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Besprechung


Odysseus im BVB-Freibad



Grafik: Alexander Atanassow

Bewertung:    



Einmal im Jahr lädt das Berliner Gefängnistheater aufBruch seine Zuschauer zu einer Inszenierung an einen möglichst geschichtsträchtigen Ort der Stadt. Waren es in den letzten Jahren die Museumsinsel, die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße, die Feuerwache oder das Casino des Flughafens Tempelhof, hat man sich diesmal das alte Freibad auf dem Gelände des BVB-Stadions in Lichtenberg ausgesucht. 1928 errichtet, diente es auch den Nazis als Trainingsstätte für die Olympischen Sommerspiele 1936. Von 1970 bis kurz nach der Wende wieder als BVB-Freibad genutzt, wurde der Ort nach der Schließung 1990 endgültig dem Verfall preisgegeben. Eine Ruine bestehend aus einer Baracke, zwei Schwimmbecken und einem Dreimeterturm, wo die Frösche nun das Sagen haben und sich auch sonst die Natur das Gelände zusehends zurückerobert.



Hier wächst also im wahrsten Sinne des Wortes Gras über Geschichte, und ein älterer Herr fragt am Eingang in der Siegfriedstraße auch etwas ungläubig nach dem Veranstaltungsort, auf den das Plakat mit großem Richtungspfeil verweist. Sichtlich überrascht ist der Mann, dass man im alten Freibad nun Theater spielt, aber auch froh, dass nach 25 Jahren hier endlich mal was passiert. Und dafür hat sich der langjährige aufBruch-Theaterregisseur Peter Atanassow auch wieder ein ganz besonderes Stück Geschichte ausgesucht. Es wird Odysseus, Verbrecher gespielt - Christoph Ransmayrs Bearbeitung der Odysseus-Sage, die den Trojanischen Krieg und seinen antiken Helden etwas ungeschlacht in die Gemetzel der Moderne herüberholt. Wie gemacht also für Atanasow, der es immer wieder schafft, mit seinem archaischen, körperbetonten Stil geschichtsträchtige Stoffe für sein Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern, Schauspielern und Laien zu adaptieren.



Autor Ransmayr hat sein Stück auch als Schauspiel einer Rückkehr geschrieben. Aber Odysseus erscheint hier nicht als glorreicher Held, der sich Thron und Frau zurückgewinnt, sondern als heruntergekommener, traumatisierter Kriegsheimkehrer, der nicht aufhören kann im Modus des ewigen Soldaten zu denken. Atanasow lässt ihn nacheinander sehr eindrucksvoll von vier Darstellern (Hans-Jürgen Simon, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski und Wolf Nachbauer) verkörpern, was der Figur eine gewisse Allgemeingültigkeit verleiht. Und so fällt der an den Ufern Ithakas in der Schweinebucht Gestrandete zuerst der forschen Strandläuferin Athene (Irina Weihrich) auf ihrem Beutezug in die Hände. Für sie zählen nur bleibende Werte, von Schiffen und Gesellschaften, die nichts mehr taugen. Und höhnisch spottend nimmt sie Odysseus einen Teil seiner Habe ab. Schließlich war der Krieger ja auch nicht nur wegen der Ehre unterwegs, sondern wegen Uran, Öl usw. Auf den Kopf zu sagt Athene dem Heimgekehrten, der sein Land nicht wiedererkennt: „Aus einem Krieg, Held Trojas, Städteverwüster, ist noch keiner heimgekehrt - jedenfalls nicht als der, der er war.“



Das Willkommen in Ithaka fällt auch im Folgenden nicht besonders herzlich aus. Die Hirten, die eine Art Schlachtenquartett spielen, bei dem die Karte mit der höchsten Zahl von Gefallenen gewinnt, erkennen ihren König zuerst nicht, auch sein Sohn Telemach (Laurenz Wiegand) ist ihm fremd, und der Palast wird von sogenannten Reformern belagert, die das runtergekommene Land wirtschaftlich unter sich aufgeteilt haben und nun um Penelope (Maria Stoecker Baton) freien, um die Krone zu erlangen. Als Bettler verkleidet, schleicht sich Odysseus in den Palast und metzelt schließlich gemeinsam mit den Hirten und seinem Sohn die Reformer als Volksverräter hin. Ergebnis ist allerdings die endgültige Entfremdung zu seiner Frau („aber der Mann, den ich geliebt habe, ist im Krieg geblieben“), die ihm vorwirft, das Schlimmste getan zu haben, was ein Vater seinem Sohn antun kann. „Odysseus, Verbrecher, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht.“



Man kann Ransmayrs Stück sicher in verschiedenste Richtungen interpretieren. Als Kriegsheimkehrergeschichte, Wirtschaftskrimi oder Flüchtlingsdrama, Prämisse aber hat sicher die Story über die dauerhaften Nachwirkungen und Kollateralschäden von Kriegen, wie sie auch heute noch weltweit geführt werden. Atanasow verschränkt Ransmayrs Text noch mit Auszügen aus Werken von Franz Kafka, Botho Strauß, Heiner Müller, Jean Genet, Jean-Paul Sartre, Wolfram Lotz u.a. sowie Heinrich Himmlers Posener Rede an SS-Angehörige und Berichten von ehemaligen Bundeswehrsoldaten. Neben dem Chor der Krüppel und Gefangenen, die Odysseus beständig verfolgen und plagen, werden auch die eingeschobenen Passagen meist chorisch oder auch mal im Solo vorgetragen und handeln von Gewalt, Tod, militärischem Drill und chauvinistischer Zurichtung von Soldaten sowie nationalistischem Größenwahn und Fremdenhass.



Es wird viel marschiert, Tango getanzt und wie immer sehr schön im Chor gesungen. Vor allem passende Soldatenlieder wie "Wir lagen vor Madagaskar", "Heimat deine Sterne", "Lili Marlen" oder "Hundert Mann und ein Befehl ", aber auch das Gefangenlied "Po Lazarus" und ein herzzerreißendes "O Happy Day" der Amme Euryklia (Rose Louis-Rudek) beim Wiedererscheinen des verlorenen Odysseus. Ein besonderes Augenmerk legt die Inszenierung aber noch auf die Klage der Mägde, die als wehrlose Frauen am meisten unter Krieg, Rache und Vergewaltigungen zu leiden haben. Auch ein kleines Lehrstück in Sachen Siegerjustiz. Insgesamt eine sehr gute Teamleistung und anschauliche Performance aller Beteiligten mit hohem künstlerischem Anspruch wie politischer Aussagekraft.


Stefan Bock - 30. Juni 2015
ID 00000008736

Weitere Infos siehe auch: http://www.gefaengnistheater.de


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