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nachDRUCK # 6

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Interview

ULRICH RADOY

Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor - im Gespräch mit Arnd Moritz


Ulrich Radoy - Foto (C) Arnd Moritz

Ab 12. Juli 2014 wird das BerlinerZentralTheater (BZT) als seine Jubiläumsinszenierung Molières Don Juan aufführen. Warum diese fast dreieinhalb Jahrhunderte alte Komödie?

Ulrich Radoy:
Da gibt es verschiedene Gründe. Ein Grund ist, wir haben noch nie ein Stück von Molière aufgeführt, und zum Jubiläumsjahr wollten wir etwas machen, was wir noch nie gemacht haben. Nicht Goethe, nicht Schiller, nicht Shakespeare, sondern Molière. Denn Molière ist ja einer von den großen neben den genannten Namen. Und der andere Grund ist, dass dieses Stück zwar 300 Jahre alt ist, aber man merkt's nicht. Es ist einfach so, dass die Figurenbeziehungen, die Haltungen der Figuren erstaunlich modern sind. Und ich glaube, dass die Menschen nicht anders waren vor 300 Jahren als wir heute. Die haben sich anders angezogen, haben sich vielleicht a bisserl anders ausgedrückt, aber die Temperamente, die Bedürfnisse, die waren genauso. Und das finde ich in diesem Stoff wieder und find' es einfach hinlänglich interessant, das aufzuführen.


Sie kommen von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und haben an vielen deutschen Theatern gespielt. Gilt Ihr besonderes Interesse einem bestimmten Genre?

UR:
Nein. Ich finde jedes Genre interessant. Wobei man natürlich als Schauspieler oder Regisseur möglicherweise nicht für jedes Genre gleichermaßen geeignet ist. Aber das ist eine Herausforderung, der man sich stellen kann, an der man wachsen kann, und ich nehme solche Herausforderungen immer wieder gerne an.


Später führten Sie Regie. Geschah das aus Begeisterung für ein Mehr an Gestaltungsmöglichkeiten oder aus zusätzlichem Interesse an der Wirkung von Darstellung auf den Betrachter heraus?

UR:
Ja und trotzdem: weder noch. Das erste, das mich dazu getrieben hat, war die Neugierde, die Seite zu wechseln, also nicht auf der Bühne zu stehen, sondern das Geschehen von unten zu beeinflussen. Der Hintergedanke dabei war, wenn ich diese Erfahrung mache, könnte es mir gelingen, mich als Schauspieler besser einzuschätzen und meine schauspielerische Qualität dadurch zu erhöhen. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist, aber ich bin bei der Regie hängengeblieben, weil ich's unendlich interessant finde, Geschichten zu erzählen und Schauspieler zu entwickeln.


Betrachten konnten Ihre Zuschauer Sie auch in großen Open Air Theaterevents. Zum Beispiel in denen des sehr bekannten Harzer Bergtheaters Thale. Sicher ist es interessant von Ihnen zu erfahren, welcher besondere Reiz für Sie vom Freilufttheater ausging.

UR:
Das Freilufttheater ist die Theaterform, mit der Theater vor 2000 Jahren überhaupt begonnen hat. Die alten Griechen haben nur Freilufttheater gemacht und haben es geschafft, eine Einheit herzustellen aus Natur und Spiel. Und das finde ich sehr reizvoll und auch das Besondere, nicht in einem stickigen Raum zu stehen und so zu tun als befände man sich in einem Wald, sondern man befindet sich im Wald und kann wirklich zwischen Bäumen stehen, in den Sand fallen, auf echten Pferden sitzen, das ist etwas, was es im Theaterhaus so nicht geben kann, weil's was anderes braucht. Aber das hat mich interessiert und auch die Reaktionen der Zuschauer auf diese Unmittelbarkeit des Direkten und des Echten, die war immer so überzeugend, dass ich mich immer wieder gefreut habe, das machen zu können.


Ein weiterer Schritt kennzeichnet Ihre künstlerische Interessenvielfalt. Zum Beispiel für Ich und Spitzweg oder umgekehrt. Als "lustiges Selbstgespräch einer traurigen Gestalt" charakterisiert die Berliner Zeitung Bernd Mannhardts Satire. War es ein mentales Stück von Ihnen, das Sie für dieses Solostück einnahm?

UR:
Nein, eher im Gegenteil. Diese Figur ist so weit weg von mir gewesen, dass ich nichts von mir preisgeben musste. Und das war gerade der interessante Punkt, so eine schräge, satirische Figur, fernab von mir, mit Leben zu erfüllen, und was das Verrückte an der Geschichte war, ich habe mir ja diesen Abend erabeitet ohne einen Regisseur. Ich musste mein eigener Regisseur sein, und ich habe mich dann immer so stückchenweise per Video betrachtet, um mit mir selbst Korrekturen vornehmen zu können. Und das habe ich so noch nie, auch anschließend nie wieder, gehabt, und das war 'ne ziemlich harte Arbeit, aber die Reaktionen der Zuschauer in den dann immerhin 100 Vorstellungen, die stattgefunden haben, waren ermutigend, und ich denke da sehr sehr gerne dran zurück.


Gibt es Persönlichkeiten, die für Ihren beruflichen Werdegang so bestimmend waren, dass Sie Anteile an ihren Gedanken und Werken fortsetzten oder immer wiederkehrend interpretieren?

UR:
Das ist eine schwere Frage, auf die ich so ad hoc keine Antwort weiß. Es gab natürlich Persönlichkeiten, die mich beeinflusst und gefördert haben und denen ich dafür unendlich dankbar bin: Schauspielerkollegen, von denen ich lernen konnte, Dozenten der Schauspielschule, von denen ich sehr viel mitnehmen konnte, und es gibt immer wieder Persönlichkeiten, wo ich aufpassen muss, dass ich mich selbst nicht verliere, weil ich die so toll finde, und wo ich dann lernen musste: Nein, du grenzt dich von diesem Vorbild jetzt bewusst ab, damit du dein Eigenes machst.


Glauben Sie, dass in einer Zeit, in der Stücke von Goethe und Schiller umgeschrieben werden, damit sie verstanden werden können, diese uns allen noch etwas zu sagen haben?

UR:
Die Frage ist nur, was sie dann zu sagen haben, wenn sie umgeschrieben werden. Denn die Stücke sind so gut, dass man sie eigentlich nur zu spielen braucht, und die sind absolut nicht unverständlich. Man muss nur versuchen, diesen Gedanken mal zu folgen, um zu entdecken, wie interessant die sind. Und einen Shakespeare umzuschreiben ist ungefähr dasselbe, als würde ich anfangen der Mona Lisa eine Sonnenbrille aufzumalen. Und wenn ein Regisseur nicht in der Lage ist, ein Stück so zu inszenieren wie es da steht, dann hat er seinen Beruf nicht verstanden.


Also es geht im Wesentlichen darum, die Sprache in die heutige reduzierte Sprache zu übersetzen.

UR:
Natürlich. Dadurch würde das Stück total verlieren. Natürlich gibt es sprachliche Bestrebungen. Man sollte sich auch nicht gegen irgendetwas abgrenzen. Man kann alles mal machen, mal ausprobieren, wo es hinpasst, aber ein Goethe oder ein Shakespeare sollte erhalten bleiben. Man hat immer noch genügend Spielraum, individuelle Sachen reinzubringen, aber da etwas zu verändern, das ist, ja... das ist ein kulturelles Verbrechen.


Don Juan markiert das 15. Jahr des Bestehens des BZT, das Sie, Herr Radoy, als Trommeltheater gegründet haben. Was macht Trommeltheater aus und haben Sie ihm einen selbstverpflichtenden Rahmen mitgegeben, der das Theater prägen soll? Zum Beispiel den der literarischen Verantwortung mit musikalischen Mitteln?

UR:
Also die Gründung des Trommeltheaters geschah aus einem Gedanken damals, szenische Abläufe sind rhythmisch. Und dieser Rhythmus kann übernommen, weitergeführt oder unterstützt werden durch Trommelmusik. Später haben wir dann gemerkt, dass das zwar ein reizvoller Ansatz war, aber dass irgendwann das Trommeln alleine unseren Ausdruckswillen nicht mehr bedienen konnte. Wir haben uns dann vielen anderen musikalischen Bereichen zugewandt. Deswegen mussten wir uns von dem Namen Tommeltheater verabschieden.

Zum zweiten Teil der Frage. Den Rahmen auf jeden Fall. Weil es zwischen Theater und Musik eine ganz große Parallele gibt. Es gibt diesen wunderschönen Satz von Gustav Mahler: "Das Wichtige in der Musik steht zwischen den Noten." Und das ist beim Theater nicht anders. Das Wichtige an den Texten steht zwischen den Zeilen. Und genau da muss der Schauspieler eingreifen. Diese Verbindung ist eine sehr produktive Symbiose, die wir versuchen zu erfüllen.


Die Figur des Don Juan unterscheidet sich von der des Casanova. Was macht erstere für Sie wichtiger, bezogen auf das Jahr 2014, als die zweite?

UR:
Casanova wäre auch ein Stück wert. Aber da gibt's leider kein Stück. Der Don Juan ist ein sehr moderner Mensch, der sich nur seinem eigenen Vergnügen hingibt, der in unsere moderne Zeitgeistigkeit der Fun- und Actionkultur passt und deswegen den Zuschauern einen Angriffspunkt bieten kann. Der Unterschied zwischen beiden Figuren ist: Don Juan ist einer, der Frauen verachtet und benutzt. Casanova hingegen war einer, der die Frauen wirklich geliebt und geschätzt hat. Und es wäre vielleicht mal interessant, einen Don Juan II zu schöpfen, der Casanova begegnet. Aber das braucht einen Autor.


Welche von allen Rollen, die sie je gespielt haben, und Aufführungen, an denen Sie mitgewirkt haben, war ihre liebste, wenn es sie denn gab?

UR:
Ich glaube, es war die große Marilyn Monroe, die gefragt wurde, welche ihre liebste Rolle war. Und sie hat darauf gesagt "immer die letzte"!


Und in welche Rolle, die Sie noch nie gespielt haben, würden Sie in Zukunft gerne einmal schlüpfen?

UR:
Ich habe lange Zeit einige Wunschrollen gehabt, die ich merkwürdigerweise nie spielen konnte, weil sie mir keiner angeboten hat, deswegen bin ich in meinen Ansprüchen bescheidener geworden. Aber ich glaube, jede Rolle, die noch vor mir liegt, verdient Interesse, Hingabe und Engagement und dazu bin ich bereit.


Also, es gibt keine Figur der Literatur oder des Schauspiels, die Sie auf ihre Weise allen anderen gegenüber bevorzugt darstellen wollen würden?

UR:
Doch, gibt es schon. Das ist der Faust.


Das ist eine nicht gerade klein geratene Figur.

UR:
Ja, lange Zeit habe ich immer gedacht, der Mephisto würde mich interessieren, aber das stimmt nicht mehr. Der Faust ist viel interessanter. Weil dieser emotionale Reichtum, der da drin steckt, was der Mann alles durchmacht mit seinen zwei Leben, wie er sich dem stellt und wie er da trotzdem mit heiler Haut rauskommt, unendlich beeindruckend ist.


Gibt es einen Gedanken oder ein Thema, der oder das Sie so bewegt, dass Sie ihn oder es den Lesern zum Abschluss gerne mitteilen möchten, und können Sie etwas über Ihre beruflichen Zukunftspläne verraten?

UR:
Ich fang mal mit dem Schluss an. Ich werde auf jeden Fall weiter mit dem BZT arbeiten, weil ich mich da zuhause fühle und weil mir da niemand reinredet. Dort kann ich wirklich pur das machen, was ich möchte, und ich kriege eine unendlich tolle Unterstützung von allen, die da mitspielen. Das ist nahezu alternativlos, familiär, produktiv, wunderbar. Nun zum ersten. Mein Gedanke dabei ist es, vielleicht ein bischen subversiv, undercover unseren Zuschauern etwas mitzugeben, was da heißt: eine Alternative, in der der künstlerische, humanistische Wert von guter Theaterarbeit erkannt wird. Und die scheint mir so wichtig zu sein im Moment, weil der Zeitgeist dem widerspricht. Also, in einer Zeit, in der ein Mario Barth mit frauenverachtenden Furz- und Fickwitzen das Olympiastadion füllt, in der Cindy aus Marzahn mithilfe der Goethe(!)-Gesellschaft am Broadway auftritt, oder in der die ganze Nation gebannt am Bildschirm sitzt, weil eine Horde prolliger Millionäre in potthässlichen Boxershorts mit einem Ball spielt und zwischendurch auf den Rasen spuckt, muss man etwas entgegensetzen. Ich weiß, ich bin da David gegen Goliath, aber ich bin's gerne.




Ulrich Radoy - Foto (C) Arnd Moritz



Möchten Sie zum Schluss etwas über den Rahmen Ihres Theaters im Zusammenhang mit dem KREATIVHAUS sagen?

UR:
Ja, das BZT ist ein Kind des KREATIVHAUSES. Das KREATIVHAUS ist eine Heimat für Theatergrupen und einiges Andere mehr. Also, es gibt ganz viele Kultur- und Spielangebote für Menschen jeden Alters. Und wir fühlen uns hier zuhause, weil wir sehr gut unterstützt werden, weil wir hier die räumlichen und technischen Möglichkeiten vorfinden, weil uns ein Fundus und ein Tonstudio zur Verfügung stehen, und auch Kollegen, die gerne mit uns arbeiten, deren Hilfe wir unendlich dankbar annehmen, und ich finde, dass wir hierhin passen, und deswegen sind wir auch gerne hier.


Gibt es einen Gedanken, Herr Radoy, den Sie vielleicht zum Abschluss dieses Gespräches den Lesern von KULTURA-EXTRA mit auf den Weg geben möchten?

UR:
Na ja, ich glaube, ich habe eigentlich alles gesagt. Doch ich habe eine Bitte an alle, die diese Zeilen lesen: Hört Beethoven, lest Goethe!


Zum Abschluss kommt die Zeit des Dankes für das Interview - des Dankes an den Schauspieler, den Regisseur und den Theaterdirektor Ulrich Radoy und die Zeit des guten Wunsches für Sie und Ihr ganzes Ensemble vom BerlinerZentralTheater zur Premiere von Don Juan am 12. Juli 2014. Danke und alles Gute!

UR:
Sehr gerne.


Interviewer: Arnd Moritz - 2. Juli 2014
ID 7939
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerzentraltheater.de/


Post an Arnd Moritz

http://www.arndmoritz.de




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