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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

1984 - ein Alptraum

im Hamburger Sprechwerk


Foto (C) Liane Kampeter

Bewertung:    



Hamburger Sprechwerk - ein echtes Off-Theater, weil hier wohl alles möglich ist. Intellektuelles Publikum zwischen 30 und 85 Jahren, eher älter. Die Sitzreihen sind alle besetzt, es ist Premiere, man ist aufgeregt - zu Recht. Es wird ein starkes Stück, dem aktuellen Thema gerecht.

Lange tut sich nichts, dann geht es Knall auf Fall mit Bomben und Geschrei.

Große Leinwandprojektionen über Krieg, nein Frieden. Krieg und Frieden?! Darauf eine Hymne: "Ozeanien - friedlich und grün wird ewig blühen." Man wird von drei Männern und zwei Frauen im dunklen Overall heftig angeschrien "Nieder mit...!" Ein Glatzköpfiger springt von der Bühne, stellt sich vor die erste Reihe, holt Aufzeichnungen aus einer Bauchbinde unter seinem Overall. "4.April. Gestern Abend im Kino, lauter Kriegsfilme, eine Szene war besonders schön, ein Flüchtlingsboot... die Bombe war erfolgreich. Es gab eine wundervolle Aufnahme von einem abgerissenen Kinderarm."

Eine Stimme aus dem Off: "Smith 60079, ich beobachte Sie bei der Gymnastik, sie bemühen sich nicht genug!"

Der Zuschauer erfährt auf eindringliche Weise:

"Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke. Es lebe Big Brother!"

Verschiedene Ministerien, etwa für Wahrheit und Liebe, haben die Schokoladenration von 30 auf 20 reduziert, infolge südindischer Kriege. Computerkriege vernichten Länder, menschliche Emotionen darf es nicht mehr geben, Spione und Kriege sind allgegenwärtig.
Da fühlt man sich schon mal platt gemacht.

Aber es wird auch gegessen, den Gesichtern nach zu urteilen ist es jedoch sehr ekelig, und man sieht von außen, wer ganz linientreu ist, dem schmeckt es, oder es ist ihm egal geworden. Tischgespräch ist das neue Sprachsystem, bei dem unnötige Wörter ausgemerzt werden: gut und alles Schlechte, wie immer man es auch bisher genannt hat - es ist jetzt einfach ungut. Die alte Sprache soll verschwinden "sein oder un-sein" das ist hier nicht die Frage sondern Tatsache.

Sagt einer: "Wenn das klappt mit 'Neusprech', spart man unnötige Wörter, dann muss sich die Gedankenpolizei einen neuen Job suchen!" Lacher!

Die Gedanken im Publikum werden ununterbrochen gefüttert. Es ist ein sehr dichtes Stück.

Durch Projektionen wird die dunkle Bühne sehr räumlich. Die Schauspieler sind überzeugend, ja beeindruckend, sprechen ihre Texte sehr authentisch. Sind es jetzt digitale Kämpfer oder echte Menschen? Vergessen wir nicht, sie haben kleine Überwachungsgeräte an ihren Anzug geheftet, dieser "Teleschirm“ kann sowohl Sender als auch Empfangsgerät sein. Heute würde man "Smartphone“ sagen oder demnächst "Wearables", man arbeitet auch an der smarten Armbanduhr, den Sprachcomputer im Ohr und irgendwann an der transparenten Monitor-Kontaktlinse fürs Auge. Dadurch scheint die Realität erweitert, durch die Kommunikation mit Computern kann Zukünftiges berechnet werden, man ist jederzeit zu orten, kann andere erkennen, alles über sie wissen. Dann wird Wahrnehmung von oben verarbeitet, man wird selbst mehr und mehr ferngesteuert.
Um das alles mitzumachen, braucht es Angst, Gier, Machtbestreben und Dummheit.

Der Protagonist Winston Smith (Tobias Kilian) mit der Nr. 60079, Mitglied der herrschenden diktatorisch sozialistischen Staatspartei, arbeitet im Ministerium für Wahrheit, und da Wissen Macht bedeutet, muss er das Archiv der Vergangenheit umschreiben und löschen, da, wo die nationale Sicherheit gefährdet ist, nach dem Motto: "Wir brauchen keine Freiheit, wenn sie für uns Sklaverei bedeutet!" Winston (angelehnt an Winston Churchill) spürt die Gehirnwäsche, gerät in inneren Konflikt mit dem System. Er fragt sich auch, ob die häufig in Ozeanien einschlagenden Raketen nicht von der Partei gelenkt werden, denn sie schlagen nie in Vierteln der Parteimitglieder ein, sondern immer bei den "Proles“, wie die arme Bevölkerung hier genannt wird. O’Brian (Tom Pidde) spürt die fragenden Gedanken und spielt sich als Verbündeter auf "Früher konnte man noch seine eigene Meinung sagen" - er scheint politisch nah.

Smith schöpft Hoffnung, er entwickelt ein Faible für alte Sachen und geht in einen Antiquitätenladen, dort bekommt er ein Gefühl von Privatsphäre. Denn er hat Julia (Ines Nieri) kennengelernt. Sie ist in der Jugendliga gegen Sexualität, doch sie ist nicht gewillt, sich von der Partei die Lust nehmen zu lassen. Sie steckt ihm heimlich einen Zettel zu: "Ich liebe Dich."

So haben sie nach einer Weile Sex im Zimmer über diesem Laden und fühlen sich dort unbeobachtet. Denn Sexualität ist ein Schwerverbrechen, sie darf nur der Fortpflanzung dienen und soll schrittweise durch künstliche Befruchtung ersetzt werden.
Sie aber fragt ihn: "Spürst du die Wärme? Ich bin noch ganz am Leben."

Wie aus dieser digitalisierten Welt entkommen? Es ist nicht Angst vor dem Tod, den wir haben, sondern Angst vor dem Leben, vor Emotionalität, gar Liebe. "Sie kommen nicht in deinen Kopf, wenn wir es schaffen, Menschlichkeit zu bewahren.“ Hände klatschen ganz kurz, das Publikum ist betroffen. Man wird der aktuellen Situation gewahr.

Wir können gespannt sein:

Bald schon wird die Neuausgabe des ・Neusprechwörterbuches“ auf dem Markt sein, dann sind alle Wörter sinnentleert. Erscheint es noch 2014 könnte ich das hier nicht mehr schreiben, denn es fehlt das nötige Vokabular für differenziertes Denken und den dazugehörigen Gefühlen.

Ich werde in das Stück hineingezogen, es wird zur Gegenwart.

PAUSE



Orwells 1984 im Hamburger Sprechwerk - Foto (C) Stefan Malzkorn


Nach der Pause geht es noch heftiger weiter, Fragen tun sich auf. Der Bezug zur heutigen Zeit wird unvermeidlich.

Die Bruderschaft, Feinde der Partei, ihr Führer Emmanuel Goldstein, eine wohl erfundene und erlogene Figur. Das Staatsfernsehen schürt Hass. Die Propaganda schafft Feindbilder, die ganze Bevölkerungen zusammen schweißen soll, Terror wird inszeniert. Das wiederum ist Vorwand für massive Überwachung und eben für Kriege. Und das alles ist aktuell.

Die Frage taucht auf, was sind wir bereit zu opfern, wofür würden wir einen Mord begehen? Gibt es den Krieg wirklich? Gibt es Meinungs- und Religionsfreiheit?

Denn die Gedankenpolizei, das sind wir selbst, wir fühlen uns ständig auf frischer Tat ertappt, unsere Erziehung hat uns das schlechte Gewissen bereits eingebleut. Letztendlich verrät jeder jeden. Seien wir ehrlich, wir handeln auf Knopfdruck. Früher war es Gott, jetzt sind es die digitalen Medien. Man weiß längst unsere Lebenslinien, Geheimnisse und persönlichen Urängste.

Winston z.B. hat Angst vor Ratten, und genau das wird ihm zum Verhängnis. Bei einer Folter schreit er "Macht es mit Julia, aber nicht mit mir!“ Er verrät Julia für eine neu gewonnene Individualität. Er fühlt sich jetzt mit dem Großen Bruder eins, und er wähnt sich frei. Also ist Individualität austauschbar, und wir machen uns alle etwas vor. Dann bleibt nur noch das Zimmer 101, die persönliche Hölle. Dort gibt es den Sieg gegen sich selbst, und wenn die Gehirnwäsche erfolgreich war, wird die Seele weiß wie Schnee. Dann wird man zur Un-Person durch das Vaporisieren, einer Art von Narkose. Hier wird es geradezu spirituell. Auch da haben wir Misstrauen, sagte doch O’Brian, der sich als Spion entpuppte: "Wir treffen uns dort, wo keine Dunkelheit herrscht."

Haben wir Angst vor dem eigenen großen Unterbewusstsein?

Was kann ich noch glauben? Glauben ist immer auch zweifeln. 2+2=5 soll genauso gelten wie 2+2=4, wenn es die herrschende Meinung so will und es wichtig für wissenschaftliche Forschung ist. Orwell hat tief geblickt und seine politischen Erkenntnisse sind bereits damals Realität gewesen, er hat sich bei den Amerikanern auch bei der Sowjetunion unter Stalin inspirieren lassen. Die Politik ist gleich, vielleicht noch perfider und Orwell hat konsequent weiter gedacht, heute ist die Technik so ausgefeilt, dass aus dem beobachtenden Hubschrauber Drohnen geworden sind.

Lügen gehen in die Geschichte ein und werden Wahrheit.


Liane Kampeter - 3. September 2014
ID 8062
1984 - EIN ALPTRAUM (Hamburger Sprechwerk, 29.08.2014)
Regie: Konstanze Ullmer
Dramaturgie: Andreas Lübbers
Video: Julian Struck
Kostüm: Sharon Rohardt
Mit: Tobias Kilian, Tom Pidde, Stephan Arweiler, Ines Nieri und Jasmin Buterfas
Premiere war am 29. August 2014
Weitere Termine: 23. - 25. 9. / 5. + 6. 12. 2014
Eigenproduktion des Hamburger Sprechwerks in Kooperation mit "die medienakademie" Hamburg


Weitere Infos siehe auch: http://www.hamburgersprechwerk.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de




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