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Premierenkritik

Das ferne

Land


von Jean-Luc Lagarce


Gregor Knop in Das ferne Land am Münchner Volkstheater | Foto (C) Gabriela Neeb

Bewertung:    



Wenn man in Münchner Theatern junge Leute finden will – sowohl auf und hinter der Bühne als auch im Zuschauerraum - dann muss man ins Volkstheater gehen. Dort hat man auch immer wieder den Mut zu neuen Stücken wie Das ferne Land von Jean-Luc Lagarce. Ein Autor, der hierzulande noch wenig bekannt ist, aber zu den meistgespielten französischen Dramatikern gehört. Er starb 1995 mit 38 Jahren an Aids und hat sich schon vor diesem seinem letzten, autobiographisch gefärbten Stück mit den Themen Tod, Krankheit und Verschwinden befasst. Seine Werke sind in 25 Sprachen übersetzt und in Frankreich Schullektüre.

Louis wird bald sterben. Und das weiß er. Um seiner Familie mitzuteilen, dass er nicht mehr lange zu leben hat, fährt er zusammen mit einem guten Freund nach Hause in die Provinz. Es ist „die Reise eines jungen Mannes zur Stunde seines Todes, der das, was sein Leben gewesen ist, betrachtet“. Jahrelang hat er sich nicht sehen lassen und vieles verpasst. Die Heirat seines Bruders, die Geburt der Kinder, den Tod des Vaters. Alle freuen sich über Louis´ Auftauchen, sind aber auch sauer, dass er so lange verschwunden war: Konfliktpotential, das aufbricht. Zwar hat Louis, dessen Geliebter vor genau einem Jahr ebenfalls gestorben ist, nichts mehr zu verlieren. Dennoch geht er das Risiko der Wahrheit am Ende nicht ein und fährt fort, ohne seine Familie informiert zu haben.

Die zeitweilige Rückkehr dieses verlorenen Sohnes spielt sich auf verschiedenen, sich gegenseitig durchdringenden Ebenen ab. Videoprojektionen eröffnen einen Blick in Bewusstsein und Erinnerung. Bereits Vertorbene tauchen auf, mischen sich ein in die misslingenden Annäherungsversuche der noch Lebenden. Sie drängen sich in die Realität und tauschen die Rollen: Lebende im Film, Tote auf der realen Bühne.

Louis hat seine Freunde, die neue, selbst gewählte Familie mitgebracht. Sie machen die gegenseitige Entfremdung nur noch spürbarer: Der ältere Bruder, immer in Verantwortung stehend, aber enttäuscht, weil er zu wenig dafür bekommen hat. Die Schwester - zurückgestoßen. Der Vater gestorben, bevor er wenigstens einmal Paris sehen und dort seinen Sohn besuchen konnte. Die Mutter hilflos. Daran ändert auch ein Gartenfest unter bunten Glühlampen nichts.

Auf Pia Grevens Bühne ein paar nummerierte Stuhlreihen wie in einem Vortragssaal, frische Gräber, die auch Blumenbeete sein könnten, ein Klavier für ein wenig Musik (Bernhard Eder). Dahinter asphaltgraue Wände. Sie lenken nicht ab von der grandiosen Leistung der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die die handlungsarmen Szenen lebendig werden lassen. Dialogreste, Bewusstseinsfetzen, Erinnerungen, Spiegelungen. Louis hebt den Arm, die anderen tuns ihm nach, er lässt ihn sinken, sie auch.

Die einzelnen Charaktere wiederholen sich, ihre Worte und ihre Gedanken. Sie wollen sich möglichst präzise ausdrücken und werden immer vager – paradox, man kennt das. Wenige große emotionale Ausbrüche, man tut sich auch so weh. Aber die Stimmung stimmt, der träge Rhythmus der Provinz. Das Leben läuft weiter, fast beiläufig: Keine große Sache. Und doch alles.
Auf intime Weise zeigt der Text das Leben, das die Figuren hätten leben wollen, wenn es ihnen nur möglich gewesen wäre. Und doch haben sie etwas geschafft, sind nicht nur gescheitert. Ein Einblick in die fragile Psyche aller und in die menschliche Existenz als solche.

Nicolas Charaux, Jahrgang 82, hat mit Das ferne Land seine dritte beeidruckende Regiearbeit am Münchner Volkstheater vorgelegt. Ein - bis auf ein paar Längen im zweiten Teil - beeindruckender und bewegender Abend.

Und wieder ein Beleg für die Frische des Ensembles des Münchner Volkstheaters, das diesmal um einige Gäste wie Reinhard Winter, Gregor Knop und Marie Goyette sehr glücklich erweitertet wurde.



Luise Deborah Daberkow, Gregor Knop und Silas Breiding in Das ferne Land am Münchner Volkstheater | Foto (C) Gabriela Neeb

Petra Herrmann - 3. März 2018
ID 10566
DAS FERNE LAND (Münchner Volkstheater, 01.03.2018)
Regie: Nicolas Charaux
Bühne und Kostum: Pia Greven
Sounddesign: Bernhard Eder
Dramaturgie: Nikolai Ulbricht
Besetzung:
Louis ... Gregor Knop
Langjähriger Freund ... Jonathan Müller
Der Liebhaber, schon tot ... Mehmet Sözer
Die Jungs, alles Jungs ... Jonathan Hutter
Der Krieger, alle Krieger ... Oleg Tikhomirov
Der Vater, schon tot ... Reinhard Winter
Die Mutter ... Marie Goyette
Antoine, Louis´Bruder ... Silas Breiding
Suzanne, Louis´Schweester ... Luise Deborah Daberkow
Catherine, Antoines Frau ... Pola Jane O´Mara
Héléne ... Nina Steils
Premiere war am 1. März 2018.
Weitere Termine: 07., 09., 14., 18.03. / 06., 25.04. / 06.05.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.muenchner-volkstheater.de


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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