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Besprechung

Das Fest

Schauspiel Stuttgart


Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto © JU Ostkreuz

Bewertung:    



Die Konsequenzen sexuellen Missbrauchs innerhalb der Familie behandelt Thomas Vinterbergs Dogma-Filmklassiker Das Fest von 1998. Erstaunlicherweise adaptiert Christopher Rüping diese Vorlage von Vinterberg und Mogens Rukov mit einem jungen Ensemble höchst experimentierfreudig, lebendig und aufwühlend. In einer Art Familienaufstellung mit wechselnden Figuren wird spielerisch die Bedeutung von Grenzen im innerfamiliären Sicherheitsnetz aufgezeigt. Konsequent wird ausgelotet, was denn passiert, wenn diese aufgeweicht und missachtet werden?

* * *

Mit einer Wucht werden immer wieder Tische, Gedecke und andere Requisiten umgeworfen, bis Nichts mehr steht und alle Grenzen von Anstand, Tugend und langjähriger Familientradition eingerissen sind. Die familiären Machtverhältnisse sind solche Begrenzungen, und auch hier wurden Grenzen bereits in der frühen Kindheit der Zöglinge nicht respektiert. Immer wieder ist der Vater brutal eingedrungen in die Privat- und Intimsphäre seines Sohnes. So sind seine Worte „ich liebe dich“ anstößig geworden und lassen das dahinter liegende „ich missbrauche dich“ nicht vergessen machen. Wie begegnet der heimgekehrte Sohn dem Vater beim Festakt von dessen sechzigstem Geburtstag, der auf kuriose Weise zeitlich mit dem Selbstmord der eigenen Zwillingsschwester zusammenfällt? Letzteren möchte die große Familie durch die ehrerbietenden Feierlichkeiten gerne vergessen machen. Doch das stets verleugnete Schicksal der Schwester teilt der älteste Sohn, der im Rahmen der Feierlichkeiten die erste Rede halten wird. Hat er genug Kraft, auch seiner Schwester zu gedenken, die als letzten Ausweg für sich den Freitod wählte?


Wie viel Wahrheit ist dem Familienidyll zumutbar?


Das unbequeme Thema des Kindesmissbrauchs ist harter Tobak, den das durchweg junge Ensemble überraschenderweise gleich zu Beginn mit einem klamaukigen Einstieg über die langjährige Familienhistorie vergessen macht. Die Figuren setzen sich temporeich in Szene und posieren als unterschiedliche skurrile Typen der scheinbar bis in Urzeiten zurückreichenden Familientradition. Nichts kann die heiteren und sehr agilen Figuren erschüttern. Als Sohn Christian während seiner Rede den Vater des Missbrauchs anklagt, versuchen seine Geschwister flugs ein weiteres Mal über ihre vergnügliche Darstellung der Familienhistorie von dem Gesagten abzulenken, und seine Mutter erklärt freiweg, Christian sei bedauerlicherweise ja wie seine verstorbene Schwester psychisch krank und nachweisbar in Behandlung. Es wird getanzt und gesungen, was das Zeug hält. Denn prompt lässt sich die Mutter dazu herab, zu Ehren ihres Mannes Klassiker wie „Stand by your man“ und „I will follow him“ anzustimmen. Nachdem die Angehörigen Christian eine Entschuldigung beim Vater abgerungen haben, murmeln ihm jedoch seine Gewissensgeister zu, dass ihm Zynismus hier nicht mehr weiterhelfe. So erhebt er nach dem versöhnlich zusammen mit dem Vater erotisch aufgeladen gesungenen Duett „Father and Son“ nach Cat Stevens das Glas auf seine verstorbene Schwester, die der Vater ins Grab gebracht habe. Er stört so immer wieder empfindlich das vorgespielte Familienidyll und fällt dadurch unangehm auf, bis schließlich alles aus dem Rahmen fällt und sich einige der Figuren auf der Bühne nackt zeigen, zunächst ohne sich dessen bewusst zu werden.


Pullöverchen wechsel dich – ein gewagtes Spiel auf Nähe und Distanz


Die körperliche Distanz scheint auch zwischen den Geschwistern auf Bildebene gleich zu Beginn nicht gewahrt, wenn Helene und Michael bei der Begrüßung von Christian beide unter seinen Pullover klettern wollen. Der Zuschauer kann die Figurenkonstellation ohnehin nicht mehr durch den Fokus auf bestimmte Darsteller sortieren, denn fliegend werden die Rollen zusammen mit bunten Strickullovern mit aufgestickten Initialen wie etwa „C“ für Christian, „M“ für den Bruder Michael, „H“ für die noch lebende Schwester Helene, „Ma“ für die Mutter und „Pa“ für den Vater gewechselt. Drei der männlichen Darsteller spielen so mindestens einmal den Vater und mindestens einmal Christian. Im Konfettiregen des lauten Festgetümmels gibt es immer jedoch eine Figur, die am Rande steht und nicht mitmachen kann. Immer wieder wird hier die schmerzhafte Ohnmacht und Gebrochenheit des Missbrauchsopfers deutlich, das bereits ausgestoßen wurde, da es dem Vater „nicht mehr wert“ war, wie er schlussendlich kleinlaut bemerkt. Die Inszenierung zeigt so in stets neuen Konstellationen den langen und schmerzhaften Prozess, den es bedeutet, den Wert des eigenen Elternhauses oder der eigenen Herkunft dann auch richtig einschätzen zu lernen.




Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto © JU Ostkreuz



Ansgar Skoda - 29. Juni 2014
ID 7931
DAS FEST (Schauspiel Stuttgart, 28.06.2014)
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüm: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß und Norbert Waidosch (am Flügel)
Premiere war am 20. April 2014
Weiterer Termin: 10. 7. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com



 
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