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Premierenkritik

Tilmann Köhler inszeniert Drei Schwestern als Lebensdrama nutzlos Wartender



Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Anton Tschechows 1901 uraufgeführtes Drama Drei Schwestern ist eine Tragikomödie über die vergebliche Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben von Menschen, die in der Vergangenheit hängend über ihre Zukunft schwadronieren und dabei die Gegenwart vergessen. Die drei Töchter des verstorbenen Batteriekommandeurs Prosorow, Olga, Mascha und Irina, seit Jahren in der russischen Provinz gefangen, wünschen sich zurück in ein neues, interessantes Leben nach Moskau. Der dreifache Ausruf Irinas: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“ ist zum geflügelten Wort für unerreichbare Ziele und das Scheitern hehrer Vorsätze geworden. Er darf in keiner Inszenierung fehlen. Und auch Tilmann Köhler verzichtet nicht darauf, bevor es zur Pause seines dreieinviertelstündigen Abends geht.

Am Anfang steht aber das vielleicht schönste Bild der Inszenierung. Ein in Wellen geräuschvoll flatternder Papiervorhang füllt die gesamte Bühne und dient als riesige weiße Projektionsfläche, auf die sich die sehnsüchtigen Blicke der drei Schwestern (Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger und Lea Ruckpaul), die zunächst noch mit dem Rücken zum Publikum davor stehen, fokussieren. Diese Papierwand wird dann im Anschluss bei der Namenstagfeier Irinas von allen Darstellern mit fettem Edding ausgemalt. Es entstehen so Körpersilhouetten und Schattenrisse ihrer „schönen Gedanken“ und Vorsätze.

Köhler, bisher recht erfolgreicher Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, transportiert in seiner neuesten Inszenierung viel über dieses Bild des fragilen, papierenen Vorhangs, der den Schwestern zunächst ein träumerisches Ziel verheißt, sie aber auch von der Verwirklichung ihres Traums abzuhalten scheint. Durch den aus Moskau kommenden, ihre Sehnsüchte wieder nährenden neuen Batteriekommandeur Werschinin (Matthias Reichwald) wird er sogar durchsprungen, bis ihn Irina, wenn sich im zweiten Teil die Träume langsam zerschlagen haben, vollends abreißt und zu einem Haufen zusammenträgt, in dem sich die Schwestern noch kurzzeitig gut verstecken können, bis das Knäuel schließlich vom schlaffen Bruder Andrej (Thomas Braungardt) und seiner das Regime im Haus übernehmenden Frau Natascha (Antje Trautmann) von der Bühne geräumt wird.

Dazwischen haben die für gewöhnlich an unabänderlichem Weltschmerz leidenden Protagonisten viel Zeit zum Schwärmen, Palavern und Lamentieren über den ermüdenden Alltag. Sie tun dies hier zumeist monologisierend an der Rampe. Ein andauerndes Aneinander-vorbei-Reden, das im Programmheft auch treffend als ein „Lautwerden innerer Monologe“ bezeichnet wird. Allerdings bringt das vor der Pause nicht allzu viel Neues in die gut 100jährige Aufführungstradition des Stücks. Köhler bemüht sich zwar um eine Zuspitzung der inneren Konflikte der Figuren durch körperlich angestrengtes Agieren seiner Darsteller und ein Spiel der deutlichen Zeichen, hält sich aber doch ziemlich getreu an die Tschechow'sche Dramaturgie des langsamen Zeittotschlagens.

Tische und Stühle, die mal zur großen Tafel oder wieder zu Einzelgruppen arrangieren werden, bilden im ersten Teil das Setting auf der Bühne. Die Schwestern fallen allein schon durch ihre Kostüme aus dem Rahmen des unscheinbaren, alltäglichen Einheitslooks aus Schlabberpullis, Sweatshirts, Jeans und Arbeitshosen. Ihre Typen sind damit gesetzt. Irina, die Jüngste, trifft es optisch noch am besten. Olga, die stets pflichtbewusste Älteste der Schwestern, kommt wie ihre Ansichten in relativ unmodischen Kleidern daher. Die unglückliche Mascha spielt nur scheinbar die Coole und steckt mit dauerqualmender Fluppe im Mundwinkel in existentiell depressivem Schwarz.

Bunt und rosig im Gesicht ist dagegen Schwägerin Natascha, die sich nicht lange ziert und die anfängliche Unsicherheit bald ablegt, wobei das ständige Bobik hier und Bobik da nicht nur die Schwestern rasch zu nerven beginnt. Der weiche Bruder Andrej ist ganz der verhinderte Künstler mit Gitarre, fügt sich aber immer mehr in die eintönige Laufbahn des Kreisangestellten und flieht doch ständig vor dem ihm Akten nachtragenden Diener Ferapont (Jochen Kretschmer). Aus Frust und Langeweile verspielt er das Erbe und redet sich die Beziehung zu seiner untreuen Natascha schön. Schließlich setzt er sich selbst in den Kinderwagen und beklagt lautstark sein Schicksal.

Auch die anderen Männerfiguren neben den drei titelgebenden Schwestern sind bloße Typen, die aus der grauen Masse lediglich durch den verzweifelnden Drang nach Lautstärke hervorzustechen versuchen. Da bekommt jeder seine kleine Nummer. Maschas ungeliebter Mann, der Gymnasiallehrer Kulygin (Holger Hübner), ist ein schmierig schwafelnder, unangenehm übergriffiger Widerling, Baron Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) ein für seine idealistischen Ideen schon mal auf den Tisch springender Brausekopf und sein Widersacher Stabshauptmann Soljony (Kilian Land) ein unsicherer aber ebenfalls laut tönender Psychopath, der sich ständig zwanghaft die Hände mit Parfum bestäuben muss. Der alte Militärarzt Chebutykin (Albrecht Goette) zerfließt völlig in Selbstmitleid, wogegen der Unterleutnant Fedotik (Lukas Mundas) einen überflüssigen Witzbold gibt und dauergrinsend Fotos macht.

Die Inszenierung ist mit einem live eingespielten, dauerklimpernd melancholisch stimmenden Soundteppich unterlegt, der nicht gerade zur Stimmungsaufhellung beiträgt. Es sind immer wieder Einzelaktionen, die die Figuren kurz aus ihrer Lethargie reißen. Die Auftritte erfolgen meist aus der ersten Reihe des Parketts, eine von Jürgen Gosch übernommenen Praxis einer improvisierten Probensituation. Nach der Pause versucht es Köhler dann noch zusätzlich mit etwas Gefühl und Emphase. Der emotional hochdramatische Zusammenbruch Maschas nach dem Abrücken der Soldaten und dem damit verbundenen Scheitern ihrer Liebe zu Werschinin bilden zugleich den Höhepunkt dieser recht illusionslosen Inszenierung.

Dem Ganzen liegt auch ein wenig die Idee des in kapitalistischen Zeiten nutzlos gewordenen Menschen zu Grunde, dem einen Platz einzuräumen der Dramaturg Carl Hegemann im Gastbeitrag fürs Programmheft empfiehlt. Theater als Überfluss. Der Luxus der Kunst gegen die Effizienz der Marktwirtschaft. Eine kleine sozialkritische Komponente fügt auch Köhler in seine Inszenierung ein. In der Nacht des Wartens auf die Karnevalsmasken, die kurz in eine alkoholschwangere Fete mündet, klingelt es draußen im Foyer und rüttelt plötzlich an den Türen - wie als Zeichen des Einbruchs der realen Welt in der Künstlichkeit des Theaters. Man kann dies auch als eine Art Geisterbeschwörung verstehen, die Ankündigung des Weltenbrands, der in seiner Folge die nutzlosen Träumer hinwegfegen wird.

Aus Olgas „Wenn wir's doch wüssten“ am Ende wird in der Übersetzung von Angela Schanelec (2005 für die legendäre Inszenierung von Jürgen Gosch in Hannover erarbeitet) ein Beckett'sches „Man weiß es nicht.“ Man könnte da sicher noch über so einiges nachdenken. Köhlers Inszenierung bietet allerdings selbst wenig Ansatz dazu.




Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn


Stefan Bock - 6. Oktober 2014
ID 8152
DREI SCHWESTERN (Schauspielhaus, 04.10.2014)
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüm: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Janine Ortiz
Besetzung:
Andrej Sergejewitsch Prosorow ... Thomas Braungardt
Natalja Iwanowna, Prosorows Braut, später seine Frau ... Antje Trautmann
Olga ... Ina Piontek
Mascha ... Yohanna Schwertfeger
Irina ... Lea Ruckpaul
Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann ... Holger Hübner
Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant und Batteriekommandeur ... Matthias Reichwald
Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Leutnant ... Jonas Friedrich Leonhardi
Wassilij Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann ... Kilian Land
Iwan Romanowitsch Chebutykin, Militärarzt ... Albrecht Goette
Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant ... Lukas Mundas
Ferapont, Bote der Landesverwaltung ... Jochen Kretschmer
Anfissa, Kinderfrau ... Brigitte Wähner
Musiker ... Florian Lauer und Georg Wieland Wagner
Premiere war am 4. Oktober 2014
Weitere Termine: 9., 14., 26. 10. / 3., 21. 11. / 3., 28. 12. 2014 / 7., 21. 1. / 20. 2. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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