Schauspieltruppe etwas aus dem anderen berühmten Shakespeareklassiker zum Besten gibt. Dazu hat man sich für eine klassisch elisabethanische All-Male-Besetzung entschieden. Doch steigt auch so manches Männerbein in Kleid und Seidenstrümpfe, ist Regisseur und Ensemblemitglied Kai Frederic Schrickel weit davon entfernt, einen schenkelklopfenden Hamlet in Drag zu inszenieren. Trotzdem sehenswert sind vor allem das bärtige Königspaar Gertrud (Andreas Erfurth) und Claudius (Urs Stämpfli). Ein, wenn auch sicher nicht beabsichtigter, Kommentar zum Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Homo-Ehe? Dafür darf im Programmheft wild über Shakespeares sexuelle Ausrichtung spekuliert werden.

Trotz manchem Griff zum Säbel ficht das unseren Hamlet weiter nicht an. Er schickt seine gerade noch angebetete Ophelia zu den Nonnen und gibt sich dem methodischen Wahnsinn hin. Als verschmähte Ophelia wirft sich Thomas Keller mit sehr viel Verve in Pose. Ihm steht selbst der nun ihrerseits ausufernde Wahnsinn gut. Unter anderem singt er "La Vie en Rose" von Edith Piaf und wagt ein Tänzchen mit dem Bruder und weißen Ritter Laertes (Dierk Prawdzik), der für seine Reise nach Paris noch ein paar vom Blatt abgelesene Kalendersprüche von seinem Vater Polonius (Sebastian Bischoff) mitbekommt. Trotz Gehhilfe ist der alte Oberkämmerer und Schwätzer noch immer gut im Intrigenspinnen, muss dafür aber bekanntlich sein Leben hinterm Vorhang aushauchen, wozu er hier vom mit einer Pistole vor seiner Mutter herumfuchtelnden Hamlet unterm Flokati erschlagen und in eine Kiste entsorgt wird. Auch den Hofschranzen Rosencrantz (Thomas Keller) und Guildenstern (Till Artur Priebe) ergeht es nicht viel besser. Sie beherrschen weder die subtile Psyche noch das richtige Spielen auf dem Instrument des Prinzen. Trotz einiger protziger Schwanzvergleiche gilt da wohl immer noch die von der Schauspieltruppe vorgetragene Otto-Parodie Dänen lügen nicht.

Leider gehen der über drei Stunden dauernden, zwischen gespieltem Pathos und etlichen ironischen Einlagen chargierenden Inszenierung nach der Pause etwas die Luft und der Witz aus. Man rettet sich nun ins philosophisch Kalauernde des Dialogs zwischen Hamlet und dem mit einem grinsenden Joker-Gesicht auftretenden Totengräber (Sebastian Bischoff) sowie schön einstudierten Kampchoreografien zwischen Hamlet und dem als schwarzem Rächer heimgekehrten Laertes, bis alles röchelnd auf dem Flokati liegt und Horatio sein „Gute Nacht, mein süßer Prinz“ haucht. Ist auch der Rest bekanntlich Schweigen, gibt es noch einen schönen Abgesang von Thomas Keller mit einem Text aus Shakespeares doppeldeutigen Sonetten. Wohl auch ein leiser Wink dahin, dass das letzte Wort über den geheimnisumwitternden Dichter und seinen Hamlet noch nicht gesprochen ist.



Thomas Kellner als Ophelia und Saro Emirze als Hamlet in dem gleichnamigen Shakespeare-Stück | © Neues Globe Theater

Stefan Bock - 25. Juli 2015
ID 8778
HAMLET (23.07.-08.08.2015 - in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche, Berlin)
Regie und Raum: Kai Frederic Schrickel
Kostüme: Hannah Hamburger
Kampfchoreographie: Kai Fung Rieck
Mit: Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Andreas Erfurth, Thomas Kellner, Dierk Prawdzik, Till Artur Priebe und Urs Stämpfli
Berlin-Premiere war am 23. Juli 2015
Eine Produktion von shakespeare und partner / Neues Globe Theater

Weitere Infos siehe auch: http://www.neuesglobetheater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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