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Besprechung

KÖNIG LEAR - DAS VERLORENE SELBST

Ein Theaterstück, gespielt von Laien, zum Thema Demenz


Bewertung:    



Sechs Stühle, sechs Äpfel, eine Flasche Wasser daneben - das ist zunächst alles, was ich sehe. Es hat etwas von gewollter Probensituation, ist einfach gehalten.

Denn viel wichtiger ist: Sechs ältere Menschen - drei Frauen und drei Männer - betreten die Bühne und setzen sich. Ein junger Mann nimmt vorne links an einem kleinen Tisch Platz - Regisseur Ron Zimmering. Der Altersunterschied ist frappierend.

Man weiß, es geht um Demenz, eine Krankheit, ein Problem, über das man nicht gerne spricht.

Der Titel des Stückes König Lear - das verlorene Selbst. Die Figur Shakespeares wird heutzutage von einzelnen Interpreten als eine frühe (um 1600), westliche Darstellung der Demenz im Alter gedeutet. Sind es die anderen, die verrückt spielen, oder ist es der alte König selbst, der seine Urteilskraft verloren hat? Es kommen Sätze wie „Ich fürchte, ich bin nicht bei vollem Verstand.“ oder „Ich weiß nicht, wo ich letzte Nacht gewohnt habe.“ Die Laienschauspieler sprechen erstaunlich lange Zitate, das Erinnerungsvermögen ist noch intakt, die Sprache, die Zitate Shakespeares, ihr Gedächtnis zitiert monoton aber ohne Lücken. Noch scheint alles in Ordnung zu sein, jedoch statistisch wird einer von den Sechs an Altersdemenz erkranken, und das wird über ein Los entschieden.

Später erfahre ich von der 85jährigen Frau neben mir, es kann wirklich jeden treffen, sie habe das Stück schon drei Mal gesehen, es ist jedes Mal anders.

Links von mir sitzt ein elegant gekleideter älterer Herr, 86 Jahre alt, seit zwei Jahren Witwer. Er trägt zu seinem den Ehering der vor zwei Jahren verstorbenen Frau. Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein, du bist es auch, wenn du Leute um dich hast.

Die Alten auf der Bühne heben ihre Namensschilder, noch haben sie ihre Identität, sie zerschneiden diese und formen eine Krone, setzen sie auf. Sie nennen ihr Alter, 63 bis 86, und der Zuschauer erkennt, die Geschichte hat schon längst angefangen, jede und jeder hat seine eigene. Fängt im Alter dann das Vergessen an, ein Verdrängen vielleicht? Wir haben Angst vor dem Älterwerden. Wie König Lear ist man im Alter oft einsam, findet sich in der Realität nicht mehr zurecht; Lear sagt, er würde sich nun zum Friedhof schleppen. Die Macht, die ihm einst gehörte, möchte er an eine seiner Töchter weitergeben.

Im Hintergrund ist eine Tafel, einer schreibt den ersten Satz: „Wer liebt mich am meisten?“

Die Töchter bemühen sich, ihre Liebesbeweise zu bekunden, doch die dritte mag nicht, sie ist unglücklich, sie liebt ihn, weil sie muss, nicht mehr und nicht weniger, sie ist ehrlich und direkt.

Der junge Mann am Tisch fängt an aus den Aufzeichnungen seiner Großmutter zu lesen, geschrieben auf Rückseiten eines Kalenders. Sie schrieb: „Es gab eine Krankheit, wo sich die Ärzte keinen Rat wussten.“ „Ich habe Demenz, muss mir einiges notieren.“ Würde man so etwas zugeben, man würde sich lächerlich machen. So sagt sie: „Ich lasse alle ihren Willen.“ und „Ich winkte zurück für alle Fälle, obwohl ich den Mann wirklich nicht kannte.“ Sie schieb auch, dass sie nicht mehr nach Hause findet, irgendwann habe es angefangen, da hat sie ihren Hausschlüssel verlegt, auch schon den Nachrichtensprecher im Fernsehen heiraten wollen. Dann wieder die Frage an ihn: „Wer sind Sie denn?“

Wissen wir, wer wir sind?

Jemand schreibt den 2. Satz an die Tafel: „Was halte ich fest?“

Der 3. Satz lautet: „Wo sitzt das ICH?“

Nun schreiben alle an die Tafel, nein, sie malen, ihre eigene Vorstellung, wie das ICH aussehen könnte, Kreise, komplizierte Formeln, einen Baum, das Herz, Körper. Bei einem ist der Körper ein altes Auto, Schrott, mit vielen Ersatzteilen. Aber da ist auch Stolz, denn das alte Auto hat ihn immer dorthin gebracht, wohin er auch wollte. Hat man das ICH vielleicht schon mitgebracht? Bei anderen ist das ICH verschüttet, durch Erziehung verdeckt. Das ICH konnte sich wegen der vielen Erwartungen gar nicht richtig entwickeln. Und Gefühle durfte man nicht haben. Kann man da überhaupt erinnern? Und wenn es ein ICH gibt, muss es auch ein DU geben, das es zu respektieren und zu akzeptieren gilt. Der Zuschauer erfährt persönliche Lebensgeschichte.

4. „Wen wird es treffen?“ Der wird nach seinen Bedürfnissen gefragt werden, bevor er sich nicht mehr erinnern kann.

5. „Wer pflegt mich?“ Der das Los gezogen hat, lässt sich auf dem Stuhl herumtragen, kommandiert die anderen. Wenn Greise Kinder werden!

6. „Wohin gehe ich?“

7. „Was möchte ich nicht vergessen?“ - Mein Fahrrad immer abzuschließen! Den ersten Marathonlauf am 26. April 1987 oder der sechseinhalb Meter hohe Weihnachtsbaum. Es kommt immer mehr dazu, und alle können es aufsagen. Ich als Zuschauer aber höre Fakten.

8. „Testament“ „Ich beabsichtige nicht, mich zu vergiften, aufhängen wäre besser“, „Ich will anderen nicht zur Last fallen.Wenn ich also einmal beschließe, aus dem Leben zu scheiden, möge man mich lassen.“

9. „Der Wahnsinn.“ Einer zieht sich plötzlich aus, die Windmaschine wird angeschmissen, Seifenblasen ziehen über die Bühne. Sie lassen die Sau raus. Wo war ich, und wo bin ich, ich bin ein alter Narr. Ja, wir sind zum Narren geworden, müssen uns selbst den Spiegel vorhalten.

„Ich fürcht', ich bin nicht richtig beieinander. Lachen sie nicht über mich.“

10. „Wie lasse ich los?“ Die Großmutter schrieb: „Meine Lieben, es geht zu Ende. Es hat keinen Sinn, das Leben auszudehnen.“ Die Oma war mit 94 gestorben. Sie hatte zehn Jahre Demenz.

Es geht also um das Verschwinden schon vor dem Tod. Und dieses Theaterstück, gespielt von Menschen wie du und ich, zeigt es sehr einfühlsam, dass sich der Schrecken dieser Krankheit verliert, wenn man sich damit auseinandersetzt. Der Spieler, der sich am Anfang der Proben noch umbringen wollte, hat im Laufe der Zeit davon Abstand genommen. Das Leben hat Widersprüche, und wenn man diese akzeptiert, kann vielleicht Leichtigkeit passieren.



Regisseur Ron Zimmering bringt mit König Lear das Thema Demenz auf die Bühne. (Foto: Körber-Stiftung / Eibe Krebs)


Liane Kampeter - 2. September 2014
ID 8057
KÖNIG LEAR - DAS VERLORENE SELBST (Haus im Park, 25.08.2014)
Regie: Ron Zimmering
Dramaturgie: Lena Kollender
Ausstattung: Anita Könning
Darsteller: Rosel Arndt, Rita Bender, Doris de Feyter, Almut Schlepper, Emilio Ender, Michael Juuls und Amit Klein
Premiere war am 13. März 2014

Ron Zimmering studiert seit 2012 Regie an der Theaterakademie Hamburg und war bereits an mehreren Theaterprojekten mit Senioren beteilig. Zimmering ist ausgebildeter Schauspieler und hat während seines vierjährigen Engagements am Staatstheater Saarbrücken auch einige Regiearbeiten verwirklicht, u.a, Sonnenallee. (Quelle: Faltblatt zum Stück)


Weitere Infos siehe auch: http://www.koerber-stiftung.de/aktuelles/im-fokus.html


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de




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