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Premierenkritik

Warten auf Godot

Samuel Finzi und Wolfram Koch zelebrieren Samuel Becketts absurdes Lebensdrama um ein großes alles verschluckendes Zeitloch herum


Samuel Finzi und Wolfram Koch - Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de

Bewertung:    



„Nichts zu machen.“ Der Sinn will sich partout nicht erschließen. Seit über sechzig Jahren warten sie nun schon. Wladimir und Estragon, zwei abgerissene Clochards, des Lebens überdrüssig, mit nichts als einem kahlen Baum, an den sich zu hängen die eine Option wäre - und die andere eine zwanghafte Hoffnung, dass da doch noch was käme, was sie Godot nennen und eine Erlösung aus dieser Situation verspräche, sie aber auch in höchste Angst versetzt. Der irische Dramatiker hat diese beiden Clowns zumindest mit etwas Wortwitz ausgestattet, auf dass sie sich beim Warten nicht allzu sehr langweilen. Die Zeit, die auch immer in Anspruch nähme zu vertreiben, ist nun die Aufgabe eines jeden Regisseurs, will er sich nicht in philosophischen Untiefen verlieren und das Publikum damit einschläfern. Klamauk ist da zumeist die Rettung. Humor is,t wenn man trotzdem lacht, auch wenn das Dasein einem mitunter sinnlos erscheint.


Langes Warten steigert bekanntlich das Verlangen. Und so ist es natürlich auch am Deutschen Theater, das uns lange auf die Folter gespannt hat. Die lange angekündigte Berlin-Premiere der Inszenierung von Warten auf Godot (bereits im Januar bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen herausgekommen) musste wegen einer Verletzung von Wolfram Koch (beim Surfen im Urlaub) ganze vier Wochen verschoben werden. Nun steht er doch am Sonntagabend als Estragon auf der Bühne des DT und zelebriert gemeinsam mit Schauspielpartner Samuel Finzi (Wladimir) in Andenken an Dimiter Gotscheff - der die Idee zu dieser Inszenierung nicht mehr selber umsetzen konnte - , dass Warten vor allem am Theater auch eine Kunst sein kann. Um die Vergänglichkeit von Zeit zu demonstrieren und ihr ein deutliches Bild zu geben, hat Bühnenbildner Mark Lammert die Bühnenschräge mit einem trichterförmigen Loch ausgestattet, das dem zeitlich wie örtlich unzureichend definierten Geschehen einen Raum gibt.

Es ist nach der nicht anwesenden Person des Godot, die zweite, nun sichtbare Unwägbarkeit, in die sich trefflich hineininterpretieren lässt. Eine Untiefe mit einem Sog, mindestens so groß wie die Frage nach dem Wer oder Was, Warum oder Wohin und vor allem Wann. Ein großes Nichts, das die Figuren ausspuckt und in das sie irgendwann wieder verschwinden werden. Das unendliche Universum, Gebärmutter und Grab, ein schwarzes Loch, das alle Zeit und Materie verschluckt. Zunächst zeigt uns Regisseur Ivan Panteleev anschaulich das Vergehen von Zeit, indem das Tuch, mit dem die Bühne bedeckt ist, langsam in dem Schlund des Trichters verschwindet. Ein Zeitstrudel, die Öffnung eines Stundenglases, durch das der Sand des Lebens rinnt. Ein besseres Vanitas-Symbol könnte es auf einer Bühne nicht geben.

Keine Landstraße, kein Baum, keine ablenkenden Requisiten. Panteleev verzichtet auf alles, was Beckett noch heilig war. Nur ein Scheinwerfer an einem Mast, der die Bühne fahl ausleuchtet wie eine Laterne, Baumersatz und Mond, in dessen Licht die beiden schicksalhaft verbundenen Tramps sehnsüchtigen schauen können. Alles andere ist ihnen genommen, die Rüben wie die zu engen Schuhe Estragons und der Gürtel, der zum Aufhängen nicht taugt. Die Hoffnung bleibt und das Geschick der beiden Schauspieler, diesen ganz auf sich geworfenen Figuren Leben einzuhauchen. Und diese Chance ergreifen Koch und Finzi ein ums andere Mal.

Der Eiserne Vorhang klingelt und fährt geräuschvoll zu Beginn und Ende jedes der beiden Akte rauf und runter. Dazwischen heißt es spielen um die nackte Existenz. Im ersten Akt wird noch der Anschein gewahrt, es lohne sich das Warten, indem man mit etwas Philosophie die Zeit totschlägt und ein paar religiöse Themen abhandelt wie etwa die Frage, warum nur einer der beiden Schächer erlöst wurde und nur einer der vier Evangelisten überhaupt davon berichtet. Die Sehnsucht Wladimirs nach der eigenen Erlösung wird durch das Desinteresse Estragons, den seine Schuhe mehr plagen als die Frage nach Gott und lieber nach gelben Rüben sucht, irgendwann ad absurdum geführt. Die beiden streiten wie ein altes Ehepaar, in dem Finzi den Part des Mitteilungsbedürftigen gibt und Koch nicht zuhören will und damit nur die Angst der eigenen Person überspielt.

Zu ihnen stoßen dann erwartungsgemäß als große Ablenkung vom eigenen Schicksal Pozzo und Lucky, gespielt von DT-Altstar Christian Grashof und Andreas Döhler, der als Lucky mal keine Koffer schleppen muss, sondern sich mit einem riesigen orangenen Tuch beschäftigt, das er immer wieder zusammenrafft, geduldig faltet, dabei hinstürzt und wieder von vorn beginnt. Grashof ist der vornehme Herr in Vollendung. Das Schurigeln der armen Kreatur Lucky ist ihm sichtliches Bedürfnis wie auch Last gleichermaßen. Ein ebenso schicksalhaft aneinander gekettetes Paar, auch ohne Strick. Ihnen fehlen gleichfalls sämtliche Requisiten wie Peitsche, Stuhl oder Hut. Lucky macht auf Befehl Yogaübungen und denkt laut. Seinen abstrusen Man-weiß-nicht-warum-Monolog blafft Döhler von der Rampe direkt ins Publikum. Er muss auch noch wortkarg den Jungen geben, der nach jedem Akt die Nachricht vom Nichtkommen Godots bringt, auf Fragen von einem Mann mit weißen Bart berichtet und dann auf den nächsten Tag vertröstet.

Als er weg ist, geht die Warteschleife von vorne los. Während Wladimir im zweiten Akt langsam verzweifelnd den Kanon vom Hund, der in die Küche kam und krächzt, um gegen die Einsamkeit anzusingen, nagt Estragon an seinem Knochen, den es nicht gibt, geht, schläft und vergisst Zeit, Tag und Grund ihres Tuns. Es ist eine Art Endlos-Pantomime, ein Pingpong der Worte und imaginären Gegenstände wie der nichtvorhandene Hut Luckys, den sich Finzi & Koch als Zeitvertreib immer wieder zuwerfen, mal wie Tennisspieler schlagen und dazu mit den Fingern schnippen. So imitieren sie auch ein Schachspiel ohne Brett und Figuren. Ein Slapstick jagt den nächsten, ein Kalauer den anderen. Dem Loch werden Didi und Gogo dennoch nicht entkommen, auch wenn sie sich gegenseitig umarmen, festhalten und mit den Jacken zusammenknöpfen. Immer mehr ähneln sie dem sich quälenden anderen Paar, das sie bereits imitieren. Der Abgrund ist nahe, aber sie haben zumindest sich und eine vage Ahnung von etwas anderem, was da noch sein könnte. Und auch das ist Theater. „Also? Wir gehen?“ / „Gehen wir!“ Großer Beifall und Bravorufe für die Akteure des kunstvollen Nichts.



Wolfram Koch und Samuel Finzi in Warten auf Godot bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen - Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de


Stefan Bock - 30. September 2014
ID 8136
WARTEN AUF GODOT (Deutsches Theater Berlin, 28.09.2014)
Regie: Ivan Panteleev
Bühne und Kostüme: Mark Lammert
Mitarbeit Bühne: Ulrich Belaschk
Mitarbeit Kostüme: Karin Rosemann
Licht: Robert Grauel
Sound-Design: Martin Person
Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Andreas Döhler, Samuel Finzi, Christian Grashof und Wolfram Koch
Premiere in Recklinghausen war am 5. Juni 2014
Berliner Premiere: 28. September 2014
Weitere Termine: 2. + 26. 10. 2014
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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