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Premierenkritik

"Der Sänger

singt."



Schatten (Eurydike sagt) an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Bewertung:    



Jetzt ist der Jelinek'sche Großtext Schatten (Eurydike sagt) - dessen Bühnenadaption vom Wiener Burgtheater in 2013 erstmals dargeboten wurde - wieder in Berlin gelandet und nachdem er vor drei Jahren schon mal (angelegentlich des Burgtheater-Gastspiels) am DT zu hören und zu sehen war:


"Eurydike kehrt aus dem Reich des Todes zurück ins Leben. Orpheus, der gefeierte Sänger, führt sie zurück durch Tunnel, über düstere Korridore, dunkle Aufzugschächte hinauf und fährt sie durch endlose, leere unterirdische Straßen. Während ihrer Reise erinnert sie sich, wie sie zu Lebzeiten als Autorin stets im Schatten ihres Geliebten Orpheus stand, in einer Gesellschaft, die für sie keinen eigenständigen Platz vorgesehen hatte. Je näher sie dem Ende ihrer Reise kommt, desto klarer wird sie sich über die Tatsache, dass ihr die schattenhafte Nicht-Existenz im Jenseits viel lieber ist, als ein fremdbestimmtes Leben im Körper einer Frau." (Quelle: schaubuehne.de)


So [s.o.] wird es uns zusammenfassend, dass es auch dann jeder, der das Stück im Hause am Lehniner Platz zu sehen willens ist, sofort und im Voraus begreift, als Plot serviert. Das brauchte es, mit diesem pädagogisch-eineindeutig angemahnten Fingerzeig, freilich mitnichten, denn: Sowohl der Text an sich als auch die filmszenische Übersetzung durch die Britin Katie Mitchell (Atmen, Die gelbe Tapete und Ophelias Zimmer) sind in summa derartig plausibel, dass es auch der dümmste (aller Männer) schnallt = Eurydike hat Orpheus satt.

*

Die Jelinek und ihre Innenmonologerin sind eins. Vorausgesetzt wird eine aktuelle Schreibblockade der Autorin, die - durch einen zufälligen Einschnitt (Schlangenbiss) - so nach und nach wieder "verschwindet". Durch den postmortalen Eintritt in das Schattenreich, während sich ihre Seele nebst Verstand quasi verselbständigen, kommt die Rückbesinnung und Erleuchtung à la "Frauen OHNE Männern geht's am Ende besser als die Zeit MIT ihnen und vorher" - so eine Art den Überdruss feiernde Kundry-Auslebe: "Nur Ruhe! (...) Schlafen!"

Es gibt zwei Eurydike's in Mitchells Inszenierung: Jule Böwe & Stephanie Eidt. Die eine ist zu sehen, und die andere zu hören. Böwe spielt, Eidt spricht. Als maskuline Randakteure mühen sich Renato Schuch (Orpheus der Rockstar) und Maik Solbach (Fährmann in die Unterwelt) um ihnen von der Regisseurin zugewiesene Erscheinungsbilder. Und ein VW Käfer mit dem sinnstiftenden Kennzeichen "UW 8TYX" (wie Unter-Welt bzw. Styx) dient als Transportmittel vom Dies- ins Jenseits oder umgekehrt.

Ein gutes Dutzend hin und her wuselnder Film- und Tonleute [Namen s.u.] fügt das Alles in ein Hitchcockhaftes Kammerspiel - man denkt sofort an Janet Leigh bei ihrer Nachtfahrt in dem Psycho-Auto - hochprofessionell zusammen; dass die Technik wegen eines Netzwerkfehlers erst einmal total versagte und die Vorstellung 'ne halbe Stunde später als geplant begann, kann/konnte dann schon mal passieren. Hoch über den Sets ist übrigens der endgültige Live-Spielfilm auf einer Projektionsbreitwand zu sichten.

Es gibt tolle Szenen-Schnitte und zwingende Nahaufnahmen - beispielsweise auch (das Sexuelle hat bei Jelinek'schen Texten immer eine Großbedeutung), wenn und wie Eurydike von Orpheus in der Künstlergarderobe durchgevögelt wird; da kennen Böwe/Schuch ja nix!

Viel klaustophobisch anmutende Fahrstuhl-Atmosphäre auch; so weist die rote Lämpchenanzeige bis in die 99. Etage abwärts...

Alex Eales (!) erschuf die imposante Bühne.

Suggestiver Abend, ohne jede Frage.




Schatten (Eurydike sagt) an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Andre Sokolowski - 29. September 2016
ID 9588
SCHATTEN (EURYDIKE SAGT) | Schaubühne am Lehniner Platz, 28.09.2016
Regie: Katie Mitchell
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Bildregie: Chloë Thomson
Bühne: Alex Eales
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen
Videodesign: Ingi Bekk
Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson
Sounddesign: Melanie Wilson und Mike Winship
Licht: Anthony Doran
Dramaturgie: Nils Haarmann
Skript: Alice Birch
Kamera: Nadja Krüger/Stefan Kessissoglou, Christin Wilke und Marcel Kieslich
Boom Operator: Simon Peter
Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch und Maik Solbach
Erstaufführung der Theaterfassung am Burgtheater Wien (Akademietheater) war am 17. Januar 2013
Premiere an der Schaubühne: 28. 9. 2016
Weitere Termine: 29., 30. 9. / 3. 10. / 9. - 11., 14. - 16. 11. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


http://www.andre-sokolowski.de

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