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Die Welt im Rücken


Joachim Meyerhoff glänzt im Wiener Akademietheater in der Rolle des manisch-depressiven Erzählers aus Thomas Melles autobiografischem Roman

Bewertung:    



Dass der Schauspieler Joachim Meyerhoff eine Art manische Seite hat, wird kaum jemand, der ihn auf der Bühne spielen sah, ernsthaft bezweifeln. Ihm sei nichts peinlich genug, offenbarte Meyerhoff anlässlich eines Interviews für die DVD Spielweisen - Videogespräche mit Schauspielern. Der seit 2005 am Wiener Burgtheater engagierte Meyerhoff ist selbst im Interview immer auch ein begnadeter Entertainer. Seine Soloabenden Alle Toten fliegen hoch mit autobiografischen Texten am Rande der Fiktion waren nicht nur da ein großer Erfolg. Die Geschichten sind mittlerweile in drei Bänden veröffentlicht worden. Von daher scheint Meyerhoff geradezu prädestiniert für die Rolle des Protagonisten in der Bühnenfassung des Romans Die Welt im Rücken von Thomas Melle. Melles autobiografisches Werk stand 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Der Schriftsteller und Dramatiker berichtet darin recht eindrucksvoll und freizügig über seine bipolare Störung. Ein offenes Umgehen mit der Scham, die eigene Katastrophe auszustellen, wie er es nennt.

Aber natürlich spricht Melle in seinen Erinnerungen selbst auch von einer großen Theaterleidenschaft, die er in seiner manischen Phase am Theater Erlangen voll ausgekostet hat. Hierzu scheucht der hibbelige Meyerhoff nach der Pause einen ganzen Trupp von Bühnenarbeitern vor sich her, der sich davon allerdings wenig beeindruckt zeigt. Der Abend beginnt aber zunächst recht unspektakulär mit dem Bericht des Verlusts einer Bibliothek. Sie ist Melles sogenannte „Welt im Rücken“, seine nach und nach schwindende Identität, die er sich über die Jahre aufgebaut hat. Bildung als etwas, über das wir uns definieren. Geradezu süchtig nach Kultur häufte er Buch für Buch an als Bestandteil seiner Persönlichkeit, die er mit dem Verkauf der Bibliothek in der ersten manischen Phase Stück für Stück wieder verramschte. Leere Wände in der Wohnung illustrieren das Scheitern eines Lebensentwurfs.

Leer ist auch die Bühne im Wiener Akademietheater, auf die Stéphane Laimé eine Tischtennisplatte gestellt hat, an der sich Meyerhoff immer wieder mit den kleinen weißen Bällen ausagiert, die Begrenzungsstriche der Platte abreißt und umständlich den Frühstückstisch in Melles WG aufbaut, an dem alles begann. „Etwas stimmte nicht - Ich meinte: mit der Welt. Er meinte natürlich: mit mir!“ Im noch ruhigen, aus dem Abstand der Zeit reflektierenden Ton erzählt Meyerhoff, wie Melles Problem als „Elefant im Zimmer“ für jeden sichtbar ist, aber niemand darüber spricht - bis auf jenen Morgen in der WG, der den Beginn des jahrelangen Kampfes des Autors mit sich und der Welt markiert.

Wir nehmen teil an einer jahrelangen Achterbahnfahrt aller Phasen Melles bipolarer Störung, seinen emotionalen Höhenritten und Tiefen der nachfolgenden Depressionen, in denen sich Melle in seiner Wohnung verkroch. Wir hören vom überspannten, aufstrebenden Literaten, der seine schreibende Konkurrenz genauestens beobachtet, sich beim Bachmannpreislesen zu Höherem berufen fühlt, bei Suhrkamp aber erst noch ankommen muss. Immer mehr fantasiert sich Melle in einen Wahn der äußeren Signale, die scheinbar nur ihm gelten. Verliert sich in einer Schnitzeljagd der Zeichen, auf der Suche nach einer nur für ihn versteckten Party in Berlin, reißt ziellos umher und hat in seiner Phantasie Sex mit Madonna. Das wird größtenteils von Meyerhoff szenisch performt. Er bepöbelt manisch die erste Reihe im Zuschauerraum, vergrößert seine Körperteile auf zwei hereingeschobenen Kopiergeräten und tackert die Ergebnisse als riesiges Messias-Abbild an die Rückwand der Bühne. Die Inszenierung von Jan Bosse entzieht sich dennoch weitestgehend einer bloßen Bebilderung der geistigen Zustände des Autors. Vorm Selbstmord rettet ihn nur die Musik von Coldplay und ABBA.

Den Hochphasen folgen der Zusammenbruch und die Erkenntnis, kein Mensch mehr, sondern nur lebloses Objekt und nicht mehr erreichbar zu sein. Ein knochenloser Parasit, gefangen im winzigen Universum der Wohnung. Wieder willenlos der Psychiatrie ausgeliefert und als typischer Krankheitsverlauf den Medizinstudenten vorgeführt. Meyerhoff nimmt dazu den Kreuzbalken von der Wand und hüpft wie ein verwundeter Vogel am Boden, der nicht mehr fliegen kann. Doch die nächste manische Flugphase kommt mit Sicherheit, die Melle bei der besagten Theaterarbeit in Erlangen ereilt. Probenstress und nächtliches Schreiben unter Alkoholeinfluss führen direkt wieder in die Manie. Dazu reitet Meyerhoff auf einem von Bühnenarbeitern hereingeschobenen und an Seilen hochgezogenen Riesen-Brain aus Wachs und Pappmaché. Er begibt sich vollkommen in Melles „Reich des Wahns“, dabei mehrere Schichten seiner wechselnden Bühnenkleidung durchschwitzend.

Und Regisseur Bosse lässt ihn machen, verlässt sich ganz auf das Können und die Kunst der Performance seines Hauptdarstellers, der sich am Ende in der großen Gehirnattrappe wie ein Fötus im Uterus verliert, aber oben nochmal wieder zum Vorschein kommt und die Normalität für sich beansprucht, die letztendlich auch ein Weiterleben mit der Krankheit bedeutet. Standing Ovation im Akademietheater für Joachim Meyerhoff und auch für Thomas Melles großen, sensiblen Text.

Stefan Bock - 4. Juni 2017
ID 10065
DIE WELT IM RÜCKEN (Akademietheater, 03.06.2017)
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Gabriella Bußacker
Mit: Joachim Meyerhoff
Premiere am Burgtheater Wien: 11. März 2017
Weitere Termine: 18., 27.06.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.burgtheater.at/


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