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Festival

RUSSISCHER

THEATERFRÜHLING

2016 in Berlin

Teil 1



Zum zweiten Mal schon gibt es den Russische THEATERFRÜHLING in Berlin. In diesem Jahr allerdings im trüben Spätherbst, was die Kuratorin des Festivals, Anna Sarre, mit heißer, experimenteller und aktueller Theaterkunst aus Russland wettmachen will. Und so waren und sind vom 28. Oktober bis 8. November 6 spannende, in Russland viel diskutierte Produktionen von alternativen Theaterhäusern aus der Saison 2015/16 in den Berliner Off-Spielstätten Theaterforum Kreuzberg, Theater unterm Dach und Kühlhaus am Gleisdreieck zu sehen...

* * *

Seit einigen Jahren von der Schließung und anderen staatlichen Repressionen bedroht, ist das kleine Moskauer Teatr.doc immer mal wieder in den hiesigen Kultur-Schlagzeilen vertreten. Die mit einer Satire über Kremlchef Wladimir Putin oder einem gesellschaftskritischen Stück über das Geiseldrama in Beslan politisch sehr aktive, unabhängig und nicht-kommerziell produzierende Dokumentartheaterbühne zeigt auch in diesem Jahr beim Russischen Theaterfrühling wieder ein bereits beim renommierten Theaterfestival „Goldene Maske“ gelaufenes Stück, das für viele Diskussionen in der Theatersaison 2015 gesorgt hat. Regisseur Michael Ugarow, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Theaters, wollte zum Festival nach Berlin kommen, wurde aber an der Grenzkontrolle in Moskau abgewiesen und an der Ausreise nach Deutschland gehindert. Genaue Hintergründe dieses Verbots sind allerdings noch nicht bekannt.

Im Stück 24+ sprechen 5 junge russische Twenty-Somethings über ihre Paarbeziehungen. Die sexuellen Beichten eines Ehepaars über ihre Leidenschaften, verschiedene Formen der Eifersucht und des Fremdgehens werden ergänzt durch die ausschweifenden Berichte des jüngeren Liebhabers der Frau, einer weiteren Freundin und Geliebten sowie der Ex des Mannes. Das mit Meisterschülern der Moskauer Schule für Neues Kino besetzte Ensemble spricht abwechselnd die selbst erarbeiteten, zum Teil autobiografischen Monologe mal stehend, mal auf Stühlen sitzend frontal ins Publikum. Die recht offen vorgetragenen Geschichten vom Kennenlernen, über den ersten Sex und Beziehungsstress bis zum Liebeskummer nach der Trennung wirken dabei recht authentisch und wie frisch improvisiert.

Aber so wie die beiden männlichen Kontrahenten zunächst noch in ihrem Machogehabe und den nicht ausbleibenden Schwanzvergleichen festhängen, kommt leider auch das spielerische Element in dieser recht einseitigen Darstellungsweise nicht richtig von der Stelle. Man kommt sich mit der Zeit ein wenig wie bei einer Gruppensitzung beim Paartherapeuten vor. Bevor die Sache allerdings zu sehr ins Depressive umschlägt, lassen das Ehepaar in der Krise und der Liebhaber der Frau die Hüllen fallen und steigen zur gemeinsamen Ménage à trois ins große Doppelbett auf der kleinen Bühne im Theaterforum Kreuzberg. Während das starke Geschlecht noch darüber nachdenkt, was ein Mann ist, sieht die Frau schon einer neuen, beruflichen Karriere entgegen. Man denkt sogar über eine neue Weltordnung ohne den leidigen Wettbewerb nach.

Wie jede schöne Utopie scheitert aber auch dieses interessante Beziehungsexperiment an zu hohen Ansprüchen und dem hierarchischen Besitzdenken der Beteiligten. Der jugendliche Liebhaber flieht und macht sich mit dem Zug auf eine Selbsterfahrungsreise nach Sibirien, während ihm der daheimgebliebene Rest sehnsuchtsvoll den Anrufbeantworter vollquatscht. Zumindest ein Anfang für Neues scheint gemacht. Was in der neuen Prüderie Russlands sicher ein Aufreger par excellence ist, kann hier allerdings in dieser Beziehung nicht so recht punkten. Wirklich langweilig wird es Dank des engagiert spielenden Ensembles trotz der fast zwei Stunden Dauer aber nie.

Bewertung:    



24+ | (C) teatr.doc


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Um die unbedingte Liebe und Leidenschaft zur Kunst geht es in dem Stück Der Brodsky-Prozess, das das Theaterprojekt Offene Szene St. Petersburg im Berliner Theater unterm Dach aufführte. „Am Ende wird uns die Kunst das Wichtigste gewesen sein“, sagte der jüdisch-russische Dichter und spätere Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky (1940-1996) in seinem letzten Interview. Da lebte er fast schon 25 Jahre im Westen, die meiste Zeit davon in den USA. Als Juden, russischen Dichter und amerikanischen Staatsbürger bezeichnet sich Brodsky im nicht ganz freiwilligen Exil. Als Schriftsteller wollte er sich durch kein politisches System definieren lassen. Mit dieser Einstellung bekam der im damaligen Leningrad geborene Lyriker bereits Anfang der 1960er Jahre Schwierigkeiten mit dem sowjetischen Staat. Man stellte Brodsky 1964 als „Müßiggänger“ und „Parasiten“ vors Gericht und verurteilte ihn zu 5 Jahren Zwangsarbeit, von denen er allerdings nach internationalen Protesten nur 18 Monate ableisten musste. 1971 wurde Joseph Brodsky aus der Sowjetunion ausgebürgert. Die hanebüchenen Prozessakten waren Grundlage für das Theaterstück.

Und so stellt das 7köpfige Ensemble aus St. Petersburg diesen Prozess auch nicht realistisch nach, sondern als geschminkte Clowns in einer bunten Hochzeits-Farce. Brodsky ist beileibe kein russischer Biermann. Seine Lyrik ist eher an Rilke, dem US-amerikanische Dichter W. H. Auden, oder seinen russischen Vorbildern Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa geschult. Man bezeichnete ihn auch als „poetischen Mystiker". Wegen seiner immer ein wenig düster melancholisch, in verrätselten Metaphern geschriebenen Lyrik, wurde Brodsky 1961 in einem abwertend mit Literatur-Drohne überschriebenen Artikel der Zeitung Vecerni Leningrad der Dekadenz und des Formalismus bezichtig.

Die Schauspieler sitzen um einen Tisch herum und lesen aus diesem Artikel vor. Sein Lebenswandel mit angeblich zwielichtigen Freunden wird dabei scharf kritisiert. Wegen seiner häufig wechselnden Gelegenheitsjobs, mit denen sich der Dichter durchschlagen muss, wirft man ihm Schmarotzertum vor. Dagegen werden immer wieder wechselnd Texte und Dichtungen aus dem frühen Werk Brodskys vorgetragen. Etwa so bekannte Gedichte wie The Jewish cemetery near Leningrad; Fishes in winter oder Geh nicht aus dem Zimmer. Immer noch sind nicht alle seine Gedichte ins Deutsche übersetzt.

Der eigentliche Prozess vollzieht sich mit reichlich Wodka, einer betrunkenen Richterin im Hochzeitskleid und den Ausführungen von Zeugen der Anklage und einigen Befürwortern Brodskys als feuchtfröhliche Clownerie. Eindrucksvoll ist dabei die eigen Verteidigung des Dichters, dem man abspricht, Werte zur Entwicklung der sowjetische Gesellschaft zu schaffen, und der sich dafür rechtfertigen muss, wer ihn denn als Dichter berufen habe. „Und wer hat mich ins Menschengeschlecht eingereiht“, ist seine Antwort. Schließlich wird Brodsky, der hier keine feste Rollenzuschreibung hat und von allen mal dargestellt wird, abgesprochen, ein nützlicher Bürger zu sein. Das Urteil steht fest. In Zeiten, da die Kunst ihren Sinn und Nutzen wieder rechtfertigen muss und unbequemes Denken verdächtig ist, kann man nicht oft genug auf die Vergangenheit verweisen.

Bewertung:    



Der Brodsky-Prozess | (C) openstage.spb


Stefan Bock - 4. November 2016
ID 9663
24+ (Theaterforum Kreuzberg, 31.10.2016)
Von Michael Ugarow, Maksim Kurotschkin
Synchronübersetzung von Alexej Kharetdinov
Regie: Michael Ugarow, Alexej Schirjakov
Mit: Anton Iljin, Alexej Ljubimow, Anastasia Slonina, Nikolaj Mulakow, Marina Ganach, Lisa Witkowskaja und Daria Baschkirowa
Teatr.doc Moskau, 2015

DER BRODSKY-PROZESS (Theater unterm Dach, 01.11.2016)
Regie: Denis Schibaew
Künstlerin/Ausstattung: Ekaterina Nikitina
Mit: Alexej Sabegin, Wladimir Antipow, Wera Paranitschewa, Karina Medwedewa, Daria Stepanowa, Wadim Frantschuk, Walerij Stepanow und Andrej Panin
Offene Szene St. Petersburg, 2015

Weitere Infos siehe auch: https://www.facebook.com/Theaterfruehling/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

RUSSISCHER THEATERFRÜHLING in Berlin (2)



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