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Repertoire

Kalt,

warm,

heiß



Das Fest am (C) Theater Bonn

Bewertung:    



Der Geist der Verstorbenen ist gegenwärtig: Linda wählte für sich vor kurzem den Freitod, um danach noch ruhelos ihre Familienangehörigen heimzusuchen. In der Rolle der Linda wirkt Lydia Stäubli – nur ein durchsichtiges Nachthemd und Unterwäsche tragend - auf der Bühne der Bad Godesberger Kammerspiele unscheinbar, zart und verloren. Schweigsam und konzentriert bewegt sie sich in der ersten Szene nur minimal. Sie lüftet die Abdeckungen von einigen, beidseitig eines Tisches sitzenden oder stehenden Schaufensterpuppen und anderen Darstellern. Letztere agieren nun laut und impulsiv miteinander, ohne sie zu beachten. Linda ist jedoch an der Wand kauernd oder am Familienbankett sitzend als Beobachterin stets zugegen und ein Ruhepol beim ansonsten wüsten Geschehen. Ihre Familie möchte feiern und glaubt ihren frühen Tod verkraftet zu haben. Gefeiert werden soll der 60. Geburtstag ihres Vaters. Die Geschwister Lindas, die sich jahrelang nicht gesehen haben, treffen wieder aufeinander. Grotesk wirkt es, wenn Lindas Zwillingsbruder Christian (Benjamin Grüter) zu Beginn der Feierlichkeiten im Hause seiner Eltern ankommt und sein kleiner Bruder Michael (Benjamin Berger) und seine ältere Schwester Helene (Sophie Basse) scherzhaft direkt die überschwängliche Umarmung ausdehnen und mit ihm „ficken“ wollen. Werden hier bereits Grenzen der Intimität verletzt, oder ist dies eine Auffrischung eines befremdlichen Spiels unter Geschwistern? Es sind überwiegend Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit, welche die Geschwister verbinden, wenn Helene und Christian später etwa an das gemeinsame Versteckspiel „Kalt, warm, heiß“ denken.

Sexualisierte Flirts haben die stets großspurig auftretenden Geschwister auch mit verschiedenen Hausangestellten. Von Anfang an scheinen sie übersteigert enthemmt und zugleich gefühlskalt. Machtvoll erhaben mit sorgsam gewählten Worten begrüßen die Eltern Helge (Bernd Braun) und Else (Ursula Grossenbacher) ihre Kinder und die übrigen Gäste, zu denen sich auch das beidseitig der Bühne auf Tribünen sitzende Publikum zählen kann. Die Gefühlskälte, mit denen die Eltern ihre Kinder ansprechen und für ihre Selbstständigkeit im Beruf loben, ist unheimlich. Als Christian als ältester Sohn die erste Rede im Rahmen der Feierlichkeiten halten soll, erhebt er das Glas anlässlich des Geburtstags seines Vaters und beschuldigt diesen, ihn und seine verstorbene Schwester Linda als Kind jahrelang sexuell missbraucht zu haben. Der Feier tut Christians Anschuldigung keinen Abbruch. Seine Enthüllung wird zunächst übergangen und kurz danach von seiner Schwester Helene in einer Festansprache als Lüge eines psychisch Kranken bewertet.

Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs Film Das Fest gilt als wichtigster Film, der nach den Reinheitsgeboten von Dogma 95 gedreht wurde. Dogma 95 war 1995 ein Manifest mehrerer dänischer Regisseure zur Erneuerung des Films. Durch filmtechnische Einschränkungen und Setzungen nach den Dogma-Regeln sollten Filme gedreht und produziert werden, die möglichst echt und real wirken. Einige dieser Dogma-Bedingungen werden auch in Martin Nimz' Inszenierung der Filmvorlage am Theater Bonn erfüllt: Musik wird live auf einem Plattenspieler und nicht „künstlich“ eingespielt. Die Figur des Hotelangestellten und Kochs Kim (Robert Höller) filmt das Geschehen des Öfteren mit einer bewegten Handkamera, und die Bilder werden live an die Wände des Theaters produziert. Das dargestellte Geschehen erscheint jedoch nicht realistisch oder authentisch, denn die Figuren sind oft zu übersteigert aggressiv oder hysterisch, und das Geschehen driftet allzu oft ins Absurde ab. Die Protagonisten ergehen sich in derben Zoten, grobem Gegröle, Pöbeleien und Schlägereien. Dadurch wird das Thema Kindsmissbrauch von anderen Problemen - wie etwa Enthemmung durch übermäßigen Alkoholkonsum, aggressive Impulsdurchbrüche oder Affektlabilität - überlagert. Es mag da ja Zusammenhänge mit der Missbrauchsproblematik geben, doch nehmen diese Ausschweifungen wie Alkoholexzesse dann in Nimz' Inszenierung derart penetrant den Raum ein, dass für eine nuancierte Darstellung einer Missbrauchsproblematik kein Platz mehr ist.

Die Familienangehörigen agieren allesamt als gefestigte Charaktere, die laut pöbeln und es getrost wagen sich gegenseitig zu beleidigen, und die Figuren entwickeln sich kaum. Michael greift etwa wiederholt seine ältere Schwester Helene an, weil diese es wagt, ihre Lebenspartnerin Karla (Birte Schrein) zum Familienfest mitzubringen und aus ihrer lesbischen Identität kein Geheimnis macht. Auf grausame Weise bedroht er wiederholt Karla. In diesem Chaos muss ein Thema wie Kindsmissbrauch nahezu untergehen. Eine wichtige Problematik wurde also nicht gezeigt - dass es nämlich Nähe, Liebe und als wertvoll erlebte zwischenmenschliche Beziehungen in einer Familie gibt, die irgendwie normal oder heil erscheint – und dass ein in einer solchen Familie missbrauchtes Kind Angst hat, mit einer Aufdeckung alles zu zerstören. Nach Das Fest kann man stattdessen wieder beruhigt nach Hause gehen in der Annahme, dass Missbrauch eben nur in solch gewalttätigen, unkultivierten und „asozialen“ Familien stattfindet. Auch verwirrt das große Ensemble mit sehr vielen Darstellern, die oft auch komische Rollen haben. Interessanter ist hier Christopher Rüpings experimentellere Inszenierung von Das Fest am Schauspiel Stuttgart, die 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Indem hier eine kleine Anzahl verschiedener Darsteller Rollen des Vaters Helge oder des Sohnes Christian spielerisch wechseln, werden die familiären Machtstrukturen und die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs hier für das Publikum spielerischer entlarvt, und der Missbrauch wird nicht zum Teilaspekt eines schauspielerisch effektvoll umgesetzten Spektakels um eine kaputte Familie.



Das Fest am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Ansgar Skoda - 23. Juni 2015
ID 8724
DAS FEST (Kammerspiele, 21.06.2015)
Regie: Martin Nimz
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Jutta Kreischer
Video: Carsten Gebhardt
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Nina Steinhilber
Besetzung:
Helge, der Vater … Bernd Braun
Else, die Mutter … Ursula Grossenbacher
Christian, der älteste Sohn … Benjamin Grüter
Michael, der jüngste Sohn … Benjamin Berger
Helene, die Tochter … Sophie Basse
Linda, die tote Schwester … Lydia Stäubli
Mette, Michaels Frau … Johanna Falckner
Großvater, väterlicherseits … Horst Rehberg
Karla, Helenes Geliebte … Birte Schrein
Helmut, Mitarbeiter des Vaters … Glenn Goltz
Kim, Hotelangestellter/ Koch … Robert Höller
Pia, Dienstmädchen … Mareike Hein
Michelle, Dienstmädchen … Svenja Wasser
Eine Frau … Kerstin Heim
Michaels und Mettes Kinder … Elisa Thiele und Felix Pletsch-Floegl
Premiere am Theater Bonn war am 13. Juni 2015
Weitere Termine: 24., 26. + 27. 6. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



 

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