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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Verschwör'

Dich gegen Dich



Die Verschwörung des Fiesko zu Genua am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer

Bewertung:    



(Nicht nur beim Gundermann, auch bei der Musik- und Textgruppe Tocotronic sind zu jedem Anlass die passenden Zeilen zu finden. Die kursiv gesetzten Teile entstammen dem oben genannten Titel und anderen von der CD Kapitulation aus dem Jahr 2007.)

*

Es ist kompliziert, sagt Intendant Schulz zur Einführung, mit dem Stück und vor allem mit dessem Ende. Auch Schiller war sich nicht sicher, wie das ausgehen solle (eine hübsche Analogie zum Titelhelden) und fertigte – das heutige Regietheater vorwegnehmend - zwei Schlüsse. Man durfte gespannt sein, aber auch annehmen, dass Jan Philipp Gloger in seiner ersten Arbeit am Haus einen eigenen finden wird.

"Explosion"... Von Null auf Hundert in Millisekunden beginnt das Stück mit einem Ausbruch von Leonore als eifersüchtige Gattin des Fiesko, die ungern Bestandteil eines Dreiecks mit Julia sein möchte, auch wenn sich ihr dank Kalkagno eine ähnliche Konstellation böte. Das kracht schon mal ordentlich.

Gianettino versucht derweil, alles klar zu machen mit der Nachfolge von dem Andrea Doria und heuert einen Killer an, um den beim Volke beliebten Fiesko vorsorglich aus dem Weg zu schaffen. Dann öffnet sich die Bühne und gibt statt karger Gasometer-Außenwände einen Saal frei, in welchem sich die geschlossene Gesellschaft der oberen Paarhundert von Genua orgiastisch-bacchantisch vergnügt (nicht nur hier ist der Opern-Backround des Regisseurs deutlich zu spüren). Mittendrin Fiesko, den es von der Politik offensichtlich zu WeinWeibGesang gezogen hat, zur Enttäuschung seiner Freunde. "Harmonie ist (auch) eine Strategie"...

Kronprinz Gianettino (Jan Maak) kommt diabolisch daher und hat neben der Macht noch andere Interessen, z. B. an der Tochter von Verrina, dem Gralshüter der republikanischen Demokratie. Dass dies auf das Unerfreulichste von Erfolg gekrönt ist, führt dann zu einer Art Rütli-Schwur auf Italienisch. Verrina sammelt die Verschwörer um sich - so richtig bedrohlich wirkt das aber nicht, eher wie ein schlechter Mantel-und-Degen-Film.

Fiesko scheint für die republikanischen Zwecke moralisch ungeeignet, er neigt eher der Basis der Bedürfnispyramide zu, die dank Julia, Gianettos Schwester, im verlockendsten Licht erscheint. Deren erster Auftritt ist herrlich affektiert, und auch sonst gibt Karina Plachetka ihrer Rolle eine verspielte Verruchtheit, die nicht nur Fiesko (scheinbar) wehrlos macht. Ihr Duett mit Leonore erinnert stark an jenes von Polly und Lucy aus der Dreigroschenoper, Chapeau, die Damen.

Jener entgeht dem täppisch ausgeführten Attentat und dreht den Mohren Hassan schlicht um, was ihm einen Spion beschert und dem Publikum eine Autoknacker-Pantomime von Feinsten, dargeboten von Thomas Braungardt. Schon hier sind unbedingt die großartigen Kostüme von Eva Martin zu erwähnen, die unaufdringlich-deutlich die Charaktere nachzeichnen.

Hassans Bericht aus dem Volke erzählt von diffusem Unbehagen ohne konkrete Forderungen, nicht erst das „Hum, humhumhum“ zieht eine Parallele zum nahegelegenen Theaterplatz, wo der Bürger neulich seinen Unmut Gassi führte.

Langsam kriecht die Katze aus dem Sack, Fiesko agiert öffentlich als Lebemann, um seine Absichten zu tarnen: "Du musst nicht zeigen, was Du kannst, Du darfst nicht sagen, was Du denkst, man soll nicht wissen, wie Du fühlst"... Der Weg zur Macht führt über die Verstellung. "In diesem Krieg sind alle Tricks erlaubt."

Nur was er macht mit der Macht, ist noch offen. Seine Fabel aus dem Tierreich belegt die Ungeeignetheit der Demokratie für das Volk, andererseits ist er p.c. genug, die Republik zu preisen. "Als wir wiederum nicht wussten, was zu tun, wohin sich wenden, liefen wir stundenlang umher"... Fiesko geht das pragmatisch an: Erstmal die Macht haben, dann mal sehen. Er schlüpft in einen kleidsamen Anzug, stellt mediokratisch geschickt den Anschlag auf sich nach und nistet sich im Herzen der Bürger ein. Gianetto ist in der Defensive, auch wenn er seinerseits am Putsch plant. Ein tolles Tempo im Wechselspiel der Konkurrenten, die Bühne (Marc Bausback) zeigt, was sie alles kann, die Spannung wächst.

Der Aufzug der Verschwörer in Fieskos Heim erinnert an die Olsenbande, aber Fiesko erbarmt sich ihrer, gibt seine Pläne preis und fordert unbedingte Gefolgschaft ein, was den alten Verrina misstrauisch macht.

Doch auch Fiesko ist im Zweifel: Soll er's wirklich machen oder lässt er's lieber sein? Jein... Ein dialogischer Monolog, Schiller scheint sich hier thematisch bei Brecht bedient zu haben (Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?). Der Preis adelt den Betrüger, stellt Fiesko schließlich fest, nachdem er probeweise im Publikum Platz genommen hat, woraufhin auf der Bühne nichts mehr passiert. Christian Erdmann fesselt nicht nur hier allein den ganzen Saal, eine großartige Präsenz, eine spielerisch-ironische Distanz zur Rolle, eine ganz ganz wunderbare Leistung, die den Jupiter, den Antonio, den Oskar und den Weltaufsichtsrat noch einmal übertrifft.

Aber auch Ines Marie Westernströer hält als Leonore mit, der Gegenentwurf zur dekadenten Julia, schrill, laut und dennoch anrührend, nicht nur im Dialog mit Fiesko kurz vor der Pause.

Nach jener ist zunächst zu beobachten, dass der Mohr dem Fiesko über den Kopf zu wachsen droht, seine weitere Verwendung ist kritisch. Die Verschwörer sehen aus wie Putins Freischärler, sind aber bei weitem nicht so gefährlich.

Ein Erotik-Hörspiel auf dunkler Bühne mit überraschendem Ende, Fiesko stellt mit dem Interruptus Julia öffentlich bloß, um Leonore zu versöhnen. Er hat jetzt ein Mikro in der Hand und inszeniert sich als Edelputscher. Der Wille zur Macht hat sich durchgesetzt, aber Leonore ist dagegen: "Sag alles ab, geh einfach weg, halt die Maschine an, frag nicht nach dem Zweck", kleine prallt auf große Welt, Fiesko zweifelt ein letztes Mal, aber zu spät: Die Revolution rollt.

Wie jene in Szene gesetzt wird, ist wieder große Oper (Musik Kostia Rapoport, Licht Jürgen Borsdorf, Choreographie Axel Hambach). Am Ende hängt der Mohr im Hintergrund, Kalkagno (Sascha Göpel betont unmilitärisch) fehlt ein Ohr und Bourgognino (Kilian Land als Draufgänger) hat den Kronprinzen erlegt. Fiesko hielt sich eher raus, nur als ihm nach der Schlacht eine Gestalt im Herzogsmantel erscheint, sticht er sie nieder. Gewonnen.
Leider war letzteres ein Irrtum, im Purpur liegt Leonore, die dann doch am Kampf teilnehmen wollte. Dumm gelaufen, wie gewonnen, so zerronnen, "mein Ruin ist was mir bleibt, wenn alles andere sich zerstäubt, wie eine Welle die mich trägt und mich dann unter sich begräbt"... Totenstille im Saal.
Doch Fiesko motiviert sich erstaunlich schnell raus und erscheint im Herzogspurpur, Leonore ist noch als Märtyrerin von Nutzen.

Aber die Rechnung geht nicht auf: Verrina (Tom Quaas gibt ihn sehr ernsthaft und entschlossen) lässt die Bühne abräumen, da kann Fiesko noch so viel über seine Bedeutung deklamieren. Die Republik in ihrem Lauf hält auch ein Fiesko nicht auf, auch wenn er noch so strampelt wie der letzte Tänzer in der Dorfdisko, das Licht geht an, der Vorhang fällt.
Als er sich dann noch davor produziert, greift die Demokratie zum Revolver. Ende eines Tyrannen, bevor er einer werden konnte.

Ein starker Abend. Gloger leichterte den schillerisch hochtrabenden Text sinnvoll und brachte eine Fassung auf die Bühne, die oftmals an Shakespeare erinnert un die der Berichterstatter gern auf der Don Karlos-Ebene einordnet.



Die Verschwörung des Fiesko zu Genua am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer

Sandro Zimmermann - 15. Februar 2015
ID 8438
DIE VERSCHWÖRUNG DES FIESKO ZU GENUA (Schauspielhaus, 15.02.2015)
Regie: Jan Philipp Gloger
Bühne: Marc Bausback
Kostüm: Eva Martin
Musik: Kostia Rapoport
Kampf-Choreografie: Axel Hambach
Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Licht: Jürgen Borsdorf
Besetzung:
Fiesko, Graf von Lavagna ... Christian Erdmann
Leonore, Fieskos Gemahlin ... Ines Marie Westernströer
Verrina, Verschworener ... Tom Quaas
Kalkagno, Verschworener ... Sascha Göpel
Bourgognino, Verschworener ... Kilian Land
Gianettino Doria, Kronprinz von Genua ... Jan Maak
Julia, Dorias Schwester ... Karina Plachetka
Lomellino, Gianettinos Vertrauter ... Tobias Krüger
Muley Hassan, Mohr von Tunis ... Thomas Braungardt
Premiere war am 13. Februar 2015
Weitere Termine: 16. 2. / 8. + 19. 3. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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