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Buchkritik

Der Wille,

weg zu

sein



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„Es schien alles schon lange unterwegs gewesen zu sein, ich schien lange unterwegs gewesen zu sein. Versunken grübelte ich nach, seit wann die Menschen mich kannten und beobachteten, versuchte herauszulesen, wann genau dieser Unfall des Weltgeistes passiert war.“ (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, S. 91)

*

Heute, am Welttag des Buches, scheint es endlich an der Zeit Thomas Melles beeindruckendes Werk Die Welt im Rücken (2016) Revue passieren zu lassen - auch um zu zeigen, was Literatur kann. Melle ist an einer bipolaren Störung erkrankt und schreibt in seinem jüngsten Werk eine ungeschönte, erschütternde und packende Chronik über seine manisch-depressive Erkrankung. Das Werk – 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis - hat mich mindestens ebenso verstört, berührt und ist mir ähnlich nachgegangen wie das schwere Schicksal des Ich-Erzählers in Szilárd Borbélys Die Mittellosen. Anders als da ist Die Welt im Rücken kein autobiographisch grundierter Roman, sondern ein klar autobiographisches Werk und eine Spurensuche des Autors in seiner eigenen Vergangenheit. In Schüben erleben wir aus der Ich-Perspektive des Autors die Entwicklung seiner Krankheit. Er gibt seine verschrobene Wahrnehmung der Außenwelt in bestimmten Phasen seines Lebens ungefiltert wider. Oft werden jedoch auch die Auswirkungen der manischen oder depressiven Phasen auf sein Leben kommentiert:


„Diese Zustände gab es nicht erst seit Berlin. Es hatte sie schon immer gegeben, in der Kindheit, der Jugend, der Adoleszenz: dieses hartnäckige Gefühl, aus der Bahn geworfen zu sein und ständig einen Abstand zwischen der Welt und mir überwinden zu müssen, und zwar nicht nur für ein paar Stunden oder Tage, sondern grundsätzlich. Und immer, nach irgendeiner Begeisterung, auch ihre verhasste Rückseite: die Nichtigkeit, die Schalheit, die Leere. Hatte mich etwas erfreut und gepackt, wurde es bald tot, faul und ungenießbar. Die Überfülle wich immer einem Vakuum.“ (S. 36/37)


Der Ich-Erzähler Melle fühlt sich immer wieder von seinem unmittelbaren gesellschaftlichen Umfeld abgetrennt. Er beschreibt konkrete Situationen, in denen er Menschen durch seine Reaktionen auf seine Wahnvorstellungen vor den Kopf stößt:


„Das Verspulte, Danebene. Die Distanz der Psychose, der Ruck, die Neuheit der undurchschaubaren, mit einem Schlag völlig irren Verhältnisse. Der Nebenraum der Realität, in dem ich mich befinde, eine Hinterkammer, aus der ich nicht herauskann – alles ist kurz da, in der Erinnerung…“ (S. 88/89)


Melle, der mit seinen beiden Vorgängerwerken ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert war und auch mit seinen Theaterstücken, wie etwa Bilder von uns regelmäßig für Aufruhr sorgte, probiert mit Die Welt im Rücken etwas Radikales, Neues und sehr Persönliches. Der studierte Germanist formuliert seinen Anspruch an die eigene "Überlebenschronik":


„Zudem sind Kontext, Absicht und Stil jetzt und hier gänzlich andere als in den bisherigen Texten. Hier geht es nicht um Abstraktion und Literatur, um Effekt und Drastik. Hier geht es um eine Form von Wahrhaftigkeit, von Konkretion, jedenfalls um den Versuch einer solchen. Es geht um mein Leben, um meine Krankheit in Reinform. Da darf der ursprüngliche Aufbruch nicht fehlen. Nichts soll dabei verklausuliert, überhöht, verfremdet sein. Alles soll offen und sichtbar daliegen, soweit das eben möglich ist.“ (S. 56)


Tatsächlich ist Die Welt im Rücken trotz des stetigen Kreisens um das verschrobene Selbst- und Fremdbild eingängig und leicht lesbar. Immer wieder wird die Schwere der durch die Krankheit hervorgerufenen Visionen mit einer Prise Humor aufgelockert. So sorgt die verschrobene Perspektive Melles auch für leise Komik. Insbesondere für Kulturinteressierte bietet seine Chronik zahlreiche Verweise auf prominente Orte, Künstler und Werke, da sich Melle selbst schon seit vielen Jahren im Künstlermilieu bewegt und oft auch wahnhaft mit Kunst und Kultur beschäftigt. Er nimmt Bezug auf literarische Weggefährten, seinen Geburtsort Bonn und das Geschehen an seinem aktuellen Wohnort Berlin. Außerdem werden zahlreiche Popsongs anzitiert und formen somit einen Soundcheck of life zum Text. Melle, der versucht die eigene Krankheit im Prozess des Schreibens zu erfassen, erkennt wiederholt, dass auch die Worte nicht genügen und nicht immer gehorchen:


„Als Literaturstudent war ich mit der metaphorischen Seite der Dinge mehr als vertraut, aber diese Metaphorik hier schien bösartig zu sein. Die einfachsten Sätze logen. Sie täuschten den Wirklichkeitsbezug, den sie zu haben schienen, nur vor. Zahlen waren Codes, Sätze Chiffren. Selbst die Rechnungen dachten und sprachen um die Ecke. Ich legte mich flach auf den Boden.“ (S. 63)


Das Werk reflektiert immer wieder den Prozess des Schreibens. Auch dieser Prozess ist wie vieles Andere ein zweischneidiges Schwert, denn das sich Freischreiben kann auch zum sich Festschreiben werden:


„Mails. Es gibt keine Kommunikationsform, die für den gemeinen Maniker verführerischer und verhängnisvoller wäre. Es ist schlichtweg zu einfach, den plötzlichen Impulsen zu folgen und eine wirre Beobachtung oder einen schnell umkodierten Gefühlsausbruch in die Welt zu schicken. Gutgemeintes, ja, eigentlich Hingelachtes kommt auf der anderen Seite wie eine Drohung an. Dass die Sprache eh schon einen mächtigen Knacks hat, verstärkt die Inkongruenzen im Verstehen. Die Sprache ist unsicheres Terrain, nicht mehr ganz verfügbar...“ (S. 159)


Spannung erzeugt das Werk immer wieder durch lebendige Umdeutungen alltäglicher Phänomene in mögliche Gefahrenzonen:


„Wieder drängte sich die Lüftung im Badezimmer ins Bewusstsein; andere Wohnung, selber Effekt. Banal brauste sie auf, wenn ich das Bad betrat, mit einem Hauch unheimlicher Vernichtung darin. Den Klang kannte ich noch. Er erinnerte mich an die Abwärtsspirale, die im Nichts enden würde. Nach Tagen der Verpuppung nach außen und des gleichzeitigen, leisen Rückzugs in ein dumpfes Inneres wurde es mir schließlich innerhalb von Stunden bewusst. Das, was allen anderen seit einem Jahr so offensichtlich gewesen war, was ihnen so deutlich vor Augen stand, es war auch mir nun schlagartig klar: eine Katastrophe.“ (S. 193)


Es ist die Verzweiflung des Autors ohne Selbst, ohne Kontrolle und ohne Gegenwart zu sein, die immer wieder in allen Poren des Textes auflodert und einem den Atem nimmt. Insbesondere Menschen, die im Sozialbereich mit manisch-depressiven und psychotischen Patienten arbeiten sei Die Welt im Rücken sehr empfohlen. Es bleibt Melle jedoch zu wünschen, dass er einmal Urlaub von sich selbst machen und vielleicht erneut ein literarisches Werk ganz unabhängig von seinem eigenen Schicksal schreiben kann. Kraftvoll, eindrücklich und packend Erzählen kann er ja allemal, wie er auch in Die Welt im Rücken anschaulich beweist. Ein gespanntes Publikum hat er ja auch allenthalben und es dürfte erleichtern, wenn neben der zerrütteten Ich-Perspektive auch mal wieder eine zweite, weniger unsichere Perspektive aufscheint.
Ansgar Skoda - 23. April 2017
ID 9984
Thomas Melle | Die Welt im Rücken
Hardcover, 352 Seiten
EUR 19,95
Rowohlt Verlag, 2016
ISBN 9783871341700


Weitere Infos siehe auch: https://www.rowohlt.de/hardcover/thomas-melle-die-welt-im-ruecken.html


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