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1. Bürgerbühnenfestival

Noch etwas mehr, noch viel viel mehr

Die zweite Hälfte des 1. deutsch-europäischen Bürgerbühnenfestivals in Dresden bot noch viele Höhepunkte und weitete den Begriff der Bürgerbühne noch einmal deutlich aus



Tod.Sünde.7 vom Jungen DT Berlin, Regie: Wojtek Klemm - gesehen am 22. Mai 2014:

Eine Stückentwicklung, so faszinierend und rätselhaft wie ein Tocotronic-Song. Sechzehn Jugendliche aus Berlin zeigen ihren Blick auf die Welt, zwischen Gewaltphantasien und der Sehnsucht nach Geborgenheit ist alles dabei, Sex und Süßigkeiten nicht zu vergessen. Collagen aus eigenen Texten werden verspielt, vertanzt, versungen, mal in Punk-Attitüde, mal als anscheinend liebreizender Mädchenchor, dessen gräulicher Text einen dann allerdings schnell wieder in die harte Realität der „Jugend von heute“ holt.

Es ist eine unheile Welt, die hier gezeigt wird. Die Bühne (Mascha Mazur) erinnert an einen der betonverbauten öffentlichen Plätze, die es nicht nur in Berlin an vielen Ecken gibt, doch nur ein einzelnes Sprayer-Kunstwerk prangt an den Wänden, die Konzentration ruht ungeteilt auf dem Bühnengeschehen. Und da wird einiges geboten, insbesondere die Tanzszenen der jungen Laiendarsteller (Choreografie: Efrat Stempler) sind beeindruckend, musikalisch kongenial begleitet an E-Gitarre und Mac von Micha Kaplan.

Am packendsten ist die Inszenierung, wenn sie persönlich wird, die Leidensbiographie der Sportversagerin wird mit sarkastischem Lachen illustriert, bei der Magersuchtsbeichte bleibt der Kloß im Halse lange stecken. Aber auch die eher alltäglichen Miniaturen von der Schlacht bei Primark oder vom Bemühen um das perfekte Selfie im andauernden social Media – Stress sind sehenswert.

Einige Zitate bleiben länger hängen, facebook & Co. helfen, „nicht eine Sekunde mit dir allein sein zu müssen“, (auch) die Jugend von heute will sich nicht vorschreiben lassen, wie sie sich zu ruinieren habe, den Platz in der Gesellschaft findet man wohl nur, wenn man jemand anders wird als man ist. Von einigen bedeutungshubernden überlangen Pausen abgesehen, ist das eine mitreißende und fesselnde Revue, die eindreiviertel Stunden vergehen wie im Fluge.

Die DarstellerInnen agieren allesamt auf hohem Niveau, zeigen eine beachtliche Bühnenpräsenz und sind stimmlich und tänzerisch hervorragend eingestellt. Naturgemäß war das eine völlig andere Art einer jungen Bürgerbühne, als sie vor wenigen Tagen hier vom Mannheimer Nationaltheater mit Nichts gezeigt wurde. Da wurde mit hoher Perfektion „vom Blatt gespielt“, hier fügten sich die Erfahrungen und Haltungen der Darsteller zu einem aufregenden Stück, das wirklich mit ihnen selbst zu tun hatte. Mir selbst ist diese Form deutlich näher, und auch das wiederum sehr junge Publikum im Kleinen Haus feierte die Aufführung lang und euphorisch.


Bewertung:    




Requiemaszyna beim Bürgerbühnenfestival in Dresden - Foto (C) Marta Ankiersztejn



Requiemaszyna vom Theaterinstitut Warschau, entwickelt und einstudiert von Marta Górnicka - gesehen am 21. Mai 2014:

Ein Bürgerensemble betritt im Dauerlauf den Saal, in einer langen Reihe, zwei Dutzend Männer und Frauen aus Warschau, die Bühne füllt sich. Kurze Stille, dann hebt der Chor an, mit Urgewalt, doch präzise moduliert und nuanciert dank des Dirigats von Marta Górnicka, die mitten im Publikum steht. Allein ihr zuzuschauen, wäre schon ein Vergnügen, wie sie mit raumgreifenden Gesten nicht nur die Stimmen, sondern auch die Bewegungen des Chors steuert.
Texte von Wladislaw Broniewski aus den dreißiger Jahren werden mit Sprachfetzen aus dem Alltag, Abzählreimen, Kampfliedern und Werbesprüchen vermischt, dabei immer wieder in Wiederholungen gepresst, die Lautstärke variiert ebenso wie die Zusammensetzung der Gruppen, die die Zeilen sprechen. Kernthema des „ekstatischen Requiems für ein System …, in dem die Freiheit zu einer Technik der Macht verkommen ist“ (so das Programmheft) ist die Arbeit, vor allem in den häufigsten Darreichungsformen „viel zu viel“ und „gar keine“, und was sie dadurch aus den Menschen macht. Dazu werden die stimmlichen Mittel des Ensembles ausgereizt, es wird gesungen, geflüstert, gebrüllt, gewispert, geatmet, im Stakkato gesprochen… Dieser Chor hat einen ganz eigenen Sound. Und eine mitreißende Rhythmik sowieso. Das meist roboterhafte Agieren ist Absicht, der fast maschinellen Sprache von Broniewski angemessen.

Ja, dieses Werk ist schön, es ist eine faszinierende Komposition aus Sprache und Rhythmus, das einen auch ohne Polnischkenntnisse in seinen Bann zieht (die Texte werden auf deutsch übertitelt). Die äußerste Exaktheit der Chorsprache, die sicher auf harter Arbeit beruht (auf polnisch „Praca“, wie oft zu hören ist) ist bewundernswert, die Choreographie der Gruppe bei den Neuformierungen auf der Bühne fällt dagegen etwas ab, auch wenn die Positionswechsel wohl überlegt scheinen. Trotz der relativen Kürze von einer dreiviertel Stunde ist auch die konditionelle Leistung der DarstellerInnen beachtlich, immerhin war es schon die zweite Aufführung an diesem Abend im Societätstheater.

Das Publikum dankt mit sehr langem und sehr lautem Applaus und trampelt fünf Vorhänge herbei. Ein Höhepunkt des Festivals, ganz ohne Zweifel, ein mitreißender Abend, voller Kraft und Poesie.


Bewertung:    




Dear Moldova, can we kiss just a little bit? beim Bürgerbühnenfestival in Dresden | Bildquelle http://www.staatsschauspiel-dresden.de



Dear Moldova, can we kiss just a little bit? vom Teatru Spalatorie Chisinau, Erarbeitung: Nicoleta Esinencu / Regie: Jessica Glause - gesehen am 23. Mai 2014:

Alltag in Moldawien, man sitzt in der Küche und schnippelt den Borschtsch zurecht. Doch berichtet wird dabei von etwas in diesem Land sehr Außergewöhnlichem: Dem offenen Umgang mit der Homosexualität, sei es der eigenen, der des Kindes oder derer der Mutter. In dem kleinen Land zwischen Rumänien und Russland ist das ein Un-Thema, dessen Erwähnung wenn schon nicht Aggressionen, so zumindest Ablehnung oder im besten Falle Totschweigen nach sich zieht. „Schwuchtel“ hat sich als gängiger Begriff etabliert, und wer von der Polizei mit seinem Partner im Auto überrascht wird, kann froh sein, wenn er nur sein Geld abliefern muss, um ungeschoren davonzukommen. Zwar gibt es in Moldawien nicht jene irrwitzigen Gesetze wie in Russland oder in islamischen Staaten, aber die Gesellschaft scheint nahezu geschlossen in ihrer Ablehnung dieser „Anomalie“ und wird von den (orthodoxen) Kirchen darin bestärkt.

In einer solchen Atmosphäre eine dokumentarische Theaterarbeit über und mit Homosexuellen und deren Angehörigen zu fertigen und diese dann auf eine Bühne zu stellen, verlangt nach einer Art von Mut, den man hierzulande wohl kaum mehr aufbringen muss, nicht in der Kunst und nicht anderswo. Nicoleta Esinencu hat das Wagnis auf sich genommen, sie hat aus intensiven Interviews mit Betroffenen, die sie über ein Beratungszentrum zur Homosexualität kennenlernte, einen Text geformt, den Jessica Glause dann inszenierte und im Teatru Spalatorie in Chisinau inzwischen mehr als fünfzehnmal aufführte. In den moldawischen Medien sei das Echo verhalten, so hörte man nachher, wenn das Stück nicht gar skandalisiert wurde, doch die Publikumsreaktionen seien sehr positiv, bei vielen Zuschauern wäre ein Prozess des Umdenkens angestoßen worden, oder sie seien vielleicht auch erstmal nur zu einer vorurteilsfreien Auseinandersetzung mit dem Thema angeregt worden.

Dass dies gelungen ist, mag man gerne glauben, denn das Stück verzichtet auf jegliche vordergründige Plakativität und lässt einfach die Menschen erzählen, von sich und von den anderen. Da steht ein äußerst charmanter älterer Schwuler auf der Bühne und spielt und singt über sein Leben, nebenher kocht er auch noch den Borschtsch. Ein Junge berichtet von seiner Mutter, die sich aus ihrer Ehe löste, um mit ihrer Freundin zusammenzuleben, und was sie dabei zu erleiden hatte und hat. Ein junger Mann (der einzige „richtige“ Schauspieler im Kreis der Laien) spricht von seinem Coming-Out, schwierig für sich und noch mehr für seine Familie. Ein Mädchen schildert ihren verwirrenden Weg bis zur Erkenntnis, dass sie Frauen liebe. Doch am anrührendsten ist für mich das Elternpaar, das die Geschichte seines homosexuellen Sohns und des langen Prozesses bis zum Begreifen, Annehmen und Akzeptieren dieser Wahrheit erzählt und dabei auch wunderbar selbstironisch miteinander spielt.

Es ist ein unglaublich warmherziger, menschlicher Abend, man möchte alle auf der Bühne umarmen für ihren Mut und ihre Leistung, die unabhängig vom Thema unbedingt sehenswert ist. Das wird niemals peinlich oder gleitet in ein Betroffenheitstheater ab, die Botschaften werden unprätentiös und damit umso wirkungsvoller gebracht.

Am Ende versammelt sich die Gruppe zum Essen am Tisch, im Hintergrund läuft das Video einer traditionellen moldawischen Hochzeitszeremonie, die Protagonisten sind Männer. Doch bis dahin dürfte es noch ein weiter Weg sein, bislang ist Küssen verboten für gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit. Aber der Weg besteht aus vielen Schritten, und einen großen davon geht dieses Stück.

Es bleibt zu hoffen, dass es auch in Moldawien weiter die Resonanz findet, die es verdient, und damit zu einem Wandel des gesellschaftlichen Klimas beiträgt. Was kann Theater Besseres leisten?

In Dresden – wie auch beim Theaterfestival „radikal jung“ unlängst in München – schlug den Macherinnen und Darstellern eine Woge der Sympathie entgegen, die auch beim anschließenden Publikumsgespräch nicht abebbte. Auch dies war ein großartiger Beitrag zum Bürgerbühnenfestival, und – neben den „letzten Zeugen“ – der gesellschaftlich relevanteste allemal.


Bewertung:    



* * *


Wegen einer Unpässlichkeit des Berichterstatters am letzten Tag des Festivals kann von den dort gezeigten niederländischen Produktionen nur vom Hörensagen berichtet werden: Woe von Edit Kaldor aus Amsterdam, eine Produktion mit Teenagern für Erwachsene, leuchtete ganz spezielle Kindheitserfahrungen von Misshandlung und Vernachlässigung aus. Moeders vom Ro Theater Rotterdam in der Regie von Alize Zandwijk brachte hingegen zehn Mütter verschiedenster Ethnien auf die Bühne bzw. mitten ins Publikum, die während eines gemeinsamen Kochens über ihre persönliche und die universelle Mutterschaft berichteten. Es muss ein Fest für alle Sinne gewesen sein, hab ich mir sagen lassen.

*

Den feierlichen Abschluss des 1. Bürgerbühnenfestivals bildete die Verleihung eines vom Förderverein des Staatsschauspiels Dresden gestifteten Publikumspreises. Nun kann man über den Sinn eines singulären Preises (die Breite des Festivals hätte da eher nach mehreren Kategorien verlangt) sowie über den Modus zur Ermittlung des Siegers (nach Ende jedes Stücks konnten die Zuschauer bei Gefallen einen zuvor ausgehändigten Wahlzettel in bereitgestellte Boxen werfen) trefflich streiten, aber zumindest ging es bei der Wahl halbwegs demokratisch zu. Zum Glück für die Gastgeber wurde der lange in Führung liegende Arme Tor der hiesigen Bürgerbühne am vorletzten Tag noch von Dear Moldova, can we kiss just a little bit? vom Teatru Spalatorie aus Chisinau [s.o.] knapp abgefangen, so traf es einen der mindestens sechs Gast-Beiträge, die das auch verdient hatten, und man musste sich nicht selber ehren.

Im März 2015 steht schon das nächste Bürgerbühnenfestival an, diesmal in Mannheim und wieder von der Bundeskulturstiftung maßgeblich unterstützt. Man darf gespannt sein.


Sandro Zimmermann - 26. Mai 2014
ID 7857
Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/


Post an Sandro Zimmermann

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BÜRGERBÜHNENFESTIVAL





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