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Freie Szene

Im Schmürz-Sog



Die Reichsgründer oder das Schmürz durch das Ensemble Aimée Rose | Foto (C) Markus Schüller

Bewertung:    



"Eine Familie ist ständig auf der Flucht vor einem unheimlichen Geräusch. Sie zieht von Stockwerk zu Stockwerk und landet schließlich in einer elenden Dachkammer. Immer mit dabei ist auch das Schmürz, ein von Kopf bis Fuß bandagiertes, von allen getretenes und geschlagenes menschenähnliches Wesen. Die Familie verliert nach und nach ihren ganzen Besitz und löst sich auf. Das Dienstmädchen läuft weg, Mutter und Tochter verschwinden, der Vater stürzt sich aus dem Dachfenster.
Am Ende bricht das Schmürz, die geschundene Kreatur, lautlos zusammen."


(Quelle: hsverlag.com)


Das [s.o.] ist der ungefähre Plot von Die Reichsgründer oder das Schmürz des französischen Autors Boris Vian (1920-1959), und er scheint autobiografischen Ursprungs, irgendwie, zu sein:

Das nicht mal 40 Jahre alt gewordene und im Pariser Villenvorort Ville-d'Avray als Sohn eines wohlhabenden Bronzefabrikanten und Goldhändlers geborene Multitalent - und als das väterliche Geschäft plötzlich pleite ging, waren Vian's gezwungen, ihre Villa (wo, ganz nebenbei bemerkt, die Eltern des späteren Geigenstars Yehudi Menuhin eingezogen waren) zu vermieten und in das benachbarte Gärtnerhaus des Anwesens umzuziehen - probierte in seinem kurzen künstlerischen Leben sowohl das Jazztrompeten, das Chansonsingen, das Theaterschauspielern, das Texteübersetzen als auch das Verfassen von Gedichten, Romanen und Stücken. Seine dem Absurden Theater nicht unverwandschaftlichen Werke muss man heutzutage hie und da er-suchen; in unserer mit realpolitischen Absurditäten (Trump und Kim ud Co.) durchwalkten Welt ist das dann auch kein Wunder - die Realsatire, um es freundlicher als freundlich ausdrücken, lebt und braucht daher, nicht unbedingt, das künstlerische Abziehbild.

Was aber war es dann, was das in Frankfurt ansässige Ensemble AIMÉE ROSE dazu veranlasste, sein nicht nur personell (7 SchauspielerInnen in einem Off-Theater müssen erst einmal gefunden [und bezahlt!] sein; a la boneur) sehr anspruchsvolles Unterfangen zu stemmen?

Um es ehrlich zu sagen: Ich hatte "es", dieses Motiv, nach den weit über zwei Stunden Aufführungsdauer, also ganz für mich persönlich, nicht herausgefunden. Trotzdem konnte ich mich dem indeenreichen Faszinosum, das die Regisseurin Anne Hasselberg und ihre Ausstatter Jana Radomski, Thomas Krauthahn sowie Ronald Sandvoss (Projektion) ihrem Wunschprojekt so angedeihen ließen, nicht entziehen. Es sollte dem Vernehmen nach dann auch "ein Statement gegen das weltweite Erwachen eines neuen Führertums von Populismus & gnadenloser Intoleranz", wie sie es annotierten, sein.

*

Zwei nebenläufige Ebenen gab es: das Stück an sich sowie "Begleitzitate" aus Gedichten und/oder Schriften von Boris Vian.

Nicht immer funktionierte dieser ambitionierte Gleichschritt - und als durchaus platt, um nicht zu sagen plakativ, empfand sich beispielsweise dieser etikettaffine Nachbarsauftritt (Boris Alexander), der sich die selbstklebenden AfD- und/oder NPD-Logos auf seinen T-Shirt packte und Xavier, den Einwanderer/Flüchtling/Immigranten (Alexandre Rudel), auf dem Sklavenmarkt meistbietend wegverhökerte oder bloß mit dem braunen Ledergürtel gerbte; das war wohl was winkmitzaunspfahlmäßig trotz der gut gemeinten Botschaft, die dahinter stecken sollte.

Kapiert hatte ich grade mal (also vom "reinen" Stück her), dass der Vater (Samir Djikic) ein Verhältnis mit Cruche (Birgit Thysder), seiner Ex-Haushälterin, gehabt haben musste und noch immer hat, und dass wahrscheinlich Zénobie (Anna-Lena Kolata) aus dem Cruche-Leib schlüpfte und sodurch Zénobie's Mutter (Julia Corlija) eine vermeintliche letztendlich war, oder doch wieder anders? Keine Ahnung, ob ich's richtig schnallte.

Jedenfalls, zum Schluss lagen sich dann der leidgeprüfte Vater - vom Erscheinungsbild her eher Sohn- als Vatertyp - und dieses ominöse Schmürz (beeindruckend verkörpert durch den goldbestäubten, helläugigen Eric Lenke!) zärtlich und voll Liebessehnsucht in den Armen: anrührendste und auch schönste Szene dieses Abends!!




Samir Djikic und Eric Lenke in Die Reichsgründer oder das Schmürz durch das Ensemble Aimée Rose | Foto (C) Markus Schüller
* *

Doch, ein sehr bemerkenswertes Gastspiel im ACUDtheater in der Veteranenstraße von Berlin.


Andre Sokolowski - 28. April 2018
ID 10674
DIE REICHSGRÜNDER ODER DAS SCHMÜRZ (ACUDtheater, 27.04.2018)
Regie/Konzeption: Anne Hasselberg
Assistenz: Mathilde Eang
Bühne, Licht und grafische Gestaltung ... Jana Radomski und Thomas Krauthahn
Projektion ... Ronald Sandvoss
Besetzung:
Vater ... Samir Djikic
Das Schmürz ... Eric Lenke
Mutter ... Julia Corlija
Nachbar ... Boris Alexander
Cruche ... Birgit Thys
Zénobie ... Anna-Lena Kolata
Xavier ... Alexandre Rudel
Premiere in der Kulturhalle Protagon, Frankfurt am Main: 8. September 2017
Weiterer Berlin-Termin: 28.04.2018


Weitere Infos siehe auch: https://www.ensemble-aimee-rose.de


http://www.andre-sokolowski.de

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