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DVD-Besprechung

Recherche der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste im Rahmen des Projekts „Schwindel der Wirklichkeit“



Bewertung:    



Der Schauspieler Ulrich Matthes ist viel unterwegs. Wer oft in Berlin ins Theater geht, wird ihm immer wieder begegnen. Und zwar nicht nur, wenn er selbst auf der Bühne steht. Sei es im Deutschen Theater, zu dessen Ensemble er gehört, beim Theatertreffen oder anderen Gastspielen - es gibt kaum einen Schauspieler, der sich mehr für die Arbeit seiner Kollegen interessiert. Und darum verwundert es nicht, dass gerade Ulrich Matthes die Idee zu diesem - jetzt als DVD vorliegendem - Projekt hatte. 10 Schauspielerinnen und Schauspieler im Gespräch mit 10 Menschen vom Theaterfach. Regisseure, Intendanten, Dramaturgen oder Kritiker, die sie über die verschiedenen Spielweisen, die Art ihrer täglichen Verwandlung befragen.

*

Was heißt das: Schauspielen? Was treibt einen auf die Bühne? Und welcher Preis ist zu bezahlen? Diese und andere Fragen, die Ulrich Matthes umtreiben, sind Grundlage für 10 sehr interessante, ganz unterschiedliche Gespräche, die aber immer wieder an diesen existentiellen Eckpunkten des Schauspielerseins ankommen. Matthes beklagt im Aufmacher zum Booklet der Doppel-DVD vielleicht auch zurecht, dass über die künstlerischen Möglichkeiten des Spielens im Theater, und vor allem auf den Proben, selten gesprochen wird. Neben Matthes selbst geben hier also 9 weitere herausragende Kollegen mehr oder weniger bereitwillig Auskunft über ihre Sichtweise auf und Ansprüche an den Beruf.

Natürlich sind das alles Spitzenkräfte, erfolgreich auf der Bühne, wie zumeist auch im Film. Matthes ist da selbst bestes Beispiel. Sie sind durchgesetzt in der Hierarchie der Theater, Agenturen und Fernsehsender. Man gehört zum Club, wie es etwas despektierlich der Volksbühnen- und Pollesch-Mime Fabian Hinrichs im Gespräch mit dem Film- und Theaterkritiker der Wochenzeitung Freitag, Matthias Dell, feststellt. Hinrichs ist es dann auch, der sich mit seiner Kritik am System Theater und Fernsehen am weitesten hinauslehnt. Diese Freiheit, nicht mehr in etwas hineingepresst zu werden, was man nicht ist, hat er sich redlich erspielt. Einst in den 1990er Jahren nach ein paar vorlauten Worten aus dem Volksbühnenengagement entlassen, kann er es sich mittlerweile aussuchen, mit wem er arbeiten will. Eine neue Zusammenarbeit mit René Pollesch scheint schon im Gespräch zu sein.

Neben aller Kritik bricht Hinrichs natürlich vor allem eine Lanze für den Schauspieler als Künstler und verteidigt den Beruf gegen die Selbstdarsteller mit narzisstischen Störungen. Das Abschaffen der Hierarchien und eine bessere Bezahlung der Schauspieler würden dagegen den Eintritt von Leuten mit Geschmack und Gehirn in den Beruf befördern. Man muss diese etwas harschen und relativierenden Sätze Hinrichs zum Mythos des Schauspielberufs der Vorstellung dieser DVD unbedingt voranstellen, obwohl sie in der Edition erst etwa später fallen. Ist doch der Einblick, den dieses Projekt in die Welt der Schauspieler vermittelt, zum Teil auch eine fast schon elitäre Sicht der Dinge, von ganz weit oben drauf. Dass sich die befragten Schauspielerinnen und Schauspieler dessen aber durchweg bewusst sind, adelt sie dann auch umso mehr.

Dass Schauspieler ein Problem mit der Scham haben, hätte man diesbezüglich dann aber eher nicht vermutet. Selbst für den Rampenberserker und großen Holzschlachter Sepp Bierbichler ist der Beruf ein ewiger Kampf gegen die Scham. Was für ihn nicht etwa Probleme mit Lampenfieber bedeutet, sondern tatsächlich das sich täglich Herzeigen-Müssen. Er hat das früher mit zwei Glas Bier oder Schnaps bekämpft.

Bierbichlers Gesprächspartner ist der Film- und Theaterregisseur Andres Veiel, der 2004 mit dem Dokumentarfilm Die Spielwütigen vier Schauspielstudenten auf ihrem Werdegang folgte, von denen heute sicher auch alle gut hier sitzen könnten. Nun ist Veiel selbst beim Theater angekommen. Auf dem umgekehrten Weg ist Bierbichler. Er hat nicht mehr die nötige Gier auf die Bühne zu gehen und macht nur noch eigene Sachen, wie eine geplante Verfilmung seines Romans, oder Abende mit Gesang, wie in Thomas Ostermeiers Inszenierung der Thomas-Mann-Novelle Der Tod in Venedig an der Berliner Schaubühne.

Eine Grande Dame des deutschen Theaters ist mit Sicherheit Edith Clever. Sie hat Theatergeschichte mitgeschrieben und unter Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Stein eine Ära mitgeprägt, deren Bühnenästhetik und Schauspielführung in der Fortführung durch Claus Peymann oder Luc Bondy heute oft nur noch als museal bezeichnet wird. Bis auf wenige Ausflüge ins Filmfach wie den Verfilmungen der alten Schaubühne unter Stein selbst oder den streng ästhetischen Kunstfilmen des Regisseurs Hans-Jürgen Syberberg ist die Clever dem Theater immer treu geblieben. Im Spiel ist ihr wichtig, etwas ahnen zu lassen, von noch etwas anderem, was über das Wirkliche weit hinausgeht. Im Gespräch mit der Vizepräsidentin der Akademie der Künste und ehemaligen Intendantin des Berliner Hebbel-Theaters Nele Hertling berichtet Edith Clever sehr freimütig über ihren Werdegang. Ein reicher Erfahrungsschatz, der eine große Bereicherung für dieses Projekt darstellt.

Was die Clever und andere in den 1970er an der Schaubühne vorgelebt haben, davon können sicher auch junge Schauspielerinnen von heute profitieren. Die Freiheit im Team arbeiten zu können, ohne den entwürdigenden Besetzungszettel, ist für die meisten an den etablierten deutschen Stadttheatern engagierten Schauspieler, die übliche Art zu arbeiten. Unterschiede gibt es da höchstens in der Arbeitsweise mit dem Regisseur. Von René Pollesch schwärmt da nicht nur Fabian Hinrichs, auch Sandra Hüller von den Münchner Kammerspielen ist fasziniert von der unkonventionellen Art Stücke gemeinsam zu entwickeln, wohingegen sich Kollegin Wiebke Puls auch gern mal auf die Ansagen des Regisseurs verlässt. Sandra Hüller fände es schön, wenn es da kein Korsett mehr gäbe. Sie möchte sich nicht mehr für die Bühne adrenalinmäßig emotional aufbrezeln müssen.

Vom Temperament her völlig konträr sind sicher die Schauspielerin Maren Eggert vom Deutschen Theater Berlin und der sich selbst als Zappelphilipp bezeichnende Joachim Meyerhoff, seit der letzten Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Während Maren Eggert sehr reduziert spielt und eine große innere Ruhe und Ernsthaftigkeit ausstrahlt, kann Joachim Meyerhoff nichts peinlich genug sein. Er mag es, das Peinlichsein auf der Bühne ausreizen zu dürfen. Der Zeit-Kritiker Peter Kümmel muss nicht allzu tief bohren, Meyerhoff ist selbst im Interview immer auch ein begnadeter Entertainer. Seine erfolgreichen Soloabende mit autobiografischen Texten am Rande der Fiktion sind sicher das, was man im besten Falle von Theater erwarten kann. Die Öffnung einer anderen Wahrhaftigkeit im Spiel mit der Sprache. Für den „Dompteur der Moments“ sei es das Größte, wenn sich im Spiel mit dem Zuschauer die Zeit öffnet und die Wahrheit dreidimensional wird. Dann könne man sie sich von allen Seiten ansehen. Ein schöner Gedanke.

Der Frage nach der Wahrheit und Authentizität im Theater kann heute kaum noch ein Schauspieler ausweichen. Eine Ausstellung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, in die das Projekt eingebettet ist, befasst sich dann auch mit Schwindel und Wirklichkeit. Die Bühne als in sich geschlossener, heiliger Kunstraum, der eine andere Wirklichkeit darstellt, wie es Maren Eggert für sich beschreibt, hat in der Hinsicht vermutlich auf Dauer ausgedient. Die Verabredung, dass oben auf der Bühne Wirklichkeit reproduziert und unten im Parkett emotional verarbeitet wird, funktioniert nur noch für die Wenigsten. Da ist Ulrich Matthes noch ganz der Idealist unter den Schauspielern. Er will rein in die Köpfe und Herzen der Zuschauer. Im Gespräch mit dem Theaterkritiker und Publizist Hans-Dieter Schütt (bildungsbürgerliche Intellektuelle zweier Systeme unter sich) verteidigt er seinen „Realismus des Spiels“ als Credo des pädagogischen Eros. Der Kampf des Menschen durch mehr Empathie gegen die Einsamkeit.

Etwas künstlerisch abgehobener geht Jens Harzer vom Thalia Theater Hamburg die Sache an. Für ihn hält die Wirklichkeit dem Theater nicht stand. Man spiele die Infragestellung der Wirklichkeit. Er nennt das auch ein "Welt-halten-Müssen gegen die Welt". Harzers Figuren kommen eher aus dem Schweigen als aus dem Reden. Für ihn ist alles immer nur eine Annäherung an das, was man sagen will. Für Joachim Meyerhoff ist schon die physische Anwesenheit des Körpers allein eine Art der Authentizität. Die herkömmliche Vorstellung vom eifrigen Schauspieler und dem gebildeten, interessierten Zuschauer gebe es so nicht mehr. Das Verhältnis des Produzenten zum Konsumenten habe sich sogar verschoben. Meyerhoff geht sogar so weit, zu behaupten, der Schauspieler auf der Bühne konsumiere Aufmerksamkeit und unten sitze der Produzent und produziere Bildung.

Die komplette Auflösung der vierten Wand wird seit Jahren von den Performern betrieben, die hier durch die aus der bildenden Kunst kommende Signa Köstler vertreten sind. In den Stücken des dänischen Performancekollektivs Signa wird der Zuschauer zum Mitspieler und muss auf das, was er sieht, reagieren, wie auch umgekehrt die Performer. Letztendlich ist auch das eine Art Verabredung, aber eine, an der alle aktiv teilhaben können. Ein intensives Erlebnis für beide Seiten. Zwar gäbe es festgelegt Charaktere, aus denen die Performer nicht austeigen, Fiktion und Wirklichkeit verschwömmen aber oft. Beim Versuch die Fiktion zu brechen, entstehe eine Art Verunsicherung des Zuschauers, wer nun aus der Figur spreche, berichtet Signa Köstler, und da entwickele sich dann ein Dazwischen. Eine künstliche Welt, die behauptet echt zu sein, und damit dem herkömmlichen Stadttheater auch wieder sehr ähnlich ist.

Einer der schon immer die verschiedensten Kunstformen am Theater zusammengebracht hat, ist der ehemalige Intendant des Berliner HAU, Michael Lilienthal. Im sehr lockeren Gespräch auf der Bühne der Münchner Kammerspiele mit der Schauspielerin Wiebke Puls erzählt auch der Theatermacher von seiner Arbeit. Lilienthal wird 2015 die Kammerspiele übernehmen und scheint in Wiebke Puls, die schon durch die Schule von Regisseuren wie Jürgen Gosch und Andreas Kriegenburg gegangen ist und an biografischen Theaterprojekten von Michael Laub mitgearbeitet hat, eine erste interessierte Mitstreiterin gefunden zu haben. Die Ein-zu-Eins-Begegnung mit dem Zuschauer ist auch ein Wagnis, das sie gerne eingehen würde. Der intensive und beglückende Beruf des Schauspielers, wie ihn Initiator Matthes beschreibt, wird jedenfalls so schnell nicht aussterben.


Stefan Bock - 29. September 2014
ID 8132
Spielweisen. Gespräche mit Schauspielern
2 DVDs
Booklet ca. 70 Seiten, deutsch/englisch
EUR 22.00
Akademie der Künste, 2014
ISBN 978-3-88331-205-7


Weitere Infos siehe auch: http://www.adk.de/de/akademie/sektionen/darstellende-kunst/themen.htm


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




 
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