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Premierenkritik

Leberwurst



Der Selbstmörder von Nikolai Erdmann am BE | (C) Lucie Jansch

Bewertung:    



In der 1928 von Nikolai Erdman geschriebenen satirischen Komödie Der Selbstmörder verlangt es den arbeitslosen Bürger Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow eines Nachts nach Leberwurst. Der sonst eher auf seine Bequemlichkeit bedachte Zeitgenosse tritt damit eine Reihe von Ereignissen los, die ihn aus seinem beschaulichen Kleinbürgerleben reißen und für kurze Zeit zum begehrten Subjekt und Individuum machen. Etwas, was Podsekalnikow zunächst nicht ganz unrecht ist, wenn es dann nicht tatsächlich ans Leben ginge.

Sich nur wegen eines Stückchens Leberwurst umzubringen, wäre allerdings auch etwas banal, und so machen sich einige andere Individuen daran, Bürger Podsekalnikow für ihre Zwecke einzuspannen. „In unseren Zeiten“, weiß der Vertreter der Intelligenzija, Aristarch Grand-Skubik, „kann nur ein Toter aussprechen, was ein Lebender denkt.“ Die Meldung, dass das Leben schön sei, wird sicher demnächst in der Iswestija dementiert. Also warum nicht wenigstens einmal in den Schlagzeilen stehen. Podsekalnikow schmeichelt das plötzliche Interesse an seiner Person, dass ihm auch die Schönheit Kleopatra Maximowna entgegenbringt. Wenn schon nicht für die Intelligenz sterben, dann doch wenigstens für die Liebe oder die Kunst. Aber auch die Kirche zeigt durchaus Interesse an einer „ideologischen Leiche“.

„Russland, wo saust du hin?“ Die Veränderungen nach der Großen Oktoberrevolution gehen einigen etwas zu schnell. Jeder, der nicht mit den neuen Machthabern schwimmen kann, hat etwas zu beklagen, was Nikolai Erdman in einige spitze Dialoge gefasst hat oder so schöne Parabeln wie die vom proletarische Enteneier ausbrütenden Intelligenzija-Huhn. Das Stück wurde auch sofort verboten, und der Autor fristete Jahrzehnte in der sibirischen Verbannung. Erst nach dem Tod Stalins und der ersten Tauwetterperiode konnte er wieder schreiben, vermochte allerdings nicht mehr an die Klasse der ersten Stücke anzuknüpfen.

*

„Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ja oder Nein? Antworten Sie mir!" Wie einst Samuel Finzi in Dimiter Gotscheffs knallbunter Volksbühneninszenierung darf auch Georgios Tsivanoglou in der Titelrolle des Podsekalnikow am Berliner Ensemble die existentielle Frage direkt an das Publikum richten, das ihm dann erwartbar auch ganz unentschieden antwortet. Der französische Regisseur Jean Bellorini hat eine kleine feine, zweistündige Gesellschaftsstudie hingelegt - mit einem spielfreudigem Ensemble, dass sich um ihren auserkorenen Messias Podsekalnikow wie zum letzten Abendmahl gruppiert, gegenseitig zuprostet und Lieder mit russischer Seele singt, die von einem musikalischen Liveterzett begleitet werden. Die Bühne von Bellorini besteht aus heb- und senkbaren Treppen und Stegen, als Sarg dient ein umgedrehter Teil der Tafel.

Vom Schießbudenpächter (Joachim Nimtz) bis zu manch anderer verkrachter Schießbudenfigur wie etwa dem zottelhaarigen Intelligenzler von Veit Schubert oder Ursula Höpfner-Tabori als fusselbärtigen Vater Elpidius; Bellorinis Ausstatterin Camille de la Guillonnière hat tief in den Kostümfundus gegriffen. Georgios Tsivanoglou hat sichtlich Spaß an der Rolle und gibt den Creep von Radiohead auf dem Tisch. „What the hell am I doin' here?“ ist die große Frage Podsekalnikows, der zuvor schon ein paar philosophische Überlegungen zum bevorstehenden „Piff und Paff“ [s.o.] angestellt hat. Aber auch das restliche Personal wagt so manches Tänzchen unterm Neonlicht. Allen voran Carmen-Maja Antoni, die nach 1989 unter Manfred Wekwerth zum zweiten Mal die Rolle der Schwiegermutter am BE gibt.

Die Lust am Leben und Feiern ist Podsekalnikow am Ende wichtiger als in einem Anflug von Größenwahn die Mächtigen, die ihn scheinbar vergessen haben herauszufordern. Marx und Massen gefallen ihm nicht. Doch der Anruf im Kreml bleibt folgenlos. An Podsekalnikows Bahre schneit es Ewigkeit. „Alle Errungenschaften, Weltbrände, Eroberungen, alles das, behaltet es für euch. Aber mir, Genossen, mir gebt nur ein ruhiges Leben und ein ausreichendes Gehalt.“ sagt er schließlich, aus dem Rausch erwacht. Tsivanoglou gibt genussvoll den Underdog als Hans Wurst mit einem lachenden und weinenden Auge. Es wird sich ein anderer in seinem Namen erschießen. Märtyrer sterben nie aus.

Das wirkt durchaus schmissig, aber auch etwas drollig und viel zu harmlos. Es fehlt der echte Irrwitz, wenn da nicht noch im rechten Moment Carmen-Maja Antoni aus der Rangloge den Brief Michail Bulgakows an Stalin verlesen würde, in dem der Autor des ebenfalls nicht ganz systemkonformen Romans Der Meister und Margarita für den verbannten Kollegen Erdman bitten würde. Ein aktueller Bekennerbrief als Antwort aus der anderen Loge wäre auch nicht verkehrt gewesen.



Der Selbstmörder am BE | (C) Lucie Jansch

Stefan Bock - 19. Februar 2016
ID 9154
DER SELBSTMÖRDER (Berliner Ensemble, 17.02.2016)
Regie, Bühne und Musik: Jean Bellorini
Künstlerische Mitarbeit und Kostüme: Camille de la Guillonnière
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Dramaturgie: Dietmar Böck
Mit: Carmen-Maja Antoni, Anke Engelsmann, Larissa Fuchs, Ursula Höpfner-Tabori, Laura Tratnik; Michael Kinkel, Matthias Mosbach, Joachim Nimtz, Luca Schaub, Martin Schneider, Veit Schubert, Felix Tittel, Georgios Tsivanoglou und Timofei Sattarov (Akkordeon) sowie Phillip Kullen (Schlagzeug)
Premiere am Berliner Ensemble war am 17. Februar 2016
Weitere Termine: 19., 22. 2. / 1., 20. 3. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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