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Premierenkritik

Die weißen

Dieger sind

los



Circus Sarrasani. The Greatest Show on Earth am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Bewertung:    



Der Zirkus war da!

Und er hat dieses mitunter doch betuliche Staatsstadttheater gehörig durcheinander gewirbelt, vermutlich unter dem Protest von Feuerwehr, Unfallkasse und kaufmännischer Direktion. Aber schön war’s, nicht nur deswegen.

Dabei beginnt es in der vergleichsweise trostlosen Jetzt-Zeit, beim Trocadero-Dinner, wo die Band mit der Routine von tausend Vorstellungen die nicht mehr ganz taufrischen Damen beim Schauturnen begleitet. So perfekt asynchron muss man das erstmal hinkriegen während der schier endlosen Verlesung der Menüfolge. Aber Seiltänzer und Zauberkünstler sind echt, der Zirkus ist wirklich da. Auch wenn ein müder Clown lustlos herbetet, welche einzigartigen, nur leider imaginären Attraktionen uns erwarten – die präsentierten wilden Sorbenpaare sind ethnologisch bestätigt authentisch, und die siamesischen Drillinge aus Pirna sicher auch.

Der Schöpfer des Abends wird stilecht am Klavier von einem Zirkuspferddarsteller hereingezogen, erträgt sein eigenes Willkommensliedchen aber nur mit Mickey-Mouse-Stimme. Rainald Grebe ist fortan immer wieder mal präsent, aber angenehm zurückhaltend. Die wirkliche Show überlässt er den Darstellern und Artistinnen.

Da wäre zunächst Sven Hönig zu nennen, als Erklär-Onkel hinterm Schreibtisch am Bühnenrand (die Anlehnung am Stadtarchivar Kübler ist erkennbar) und später als Flohzirkusdirektor mit Blessuren. Eva Hüster beeindruckt sowohl mit ihrer Stimme als auch mit der Raubtierpeitsche, David Kosel und Anja Laís sind die Sarrasanis der verschiedenen Generationen, und Klaus-Dieter Werner ist der Zwerg, ohne den ein Zirkus früher nicht auskam.

Zusammengehalten wird der Abend von Anna-Katharina Muck und Thomas Eisen, meist als Kommentatoren, oft auch als Darsteller, Eisen kann zudem zeigen, dass er auch als Musiker eine respektable Größe ist. Die musikalische Leitung hat Jens-Karsten Stoll, langjähriger Partner von Grebe, die er von den Tasteninstrumenten aus wahrnimmt.

Die eigentlichen Stars des Abends aber sind die Artistinnen, vor allem Kathrin Mlynek mit den Reifen und Christina Wintz am Vertikaltuch, atemberaubend und poetisch. Geschickt übrigens nicht nur hier die Kostümwahl: Ira Hausmann steckt die Künstler meist nicht ins zirkustypische Bling-Bling-Dress, sondern in gediegene Alltagsmode, was die Wirkung der Artistik noch verstärkt.

Auf Tiere muss dieser Zirkus auch nicht verzichten: Neben Bären, Elefanten und Pferden, die untenrum in Menschenkostüme gesteckt wurden (nur der Hahn ist tot), sind vor allem die berühmten "weißen Dieger von Sarrasani" zu erwähnen, eine einmalige Kreuzung aus Raubtieren und Schauspielstudenten, die auch zur Pause in der Tierschau zu bewundern sind. Nicht mal Füttern ist verboten.

*

Das liest sich alles sehr heiter und ist es größtenteils auch. Aber hier wird auch vom Aufstieg und den vielen Untergängen einer Zirkus-Dynastie erzählt: Da muss die komplette Belegschaft 1914 gegen Engeland ziehen (was in einem großartigen „lebenden Bild“ veranschaulicht wird – die Bühne ist von Janna Skroblin gestaltet worden), während im heimischen „Theater der 5000“ die Schlachten des Krieges nachgestellt und natürlich gewonnen werden, derweil die Tiere verhungern. Der Weltwirtschaftskrise entkommt man 1923 nur dank des Mäzen Stinnes nach Argentinien, dem Zweiten Weltkrieg entkommt man gar nicht mehr, im Februar 1945 brennt der riesige Zirkusbau nieder. In Argentinien wird ein Neuanfang gewagt und geschafft (vermutlich ohne die inzwischen dort ansässigen Alt-Nazis), 1956 erfolgt in Mannheim die Neugründung des Circus Sarrasani. Nach der Wende spielt der Zirkus auch wieder in Dresden, Pläne für ein festes Haus scheitern aber, man versucht sich mit einem Dinner-Varieté im Zelt an verschiedenen Dresdner Standorten zu etablieren, nunmehr im Elbepark (der Name täuscht: Es ist weder ein Park noch liegt er an der Elbe, sondern an der Autobahnabfahrt Dresden-Neustadt und ist ein neuzeitlicher Tempel des Konsums). Ein Zirkus im klassischen Sinne spielt dort wohl nicht mehr, die Zeiten erfordern neue Angebote, und dressierte Tiere hinter Gittern wollen immer weniger Leute sehen.

Das alles lernt man in diesem Stück. Grebe hat die Gabe, von Tatsachen zu erzählen, ohne auch nur im Ansatz zu langweilen. Schon beim Struwwelpeter in Frankfurt/Main fiel das auf: Grebe kann Geschichte lebendig werden lassen, seine theatralen Mittel sind dabei vielfältig. Selbst ein Interview mit einem alten Artistenpaar auf der Bühne erzeugt keinen Bruch im Verlauf des Abends, auch weil man den großen Respekt spürt, mit dem Grebe seine beiden Gesprächspartner und den Beruf des Artisten behandelt.

Aber der Jongleur braucht die Welt, die Welt jedoch nicht den Jongleur. Ein von Grebe leidenschaftlich vorgetragener Appell für eine Förderung dieser Sparte, die halt nicht zu den anerkannten Kunstformen gehört, wird wohl verhallen.

Die Welt von heute ist kein guter Raum für den Zirkus. Es ist alles bereits entdeckt, wie Thomas Eisen in einem beeindruckenden Monolog beklagt; welche Exotik soll der Zirkus noch verbreiten? Und billige Kunststückchen für lau finden sich in den Untiefen von youtube und Co. zuhauf, schnell konsumierbar von der Couch aus, Anna Katharina Muck futtert dabei gemütlich Chips und macht nachher auch Kunst, autosuggestiv – die Latte dafür hängt inzwischen ja nicht mehr tief, sie liegt auf dem Boden. Man kann höchstens noch drüber stolpern.

Zuvor zieht der Zirkus auf der Bühne um die Welt – eine bunte Abfolge von lebenden Bildern illustriert das. Und die edlen Wilden vom Stamme der Sioux stehen malerisch herum und singen eine Sachsen-Hymne sowie beliebte Volkslieder am Lagerfeuer in Dresden – damals waren fremde Völker noch eine Attraktion hier, heute sieht man das in Teilen der Bevölkerung anders.

* *

Circus Sarrasani. The Greatest Show On Earth - das ist natürlich kein normaler Theaterabend: So viel Szenenapplaus gab es hier noch nie, und der Jubel am Ende ist den bisherigen Highlights der Saison von Rasche und S. Hartmann ebenbürtig. Es gibt eine Handlung, aber es ist kein Theater im herkömmlichen Sinne, auch „Doku-Theater“ greift zu kurz. Mit „Show“ ist das Ganze wohl doch am besten beschrieben, auch weil sich dieser Begriff einer exakten Definition entzieht. „Spektakel“ ginge auch.

Der Zirkus war da im Theater. Jetzt kehrt wieder Normalität ein. Aber keine Sorge: Der Zirkus kommt wieder.



Circus Sarrasani. The Greatest Show on Earth am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Sandro Zimmermann - 27. Mai 2018
ID 10721
CIRCUS SARRASANI. THE GREATEST SHOW ON EARTH (Schauspielhaus, 26.05.2018)
Regie: Rainald Grebe
Bühne: Janna Skroblin
Kostüme: Ira Hausmann
Musikalische Leitung / Einrichtung: Jens-Karsten Stoll
Licht: Andreas Barkleit
Dramaturgie: Kerstin Behrens
Mit: Björn Böttcher, Emil Borgeest, Marlen Brückner, Laura Dittmann, Tillmann Eckardt, Irene und Konrad Eißler, Thomas Eisen, Vivien Foller, Alexander Ganz, Tammy Girke, Rainald Grebe, Sven Hönig, Eva Hüster, Claudia Korneev, David Kosel, Anja Laïs, Ruben Langer, Lucas Lentes, Yulia Matzke, Kathrin Mlynek, Anna-Katharina Muck, Marina Poltmann, Sabine Rieck, Jens-Karsten Stoll, Maria Teichmann, Theresa Tippmann, Klaus-Dieter Werner, Paul Wilms, Christina Wintz und Susanne Zeiler
Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden: 26. Mai 2018
Weitere Termine: 31.05. / 04., 21.06.2018)


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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