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Premierenkritik

Das Augenzwinkern

des Robert Wilson



Rosa Enskat (als Mutter) und Christian Friedel (als Nathanael) in Der Sandmann am Düsseldorfer Schauspielhaus | Foto (C) Lucie Jansch

Bewertung:    



In dem Gruselmärchen Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann (1776-1822) droht die Mutter ihrem kleinen Sohn Nathanael, dass der Sandmann käme, wenn Kinder nicht schlafen gingen. Der streut unartigen Kindern ganz viel Sand in die Augen, bis diese ihnen blutig herausspringen. Das ist Schwarze Pädagogik pur, und da können einem schon mal die Haare steil zu Berge stehen, wie bei dem Nathanael (Christian Friedel) in der Inszenierung von Robert Wilson. Wilson ist ein Theatermagier: Regisseur, Lichtdesigner, Videokünstler, Autor und Architekt in einem, hat er seinen Nathanael auch visuell auf Krawall gebürstet, die Haare sind knallrot und wie lodernde Flammen frisiert in Analogie zum Feuermotiv bei Hoffmann. Nathanael hat ein weiteres traumatisches Kindheitserlebnis, denn bei einem missglückten alchimistischen Versuch, den er mit dem Advokaten Coppelius durchführte, kam sein Vater zu Tode, und es brach ein Brand aus. In seiner Verwirrung verschmelzen der Angst einflößende Coppelius, der ihm in seiner Kindheit alle Lebensfreude erstickte, und der monströse Sandmann zu einer Person. Als er erwachsen ist, triggert ein Wetterglashändler namens Coppola das alte Trauma, und Nathanael vertraut sich seinem besten Freund Lothar und dessen Schwester Klara (Lou Strenger) an. Doch die versuchen, die irrationalen Befürchtungen ihres Freundes zu beschwichtigen, und Nathanael fühlt sich auf Dauer nicht von ihnen verstanden.

Robert Wilsons Inszenierungen sind eher wortkarg, doch im Sandmann kommt viel Musik mit grandiosen Texten zum Einsatz. Ein sichtbar gut aufgelegtes Orchester kann eine Vielfalt von verschiedenen Musikstilen spielen, wobei es bei der Premiere den Eindruck erweckte, dass es am liebsten abrockte. Dazu geben ihnen die fantastischen Scores der Komponistin Anna Calvi reichlich Gelegenheit. Die Songs werden vom Ensemble sehr gekonnt und stellenweise ergreifend vorgetragen und vor allem ohne irgendwelche Musical-Attitüden. Hier muss man das Gesangstalent und den Stimmumfang von Hauptdarsteller Christian Friedel besonders hervorheben, ebenso Rosa Enskat in der Rolle der Mutter und Lou Strenger als Klara. Bei ihnen befinden sich die schauspielerischen und gesanglichen Qualitäten auf gleicher Höhe. Es ist aber natürlich das ganze Team, das Bühnenpersonal, die Musiker, die Techniker an Licht und Ton und alle Beteiligten, die das Stück zu einem grandiosen Ganzen verschmelzen lassen. Am Schluss der Premiere waren auch alle auf der Bühne.

Wilson arbeitet schon während der gesamten Proben mit Licht, das für ihn einen sehr hohen Stellenwert hat. „Durch das Licht wird die Dunkelheit erst sichtbar“, erklärt er. Die Lichteffekte werden auf einer riesigen Leinwand im Hintergrund projiziert, manchmal gibt es nur Spotlights. Durch Neonbeleuchtung werden Häuser, Türme und Türen angezeigt, Lichtgewitter zeigen Unruhezustände an, Lichtsäulen stellen Abgrenzungen dar. „Das Licht schafft den Raum und es verleiht Struktur“, sagt er. Manchmal muss auch die Dunkelheit ertragen werden. Wilson glaubt an die Macht der Stille. Die Schauspieler bewegen sich mitunter sehr langsam, brauchen endlos Zeit, bis sie sich von einem Ende der Bühne zum anderen bewegt haben. Der Raum ist für Wilson eine horizontale Linie, während die Zeit eine vertikale Linie ist, die zur Mitte der Erde und zum Himmel geht. Wilson erklärt, dass z. B. Klang im Spannungsfeld zwischen diesen beiden entsteht.

Wilson lehnt Naturalismus im Theater ab. Seine SchauspielerInnen bewegen sich mechanisch und liefern ihre Dialoge auch so ab. Erst wenn das beherrscht ist, beginnt die Freiheit des Schauspielers, meint er. Das Visuelle und der Text sind zwei verschiedene Ebenen. Das Gezeigte steht manchmal in Kontrast zur Aussage im Dialog. Als sich Nathanael in Olimpia (Yi-An Chen) verliebt, schwärmt er in vollen Tönen von der Liebe in ihren Augen. Olimpia ist aber eine mechanische Puppe, der ein Riesenschlüssel zum Aufziehen im Rücken steckt. Hier wird Nathanaels gestörte Wahrnehmung sehr deutlich bebildert. Nathanael wiederholt manche Textstellen sehr häufig, er kommt aus seinem Trauma nicht heraus, ist in einer Endlosschleife gefangen. Das zeigt sich z.B. an der wiederholten Frage: „Wo ist Papa?“ Der tödliche Unfall des Vaters und der Brand sind noch nicht verarbeitet. Als er dann eines Tages zur Einsicht gezwungen wird, dass Olimpia eine Puppe ist, steuert er unaufhaltsam auf das schlimme Ende mit ihm zu.

Es war eine Frage der Zeit, wann der visuell ausgerichtete Wilson auf dieses Märchen stoßen würde, das sich um Augen, Sehen, gestörte Wahrnehmung und dann auch noch um eine mechanische Puppe dreht. Wilson befürwortet das japanische No-Theater mit seinen Masken und stilisierten Bewegungen. Da ahmt er einiges nach, wie die starke Schminke und das Spiel mit vollem Körpereinsatz. Bei Wilson geht das gelegentlich in Slapstick-Einlagen über. Die Sprachlosigkeit wird so in Bewegung und in Schauwerte übersetzt. Durch die Stilisierung entsteht eine Distanz zur gruseligen Geschichte und durch den Humor, den Wilson immer wieder aufblitzen lässt, die Befreiung durch Lachen. Dieses Augenzwinkern ist die beste Medizin gegen unbewusste Ängste und begleitet die ZuschauerInnen gut gestimmt auf dem Nachhauseweg.

Das Premierenpublikum durfte noch eine Überraschung erleben, als Anna Calvi nach nicht enden wollenden Standing Ovations auch noch selber sang.



Andreas Grothar als Coppola/Coppelius in Der Sandmann von Robert Wilson am Düsseldorfer Schauspielhaus | Foto (C) Lucie Jansch

Helga Fitzner - 22. Mai 2017
ID 10043
DER SANDMANN (Düsseldorfer Schauspielhaus, 20.05.2017)
Regie, Bühne, Licht: Robert Wilson
Musik, Lyrics: Anna Calvi
Kostüme: Jacques Reynaud
Make-up-Design: Manu Halligan
Video: Tomasz Jeziorski
Musikalische Leitung sowie Originalpartitur, Orchester-Arrangements, zusätzliche Musiken: Jherek Bischoff
Dramaturgie und Textfassung: Janine Ortiz
Besetzung:
Nathanael ... Christian Friedel
Clara ... Lou Strenger
Lothar ... Jonas Friedrich Leonhardi
Vater ... Rainer Philippi
Mutter ... Rosa Enskat
Coppola/Coppelius ... Andreas Grothgar
Spalanzani ... Konstantin Lindhorst
Olimpia ... Yi-An Chen
Siegmund ... Alexej Lochmann
Sandmann ... André Kaczmarczyk
Mit Zuzana Leherová (Violine, Keyboard), Radek Stawarz (Viola), Nathan Bontrager (Cello), Bernd Keul (Kontrabass, E-Bass), Annette Maye (Klarinette, Bassklarinette), Achim Fink (Tuba, Posaune), Roger Schaffrath (Gitarre, Mandoline), Tim Dudek (Schlagzeug, Electronics) und Frank Schulte (Sounddesign)
Uraufführung bei der Ruhrtriennale (Ruhrfestspielhaus, Recklighausen) war am 2. Mai 2017.
Premiere in Düsseldorf: 20. Mai 2017
Weitere Termine in Düsseldorf: 21., 28.05.2017
Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und Unlimited Performing Arts


Weitere Infos siehe auch: http://www.dhaus.de


Post an Helga Fitzner

EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM

Unsere Neue Geschichte



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