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Premierenkritik

Clownerien mit Brecht

Manuel Soubeyrand macht mit seinem BRECHT AUF!-Fest in Senftenberg den Augsburger Dramatiker zum Jahrmarkts-Spektakel


(C) Neue Bühne Senftenberg

Bewertung:    



„Glotzt nicht so romantisch!“ steht an der Wand auf dem Podium, in dem zur Next-Whisky-Bar umgestalteten Rangfoyer der Neuen Bühne Senftenberg, das am vergangenen Samstag zur Premiere von BRECHT AUF! DAS FEST. geladen hatte. Nach Heiner Müller im letzten Jahr steht diesmal der nach Meinung des Intendanten Manuel Soubeyrand bedeutendste und wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt des alljährlichen Spielzeitauftakt-Spektakels, das noch bis Ende Oktober stattfindet. Bertolt Brecht hat mehr Stücke als Shakespeare und mehr Gedichte als Goethe geschrieben, war zeitlebens politisch, da gesellschaftskritisch und dazu noch Universalist. Einmal um die ganze Welt gekommen, gilt der Autor, der über mehrere Jahre vor Nationalsozialismus und Krieg auf der Flucht war, auch als Experte in Sachen Asyl. Ein Grund mehr ihn aktuell zu spielen! Zudem hat das Theater in Senftenberg untergebrachte Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Afghanistan gebeten, im Rangfoyer aus Brechts Flüchtlingsgesprächen zu lesen.

Als Einstieg in den Abend hat Manuel Soubeyrand Mutter Courage und ihre Kinder, Brechts szenische Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg, inszeniert. Ein immer noch gültiger Kommentar zur Auswirkung von Kriegen auf die unmittelbar betroffenen Menschen. Ansonsten hat man in der Neuen Bühne mal wieder den jungen, komischen Autor Brecht entdeckt, der um 1919 begann, unter dem Einfluss von Karl Valentin erste komödiantische Einakter zu schreiben. Dem trägt man nun in Senftenberg mit einem ganzen Jahrmarkt vor dem Theater Rechnung. Neben einem Hau-den-Lukas, einer Geisterbahn und Schießbuden stehen dort auch ein Zelt für Kapitalanlagen und eine Orakelbude für die großen Wahrheiten. Wahr ist auch, dass jeder Satz des Abends originaler Brecht ist, wie Manuel Soubeyrand beteuert. Eine kleine Verbeugung vor der jüngst verstorbenen Barbara Brecht-Schall und den beiden anwesenden Brecht-Enkelinnen. Jenny Schall lieferte alle Kostüme und die Regisseurin Johanna Schall die Stückfassung zur Courage. Für den zweiten Teil stehen dann das Stück des Jahres, der Baal, die Einakter Die Kleinbürgerhochzeit und Lux in Tenebris sowie das Hannibal-Fragment als Puppenspiel zur Auswahl. Das Spektakel beschließt mit Tränen, Schnee und gestern Abend noch ein szenischer Brecht-Liederabend.


* * *

Die Inszenierung von Lux in Tenebris wurde als illustre Angelegenheit zwischen Komödie und Philosophie angekündigt. Regisseurin Ulrike Müller lässt dazu vor geteiltem Publikum noch einen weiteren Einakter Brechts spielen, bei dem sich auf der Treppe zum Rangfoyer und der Hinterbühne ein höchst philosophischer Disput zwischen Kaiser und Bettler entspinnt. In Der Bettler oder Der tote Hund, ebenfalls im Jahr 1919 entstanden, entpuppt sich ein blinder Bettler als wahrhaft Sehender, der die Gewissheiten des Kaisers mit seinen provokanten und verwirrenden Geschichten über Macht und Mächtige ins Wanken bringt. Auch ein Stück über die Wahrnehmung und Erinnerung von Geschichte, in die hier wie nebenbei auch kurz mal ein Schuhputzer namens Paduk gerät...

Jener Herr Paduk ist aber eigentlich schon die Hauptfigur des Einakters Lux in Tenebris, der im Anschluss auf der Hinterbühne gegeben wird. Einst Stammkunde im Bordell von Frau Hogge hat Paduk, nachdem er dort hinausgeworfen wurde, weil er nicht zahlen konnte, gegenüber dem Etablissement ein Zelt mit medizinischen Exponaten über Geschlechtskrankheiten eröffnet. Er will „Licht in die Finsternis“ bringen, wie die deutsche Übersetzung des titelgebenden Bibelzitats aus der Offenbarung des Johannes lautet. Seine vermeintlich moralischen Aufklärungsvorträge lässt sich Herr Paduk allerdings auch bezahlen. „Weicher Schanker eine Mark! Tripper eine Mark sechszig! Syphilis zwei Mark fünfzig!“ Wer nicht zahlen kann, kommt nicht hinein.

Aber Paduk hat die Rechnung ohne Frau Hogge gemacht, und sich außerdem noch zu einer salbungsvollen Rede an ihre Mädchen als die wahren Opfer der Prostitution hinreißen lassen. Mit dem Appell an die Prostituierten gräbt sich Paduk nämlich das eigene Geschäft ab, das nur mit dem Überleben der Prostitution auch weiter florieren kann. Frau Hogge rechnet ihm nun genauestens vor: „Mein Geschäft fängt zwei Wochen nach Ihrem Bankrott wieder an.“ Daraufhin macht Paduk dann auch ohne viel Skrupel den Laden dicht und wird mit dem verdienten Geld Teilhaber bei Frau Hogge. Brecht zeigt hier an einem nicht nur für die damaligen Zustände recht typischen Beispiel die Wirkungsweise von kapitalistischen Marktgesetzen und die bestehenden Widersprüche zwischen Vernunft und Lust sowie Idealismus und Ausbeutung.

Ulrike Müller hat Brechts satirisches Lehrstück als kleine, spielerische Verführung inszeniert. Dem ahnungslosen Paduk (Robert Eder) müssen hier von den anderen vier DarstellerInnen (Angelika Sauter, Eva Geiler, Mirko Warnatz und Simon Elias) die Worte zunächst noch souffliert werden, bis er sie selbst sprechen kann. Anschließend kleiden sie ihn als Geschäftsmann ein und schlüpfen selbst in die übrigen Rollen einer sensationslüsternen Reporterin, eines bigotten Kaplans, der Frau Hogge und des Gehilfen des Paduks. Geleuchtet wird mit einem Scheinwerfer an die Tür des Eisernen Vorhangs, es gibt Musik, ein wenig Firlefanz mit Luftballons als christkatholischen Gesellenverein, Seifenblasen und Einwickelfolie. Der Schluss ist dann aber wieder recht eindrucksvoll gelungen, wenn der Chor der Mädchen hinter dem geöffneten Vorhang mit Schrubbern zum Großreinemachen ansetzt und dabei den Brecht/Weill-Song von Mandalay singt. Herr Paduk geht nun ganz in seiner neuen Rolle des Moralisten, Kapitalisten und Bordellbesitzers auf.



Lux in Tenebris in der Neuen Bühne Senftenberg | Foto (C) Steffen Rasche


Ganz Geschäftsfrau ist auch die Marketenderin Anna Fierling, genannt Mutter Courage, aus Brechts Modellstück des epischen Theaters Mutter Courage und ihre Kinder. Sie schlägt sich mit Planwagen und drei Kindern durch den Dreißigjährigen Krieg, wobei sie in den zwölf aufeinanderfolgenden Szenen des Stücks eines nach dem anderen verliert. Ihren Sohn Eilif an einen Soldaten-Werber, während sie mit einem Feldwebel handelt, den zweiten Sohn Schweizerkas, der als Zahlmeister die Regimentskasse vor dem Feind versteckt hält und um dessen Leben sie zu lange feilscht, und die stumme Kattrin, die von Soldaten erschossen wird, als sie die Bewohner der Stadt Halle vor den Angreifern mit eine Trommel warnt. Nach kurzer Trauer muss es aber weiter gehen, denn der Krieg ist schließlich die Geschäftsbasis der Courage, wie sie glaubt.

Das dem nicht so ist und die kleinen Leute unter dem Krieg zu leiden haben, während ganz andere daran profitieren, ist die Binsenweisheit des Stücks, das trotz seiner Zeigefingerdramaturgie auch heute in Zeiten, da wieder für Glauben und Rohstoffmärkte gestorben wird, noch einige Denkanstöße zu geben vermag. Die einfache Botschaft einigermaßen zeitgemäß über die Rampe zu bringen, liegt dann ganz im Geschick der Inszenierenden. Und Manuel Soubeyrand entscheidet sich für die ganz großen Gesten sowie weiß geschminkte Clowns-Gesichter und Wende-Camouflage-Jacken bei den Soldaten, während die Courage und ihr Gefolge in heutigem, abgerissen Obdachlosen-Schick einen alten VW-Bully über die Bühne mit einer, in den Horizont ragender, blutroter Landstraße zieht.

Das ist natürlich nicht zwingend neu, auch Claus Peymann am BE kann nicht von weiß getünchten Gesichtern lassen. Nur haben die Figuren bei Manuel Soubeyrand einen unerklärlichen Drang zum mimischen Chargieren, Zappeln und Kreischen, dass es die sonst taffe Courage relativ schwer hat, sich dagegen zu behaupten. Anita Iselin gewinnt ihrer Figur dennoch einige sehr intensive Verzweiflungsmomente ab, während drei komische Conférenciers, die ansonsten alle Soldatenrollen übernehmen, jedes Szenenbild mit einer neuen Art der lustigen Inhaltsangabe an der Rampe einführen. Den vermeintlich epischen Ballast wird man so allerdings nicht wirklich los.

Und wenn die Lieder des Stücks von Alexander Suckel recht ungewöhnlich zwischen Blues, Ballade und Rock-Song eingerichtet sind, die Courage das Lied ihres unsteten Lebens "Von Ulm nach Metz" sogar wie die Punk-Diva Nina Hagen vom Bullydach schmettert, ist alles andere doch genauso überdeutlich und plakativ von A bis Z bebildert. Immer ein wenig zu grell, zu schrill - besonders die kreischbunte Yvette der Marianne Helene Jordan - oder auch mal rührig, wenn die Courage ihre tote Tochter Kattrin im Schoß hält, auch wenn das Eiapopeia nur zur Seite weggesprochen wird. Marlene Hoffmann als mitleidender Gegenpol zur pragmatisch geschäftstüchtigen Mutter vermag sich in ihrer stummen Rolle da nicht wirklich einzubringen.



Mutter Courage und ihre Kinder in der Neuen Bühne Senftenberg | Foto (C) Steffen Rasche


Erst im letzten Teil des Abends wird sich zeigen, dass sie auch wunderbar steppen und noch besser singen kann. Bis nach Mitternacht zeigt das Ensemble, das nun wie sangesfreudige Hippies aus dem Peace-Bully steigt, was es sonst so drauf hat. Die Arrangements der Lieder sind jetzt etwas eingängiger, und auch mit rockigen Gitarren-Soli ist der Wiedererkennungswert recht hoch. Der Mond über Senftenberg wurde am Premierenabend leider von ein paar Regenwolken verdeckt, was den SchauspielerInnen allerdings nicht die Lust auf einige Drei-Groschen-Songs, frivole Brechtverse und die bereits erwähnte Next-Whisky-Bar nahm. Ein durchweg ansprechendes Best Of von Brecht/Weill/Eisler-Songs. Als allerletzte Zugabe lässt es sich dann Manuel Soubeyrand nicht nehmen, höchst selbst Brechts Ballade von den Seeräubern zu singen, was die Stimmung nochmal merklich hebt und den Abend insgesamt versöhnlich ausklingen lässt.
Stefan Bock - 23. September 2015
ID 8892
Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-senftenberg.de


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