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Feuilleton


12. Januar 2013, Premiere in der Schaubühne am Lehniner Platz

DER TOD IN VENEDIG / KINDERTOTENLIEDER

nach Thomas Mann / Gustav Mahler

Eine Fassung von Maja Zade und Thomas Ostermeier

Josef Bierbichler als Gustav von Aschenbach in Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Arno Declair


Bierbichler sang Mahlerlieder

"Den Großschriftsteller Gustav von Aschenbach treibt das Fernweh. In Venedig hofft er, seiner selbstauferlegten Arbeitsdisziplin zu entkommen. Als ihm im Grand Hotel am Lido der vierzehnjährige Tadzio begegnet, überfällt Aschenbach ein bisher ungekannter 'Einbruch der Leidenschaft'. In dem schönen Spross einer polnischen Adelsfamilie glaubt er die Verkörperung seines künstlerischen Ideals gefunden zu haben. Bald jedoch verwandelt sich die Sehnsucht des alternden Künstlers nach jugendlicher Schönheit in eine wilde, todbringende Obsession.

Thomas Ostermeiers Inszenierung ist eine Versuchsanordnung: Ein Erzähler, ein Pianist, ein Videokünstler und eine Gruppe von Schauspielern und Tänzern versuchen, sich gemeinsam den Themen der Novelle von Thomas Mann, der erotischen Passion, der Körperlichkeit und Vergänglichkeit, zu nähern. Das innere Drama des alternden Mannes findet seine musikalische Entsprechung in Josef Bierbichlers Interpretation der
Kindertotenlieder von Gustav Mahler – Thomas Manns Vorbild für die Figur Gustav von Aschenbachs." (Quelle: Schaubühne Berlin)


*


Das Unergiebigste am Schauspiel sind so installierte "Mischformen", die neuerdings und immer öfter (nicht nur am Lehniner Platz) zu konstatieren sind; gesprochenes Theater wird in einem selten so vorher gekannten Übermaß mit Film, Tanz oder/und Musik serviert und angereichert - das macht freilich Laune und Genuss, außer "bloß" Schauspielern dann auch noch ProfitänzerInnen oder/und professionellen Musikern bei ihrer Arbeit zuzusehen/zuzuhören sowie Videos vorgeführt zu kriegen.

[In dem aktuellen Fall waren von Thomas Ostermeier, dem ideenreichen Intendantenregisseur der Schaubühne Berlin, der Videokünstler Benjamin Krieg, der Choreograf Mikel Aristegui sowie die Tänzerinnen Martina Borroni, Marcela Giesche, Rosabel Huguet und Komponist/Pianist Timo Kreuser engagiert gewesen.]

Immer mehr stellt sich in dem Zusammenhang die Frage, ob das nun als werkbeflügelnder Hinzugewinn oder doch lediglich als kalkuliertes Ab- und Zudeckungsmanöver der Verantwortlichen, die sich so was ausdenken, für deren kreatives Nachlassen oder gar künstlerisches Unvermögen schlechterdings durch uns (die Rezipienten) nicht viel lieber umgedeutet werden sollte... Sowieso ist dieser merkwürdige Hang von Schauspielregisseuren, deutsche sowie Weltliteratur partout dann auf die "Bretter, die die Welt bedeuten", zu verfrachten, auffällig geworden - irgendwie Symptome eines unerklärlich-anhaltenden Virus; und als ob es nicht genug Original-Theaterstücke geben würde, die nach einer Inszenierung schrien!

Jetzt gabs also Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig:

Die berückendsten und stärksten (filmischen) Momente dieser etwas über eine Stunde dauernden szenischen Abkürzung des umfangreichen Prosatextes - jedes Mal, wenn ich die Mann-Erzählung las, benötigte ich einen ganzen Tag bzw. eine ganze Nacht hierfür - waren die Großleinwandgesichter Josef Bierbichlers (als Aschenbach) und Maximilian Ostermanns (als Tadzio). Und gemeint war jene Schlüsselszene in dem Restaurant des Venezianischen Hotels, wo jene allererste Mensch-zu-Mensch-Begegnung stattgefunden hatte; Aschenbach sah Tadzio und verfiel ihm hoffnungslos...

Wir hörten - zur Verdeutlichung der Grundfabel - paar Mann'sche O-Zitate, die Kay Bartholomäus Schulze (als Erzähler) in ein Mikrofon mit überkultiviert sonorem Sound einhauchte. Überflüssigerweise musste er dann auch noch als vom Regisseur gewollte Spielunterbrechung langweilige Platon-Stellen hersagen, wo es um den vom Schriftsteller (Mann = Aschenbach) thematisierten Kunst-und-Leben-Gegensatz zu gehen hatte; wir Zuhörende/Zuschauende kamen uns da plötzlich wie in einem Volkshochschulkurs vor.

Sabine Hollweck ging als Tadzio-besorgte Gouvernante mal von rechts nach links und mal von links nach rechts über die Bühne; zudem führte sie das Tisch- und Essgeschehen, insbesondere wenn dann die Tadzio-Schwestern (s. die drei Tänzerinnen) mit beisammensaßen, dominierend an.

Felix Römer spielte den Hotelkellner, Bernardo Arias Porras einen Gitarristen.

Unversehens-unverzüglich kam dann auch der für den Regisseur scheinbar ganz unverzichtliche Schminkaugenblick; Bierbichler griff zum Lippen- und zum Augenbrauenstift und tat sich als sein eigner Todesengel quasi umverwandeln... und ging ab.

Danach viel grelles Licht, viel lautstarke Musik, viel scheinbar angekohlte und herabrieselnde (Zeitungs-)Blätter, viel Bewegung von den Tadzio-Schwestern/Tänzerinnen...

Und als alles schon vorbei schien, sang der Bierbichler, der schon den ganzen Abend über hin und wieder vor sich Mahler hingesungen hatte, zusätzlich noch eines von den Liedern eines fahrenden Gesellen [übrigens: von den per "Stücktitel" großspurig angekündigten Kindertotenliedern hörten wir dann grad mal eins von fünf, und zwar ziemlich am Anfang]. Das war übrigens, aus rein akustischen Erwägungen heraus, der zweite eigentliche Höhepunkt dieser doch mehr als Pleite zu bezeichnenden literarisch-musikalischen Veranstaltung.

Lauer Beifall und ein zartes Buh.




Schlusstanzszene aus Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Arno Declair


Andre Sokolowski - 12. Januar 2013
ID 00000006479
DER TOD IN VENEDIG / KINDERTOTENLIEDER (Schaubühne am Lehniner Platz, 12.01.2013)
Regie: Thomas Ostermeier
Choreographie: Mikel Aristegui
Komposition: Timo Kreuser
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Bernd Skodzig
Video: Benjamin Krieg
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Klangregie: Daniel Plewe / Wilm Thoben
Besetzung:
Gustav von Aschenbach ... Josef Bierbichler
Tadzio ... Maximilian Ostermann
Tadzios Schwestern ... Martina Borroni, Marcela Giesche und Rosabel Huguet
Gouvernante ... Sabine Hollweck
Kellner ... Felix Römer
Hotelpage, Tänzer ... Mikel Aristegui
Gitarrist ... Bernardo Arias Porras
Klavier ... Timo Kreuser
Erzähler ... Kay Bartholomäus Schulze
Premiere in Rennes war am 10. November 2012
Berliner Premiere: 12. Januar 2013
Weitere Termine: 13. - 15. 1. / 23. + 24. 2. 2013
Koproduktion mit dem Théâtre National de Bretagne in Rennes

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


http://www.andre-sokolowski.de



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