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Premierenkritik

Eine Frau -

Mary Page

Marlowe


von Tracy Letts


Foto (C) Julian Röder

Bewertung:    



Die Konstruktion von Tracy Letts Stück Eine Frau - Mary Page Marlowe erscheint interessant. Er collagiert Erinnerungssequenzen einer Frau, um ihre Facetten zu zeigen. Was macht das Ich dieser Mary Page Marlowe aus? Was macht das individuelle Ich überhaupt aus? Wie groß ist die Freiheit des Menschen sein Ich zu gestalten, und wie groß ist seine Bereitschaft Verantwortung zu tragen? Die Fragen sollen laut Programmheft verhandelt werden.

Doch das Stück beschränkt sich auf Spielsequenzen, die nur einmal mehr demonstrieren, wie der Mensch als Ergebnis seines Umfeldes in Unfreiheit lebt. Die elf Erinnerungssequenzen dieser Frau wirken im Zeitraffer der Drehbühne mit ihren ärmlich desolaten Räumlichkeiten wie eine durcheinander gewürfelte amerikanische Fortsetzungsserie, durchaus mit filmischen Reiz.

Der Rückblick beginnt mitten in der Tristesse einer Trennung. Die Eltern realisieren ihre Vorstellungen, die beiden Kinder werden nicht gefragt. Sie haben es zu akzeptieren. Die Frau nimmt ihren Mädchennamen wieder an, Mary Page Marlowe, und erinnert sich an die eigene Kindheit als schreiendes Baby im Kinderwagen zwischen endlos streitenden Eltern. Als junge Ehefrau stürzt sie sich in banale Liebesabenteuer. Eine Therapie bleibt ergebnislos. Der Absturz in den Alkoholismus ist nicht aufzuhalten. Das Leben passiert einfach. Sie ändert nie den Kurs, wie ein Vogel bleibt sie in den gleichen Flugbahnen. Reichlich aufgesetzt wirkt ihre späte Einsicht Verantwortung zu übernehmen, als sie mit 3,2 Promille einen Unfall verursacht und ohne Widerspruch ins Gefängnis geht, weshalb sie ihr zweiter Mann verlässt. Dass sie danach noch ihren dritten Mann kennenlernt, mit dem sich das Leben so vergoldet, dass sie gelassen sterben kann, ist durchaus aufbauend, doch imgrunde nichts mehr als eine Seifenoper, rundherum sehr amerikanisch, aus der Sicht eines Mannes geschrieben, aus distanzierter Außenperspektive unter der Regie von David Bösch realistisch inszeniert.

Gelungen ist die optische Atmosphäre. Mit beigen Tapeten, desolaten Happy-Birthday-Girlanden, billigen Klamottenmix (Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen) wird Underclass in der amerikanischen Provinz signalisiert. Amerikanische Evergreens peppen die Szenerie auf, wenn es um Mary Page Marlowes Jugendjahre geht und noch „What A Wonderful World“ in Sicht ist, schaffen in den letzten beiden Sequenzen zwischen Sich-neu-verlieben und Krankenhaus eine freundlich melancholisch versöhnliche Atmosphäre (Musik: Karsten Riedel), intensiviert durch eine warme, fast surreale wirkende Lichtstimmung (Licht: Ulrich Eh).

Treffsicher ausgewählt sind die Schauspieler, voller Trotz und starken Überlebenswillens Marys Tochter Wendy (Louisa-Céline Gaffron). Mary, vier Frauen spielen ihre Facetten, ist bewusst brüchig angelegt. Wilhelmina Mischorr zeichnet eine introvertierte 12-jährige Mary, die sich mit Carina Zichner von einem sehr selbstbewussten Teeny zu einer emotionslosen Verführerin entwickelt. Carina Zichner verwandelt Mary sehr überzeugend in eine junge Frau, die ihre emotionale Kälte mit Sex und Alkohol vergeblich betäubt. Bettina Hoppe übernimmt den herben Part der 40 und 50er Jahre, die erste Trennung, den Absturz in den Alkoholismus zunächst mit der Attitude eines Filmsternchen und dann völlig aus der Bahn geworfen als Unfallopfer. Im Alter wird Mary durch Corinna Kirchhoff plötzlich wieder eine aparte ältere Dame, der man die Alkoholikerkarriere so gar nicht ansieht. Ein Märchenschluss oder besser der ewige amerikanische Traum vom besseren Leben.



Eine Frau - Mary Page Marlowe am Berliner Ensemble | Foto (C) Julian Röder

Michaela Schabel - 13. November 2017
ID 10368
EINE FRAU - MARY PAGE MARLOWE (Berliner Ensemble, 09.11.2017)
Regie: David Bösch
Bühne: Patrick Bannwart
Kostüme: Meentje Nielsen
Musik: Karsten Riedel
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Bettina Hoppe, Corinna Kirchhoff, Annika Meier, Sascha Nathan, Maertin Rentzsch, Carina Zichner, Arsseni Bultmann, Ruby Commey, Luisa-Céline Gaffron, Bineta Hansen, Barney Lubina, Wilhelmina Mischorr und Elisabeth Moell
Premiere war am 9. November 2017.
Weitere Termine: 16., 17., 24.11. / 04., 21.12.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


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