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Premierenkritik

Französische Frischzellenkur
am BE (1)



Victor oder die Kinder an der Macht am Berliner Ensemble | Foto (C) Marcus Lieberenz

Bewertung:    



Das Berliner Ensemble bekommt ein Jahr vor dem Ende der Intendanz Peymann noch einmal eine geballte Infusion frischen Theaterbluts. Für diese sicherlich notwendige Frischzellenkur hat der scheidende Hausherr gleich zwei junge Regisseure aus Frankreich verpflichtet: den Absolventen des Wiener Max-Reinhardt-Seminars Nicolas Charaux (geb. 1982) und den Intendanten des kleinen Pariser Vorstadttheaters Gérard-Philipe de Saint-Denis, Jean Bellorini (geb. 1981)...

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Den Anfang machte Nicolas Charaux auf der BE-Probebühne mit dem 1928 in Paris uraufgeführten Stück Victor oder Die Kinder an der Macht von Roger Vitrac, einem Vertreter des französischen Surrealismus und Dadaismus. Vitracs Dreiakter ist eine bösartige Parodie auf die Tradition des bürgerlichen französischen Schauspiels. Es gilt auch als Vorläufer des absurden Theaters. Nicolas Charaux ist gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Pia Greven seit 2012 an österreichischen und deutschen Theatern unterwegs und wurde 2014 mit dem von den Salzburger Festspielen letztmalig vergebenen Young Directors Award für seinen Georg-Trakl-Abend Der Abschied ausgezeichnet.

Dass Charaux einen Hang zur absurden Komödie hat, bewies der junge Regisseur schon mit seiner Abschlussinszenierung des Labiche-Klassikers Die Affäre Rue de Lourcine 2010 am Max-Reinhardt-Seminar. Ein Blick in den bürgerlichen Abgrund. Ähnlich tief schaut Roger Vitrac mit seiner Farce Victor oder Die Kinder an der Macht, deren Hauptfigur allerdings nicht ein ausgewachsenes Exemplar eines bigotten Bürgers ist, sondern der neunjährige Musterknabe Victor, der sich, fast zwei Meter groß, allerdings schon sehr erwachsen und vor allem schrecklich intelligent fühlt. An seinem neunten Geburtstag startet Victor dann auch gemeinsam mit seiner sechsjährigen Freundin Esther den großen Enthüllungsangriff auf die Scheinfassade seines bürgerlichen Elternhauses. Und der Skandal bleibt natürlich nicht aus.

Denn: Kindermund tut Wahrheit kund. Die netten Kleinen geben vor allen Geburtstagsgästen zum Besten, was sie tags zuvor den Großen abgelauscht haben. Hintergrund für Victors Frechheiten und Bloßstellungen ist die Affäre seines Vaters Charles Paumelle mit Thérèse Magneau, der Mutter von Esther. Was - man ahnt es irgendwann - die beiden halbreifen Früchtchen, Victor und Esther, sogar zu Halbgeschwistern macht. Aber nicht nur Ehebruch und Inzest, auch Militarismus und Katholizismus stehen in der Kritik dieses im Stile einer französischen Salonkomödie daherkommenden Stücks. Modern daran ist die Nähe zum Surrealismus, obwohl der Autor Vitrac und sein Regisseur Antonin Artaud bereits 1926 wieder aus der Gruppe der französischen Surrealisten ausgeschlossen wurden.

Eine weitere Bezugsgröße ist Alfred Jarry, der Bürgerschreck und Autor des König Ubu, nach dem sich das von Artaud und Vitrac gegründete experimentelle Théâtre Alfred Jarry benannte und dem auch im Programmheft des BE gehuldigt wird. 1964 gelangte die deutsche Erstaufführung an den Münchner Kammerspielen in der Regie von Jean Anouilh und Roland Piétri sogar zu Theatertreffen-Ehren. Mittlerweile ist es etwas ruhiger um den Autor geworden. Eine Wiederbelebung im Zeichen der Zeit wird ihm auch am Theatermuseum Berliner Ensemble nicht zu teil. Die Inszenierung von Nicolas Charaux schleppt ihr historisches Säckchen über eindreiviertel Stunden mit sich herum, ohne es wirklich mal beherzt hinter sich werfen zu können.

Dabei beginnt eigentlich alles ganz interessant. Die Bühne von Pia Greven wirkt wie eine kleine, sauber aufgeständerte Puppenstube, in der sich die DarstellerInnen zunächst auch wie Puppen in ihren historisierenden Fantasiekostümen bewegen, diese künstliche Manier aber recht bald wieder ablegen. Vasen werden zerschmissen, Geschenke durch Klappen in den Bühnenwänden entsorgt und dadaistische Kunststückchen vorgetragen. Ein absurdes, widersinniges Treiben, dass besonders in dem zum „Hahnrei“ gemachten Ehemann Antoine Magneau (Jörg Thieme) zum Ausdruck kommt, der dem Wahnsinn nahe, ständig von der Schlacht von Sedan und dem Marschall Bazaine faselt. An den verlorenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnert auch der als Mischung aus französischem Offizier und Preußens Bismarck daherkommende General Étienne Lonségur (Roman Kaminski), der Victor zum Kürassier ausbilden will und als Hotte-Hüh-Pferdchen endet.

Die „dreckige Göre“ hat hier die Zügel noch fest in der Hand, auch wenn es mit dem surrealistischen Max-und-Moritz-Paar Victor (Raphael Dwinger) und Esther (Karla Sengteller) noch böse enden wird. Der Rest des bürgerlichen Aufgebots in Gestalt der beiden Mamas Mme. Paumelle (Swetlana Schönfeld) und Magneau (Anna von Haebler) sowie dem Hausherrn Charles Paumelle (Norbert Stöß) tänzelt aufgeregt lachend umher. Den passenden Minimal-Sound macht Live-Musiker Martin Klingeberg in grüner Pagenlivree auf den verschiedensten Instrumenten. Nette Kleinstauftritte haben Nadine Kiesewalter als Hausmädchen Lili und Claudia Burckhardt als ganz in Schwarz gekleidete mystische Ida Totemar, deren Flatulenzen wie in Karin Henkels am benachbarten DT aufgeführtem Labiche-Äquivalent zur weiteren Belustigung beitragen. Ein Verwischen von Realität mit surrealen Alpträumen bleibt hier allerdings nur hysterische Behauptung, auch wenn Papa Paumelle nachts verstört am Ehebette hobelt.

Nach den Vorschusslorbeeren, die Charaux für seine bisherigen Inszenierungen erhalten hat, muss man sich schon arg wundern, wie brav er diese einstmals so böse Farce vom Blatt weg spielen lässt, ohne wirklich zu verstören. Und wenn auch das Bühnenrund am Ende einer Wiese mit aufgewühlten Maulwurfshügeln gleicht, das Aufregungspotential dieser Aufführung tendiert doch heute deutlich gegen Null. Zum handwerklich soliden Bühnenspaß reicht’s allemal und lässt dabei für Jean Bellorinis Premiere des Selbstmörders in der nächsten Woche noch reichlich Luft nach oben.



Victor oder die Kinder an der Macht am BE | Foto (C) Marcus Lieberenz

Stefan Bock - 11. Februar 2016
ID 9127
VICTOR ODER DIE KINDER AN DER MACHT (Probebühne, 10.02.2016)
Regie: Nicolas Charaux
Bühne und Kostüme: Pia Greven
Musik: Martin Klingeberg
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Steffen Heinke
Mit: Raphael Dwinger (Victor, neun Jahre alt), Norbert Stöß (Charles Paumelle, sein Vater), Swetlana Schönfeld (Emilie Paumelle, seine Mutter), Nadine Kiesewalter (Lili, ihr Mädchen), Karla Sengteller (Esther, sechs Jahre alt), Jörg Thieme (Antoine Magneau, ihr Vater), Anna von Haebler (Thérèse Magneau, ihre Mutter), Roman Kaminski (Der General Étienne Lonségur), Claudia Burckhardt (Ida Totemar) und Martin Klingeberg (Musiker)
Premiere am Berliner Ensemble war am 10. Februar 2016
Weitere Termine: 19., 23. 2. / 1. 3. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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