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Premierenkritik

Baal der

Viechsmensch



Baal in den Kammerspielen des DT | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



In der Folge, in der sich die Lage der kapitalistischen Gesellschaft verschärft, drängt auch ihr schärfster Kritiker, der Dichter Bertolt Brecht, wieder auf die deutschsprachigen Bühnen. Es ist nicht allein das dramatische Erbe, dem sich (wie am Berliner Ensemble) die Regisseure zusehends verpflichtet sehen, sondern die Zeitlosigkeit der Themen, die Brecht in seinen Stücken behandelt, ihre dialektische Aufarbeitung samt treffenden Kommentaren zur Lage der Gesellschaft, die sich zur aktuellen künstlerischen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen marktorientiert ausgerichteter Politik anbieten. Das deutsche Theater unter Ulrich Khuon hatte bei der Auswahl der Stücke und den darauf folgenden Inszenierungen bisher eigentlich ein gutes Händchen. Verwiesen sei dabei auf Nicolas Stemanns leicht ironisch diskursive Heilige Johanna der Schlachthöfe oder die Übernahme Michael Thalheimers kraftvoller Inszenierung Herr Puntila und sein Knecht Matti vom Thalia Theater in Hamburg.

*

Es war ein regelrechtes Brecht-Jahr 2009 am DT. Und auch Brechts „Viechsmensch“ Baal schaffte es da schon einmal in Gestalt des sportiven Springteufelchens Mirco Kreibich in der Regie von Christoph Mehler auf die Bühne der Kammerspiele. Nun, fünf Jahre später, hat Stefan Pucher das frühe Brecht-Stück erneut in den Kammerspielen des DT inszeniert. Der Regisseur ist bekannt für seinen ausladenden Breitwand-Stil mit Kino-Zitaten und poppigen Settings, wie etwa in seiner Feme-Version der Elektra des Sophokles oder der stildesignten Hedda Gabler von Henrik Ibsen aus der letzten Spielzeit des DT. Dass er das auch mit Brechts vollkommen Ich-süchtigem, alles vertilgenden Menschenverbraucher Baal, der sich sicher ebenso gut für eine bunte Revue enteignen ließe, an den vergleichsweise kleinen Kammerspielen versuchen würde, lag nahe, hat sich aber erstaunlicher Weise doch nicht so bewahrheitet.

Relativ stilsicher geht Pucher allerdings auch diesmal zu Werk. In großen Versalien ist schon zu Beginn auf der Videoleinwand der kommende Protagonist angekündigt. Ein Dichterturm mit Ausguck, auskragenden Stegen und einem leeren Raum im unteren Teil steht konzentrisch auf der Drehbühne. Das Bühnenbild von Barbara Enes begrenzen zwei sitzende überlebensgroße Nacktstatuen auf hohen Sockeln. Auftritt Christoph Franken als Baal im Harlekinkostüm (Annabelle Witt). Ein müder Clown, der seinen "Choral vom großen Baal" trotzig betonungslos ins Publikum rotzt. Der Kloß, der nach Brechts Ankündigung am Himmel Fettflecken hinterlassen soll, ist nicht gerade ein maitoller Bursche, sondern schiebt eher gewaltigen Novemberfrust. Nach getaner Arbeit verzieht er sich in seinen Künstlerturm, frisst, säuft (Tanzen kommt später) und wartet auf die Verklärung in Form von Lobhudeleien der Gäste seines Chefs Mäch (Daniel Hoevels im Entertainerfrack). Auch diese sind als Clowns verkleidet und fangen das andere Publikum mit der Handykamera ein. Ja, da sind wohl auch wir gemeint.

Pucher macht das Theater um den Künstler Baal zum großen Groupie-Zirkus um einen Flegel mit fettigem Langhaar, der mit Hühnerbeinen und Fäkallyrik um sich wirft. Von Anbeginn eher Attitüde als Ausdruck einer echten Normüberschreitung. „Orge sagte mir: der liebste Ort / Auf Erden war ihm immer der Abort.“ singt man hier brav, gemäß Brecht'schem Vorbild, begleitet von der Hammondorgel des Livemusikers Michael Mühlhaus. Franken spielt das allerdings gut, wie er sich immer wieder in Pose wirft und mit den Pfunden seines voluminösen Körpers wuchert. Mann und Frau muss sich zu ihm hinaufbemühen, wie er dort auf seinem Ansitz lauert und gnadenlos Kasse macht.

Denn ansonsten nimmt es der Dichter im Stück des jungen Brecht nämlich eher vom Lebendigen. Er benutzt und demütigt etliche Frauen, darunter die seines Chefs sowie die fünfzehnjährige Johanna, Freundin seines Jüngers Johannes, wirft sie anschließend wieder weg (Johanna geht darauf ins Wasser) und fängt sich die Schauspielerin Sophie Dechant zur Anbetung ein. Anita Vulesica und DT-Neuzugang Tabea Bettin spielen das meist demütig, mal in weißem oder schwarzem Büßerkleid. Ihrer überdrüssig geht Baal mit Saufkumpan und Musiker Ekart (Felix Knopp ganz in geheimnisvollem Schwarz) auf Trebe und will die schwangere Dechant an seinem Busenfreund abtreten, den er später als Konkurrent aus dem Weg räumt, wie er zuvor dessen Freundin erwürgt hatte. Auf der Flucht kehrt Baal wieder in die Wälder zu den Holzfällern zurück, die er zuvor schon um ein Fass Brantwein prellte, und verreckt dort allein in einer Hütte.

Bei Stefan Pucher laufen die Szenen wie ein Stationen-Drama chronologisch hintereinander ab. Man könnte auch sagen: kurzer Aufstieg und andauernder Niedergang eines wütenden Genies. Die überquellende Naturlyrik Brechts kontrastiert Pucher mit formeller Strenge ohne einen Anflug wirklicher Ironie. Er bleibt dabei erstaunlich werktreu. Dazwischen Videosequenzen von Chris Kondek, die das Gesagte bebildern (Franken ist eine Orange, wenn von schießenden Säften die Rede ist) und zusätzlich überhöhen, aber auch nicht weiter stören. Ein stetiger Wechsel der Stile, von allem was das Theater so zu bieten hat. Betreibt Brecht stilistisch expressionistische Leichenfledderei und setzt dem Pathos etwas wirklich Vitales entgegen, macht Pucher aus Baals Genusssucht und Hang zur Ausschweifung eine auf böse geschminkte Karikatur und zitiert vom romantischen Märchen bis zum Hollywoodfilm, was ihm gerade passend erscheint. Er lässt Bären in der Holzfällerszene auftreten, steckt Franken in ein Gorillakostüm und gibt ihm auch noch eine weiße Frau in die Hand. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes das Tier erst von der Leine gelassen und später wieder eingefangen.

Baal ist bei Pucher auch der verzweifelte Kindskopf mit dem Fettherzen, der sich von seiner Mutter terrorisiert fühlt. Er rappt sich die Seele aus dem Leib. „Ohne Schnaps keine Lyrik.“ Die Angst vor dem weißen Papier, das sich in der Flasche spiegelt. Franken tobt und schwitzt in seiner Dichterhöhle Schnaps und Text. Baal flieht das Kabarett als tägliche Tretmühle des Broterwerbs, macht sich nackt und frei. Die Kunst als treibende und sich schlussendlich selbstverzehrende Kraft. Der Zwiespalt des Künstlers als Süchtiger, der ohne dem nichts schaffen kann und mit seiner Sucht zu Grunde geht. Satt kann er nimmer werden. Auch ein Verweis auf die kreative Selbstzerstörung. Neuester Beweis: die Bekenntnisse des Filmregisseurs Lars von Trier über seinen Alkoholmissbrauch. Letztendlich wie Brechts Baal ein Bürgerschreck, der verstört und damit doch nur die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

Am Ende zwängt sich Baal, der aufgedunsene Kosmos, der Sonne schnaufen wollte, selbst in den Frack. Die Transformation Baals vom wollüstigen, bösen Joker zum traurigen Beckett-Clown. Die Inszenierung ist da auch wie eine zynische Parodie auf das Theater und dessen Wirkung selbst. Was aber trotz aufopferungsvollem Spiel aller wieder hinten runterfällt, ist Brechts 1954 bei der Durchsicht seiner Stücke gewonnene Erkenntnis, sein Baal sei auch die Setzung eines Ichs „gegen die Zumutungen und Entmutigungen der Welt“. Der befehdete Künstler in der kapitalistischen Welt, „die nur eine ausbeutbare Produktivität anerkennt“. Bei Pucher bleibt es die reine Not des prekären Künstlers als Außenseiterfigur im Spiegel der ihn umflirrenden Schickeria, die (wer auch immer das heute ist) sich gern mit ihm schmückt, ihn aber sofort bei Missfallen auch wieder fallen lässt. Ein Ringen um Anerkennung, finanzielles Auskommen, gepaart mit dem Druck aufzufallen um jeden Preis. Anziehungskraft und Befremden in einer Person. Dafür ist Brechts Baal noch und Puchers Inszenierung als Referenz sehr gut. Es scheint jedoch, als hätte uns gesamtgesellschaftlich, oder gar politisch gesehen, dieser Baal heute nicht mehr allzu viel zu sagen.



Baal in den Kammerspielen des DT | Foto (C) Arno Declair
Stefan Bock - 2. Dezember 2014
ID 8292
BAAL (Kammerspiele, 29.11.2014)
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Chris Kondek und Phillip Hohenwarter
Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Christoph Franken, Anita Vulesica, Daniel Hoevels, Tabea Bettin, Felix Knopp und Michael Mühlhaus
Premiere war am 29. November 2014
Weitere Termine: 13., 26. 12. 2014 / 6., 18. 1. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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