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Ballett

Auf Nijinskis Spuren zu Sasha Waltz



L'Après-midi d'un faune mit dem Bayerischen Staatsballett - Foto (C) Charles Tandy

Bewertung:    



In Russland ließ sich kein Geld verdienen. Das musste Sergei Djagilew, brillanter Ballettmanager mit Hang zur Avantgarde, schon früh feststellen. Zu erstarrt war die Sankt Petersburger Tanzszene um 1900, zu sehr das Publikum an klassische Ballette wie Tschaikowskys Nussknacker oder Glasunows Raymonda gewöhnt. Djagilews neumodische Ideen stießen auf wenig Resonanz. Aber vielleicht ließ sich ja MIT Russland Geld verdienen? Mit einer Art „Russland fürs Ausland“?

Im Frühjahr 1909 stellte der Impresario eine Truppe aus aufgeschlossenen Tänzern, modernen Choreographen und zeitgenössischen Bühnenkünstlern zusammen und ging mit ihnen auf Tournee – zunächst nach Westeuropa, später nach Nord- und Südamerika. Und hier hatte er den Erfolg, der ihm in der Heimat versagt blieb: Bis zu seinem Tod im August 1929 gastierten die „Ballets Russes“ an den großen Bühnen der Welt: Djagilews Truppe konfrontierte das westliche Publikum mit einer neuen Vorstellung von russischer Tanzkunst. Mit einem Ballett ohne Tutu und Tamtam, dafür mit einer raffinierten Mischung aus Exotik und Innovation, aus Tradition und Moderne, aus klassischer Ausbildung und gewagten Experimenten. Mit der Zeit entwickelten sich die „Ballets Russes“ zur berühmtesten Tanzkompanie der Welt. Viele ihrer Stücke gelten noch heute als Meilensteine der Bühnengeschichte. Als Tänzer, Choreografen, Librettisten, Komponisten und Bühnenbildner verpflichtete Djagilew Künstler wie Jean Cocteau, Eric Satie, den jungen Picasso und natürlich den Ausnahmetänzer Vaslaw Nijinski, über mehrere Jahre Djagilews Schützling und Liebhaber.


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Gleich zwei Gastspiele an der Kölner Oper widmeten sich in diesen Tagen dem Gesamtkunstwerk der „Ballets Russes“, dessen Glanzzeit die Jahre unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg waren und die von daher genau ein Jahrhundert zurück liegt. Unter dem Titel Les Ballets Russes unternahm das Bayerische Staatsballett eine Zeitreise in die Tanzgeschichte: Drei Choreografien aus dem Programm der Djagilew-Truppe wurden originalgetreu aufgeführt und ins Bild gesetzt. Mit anderen Worten: Das heutige Publikum sah und hörte das, was schon das Premierenpublikum sah. Im Mittelpunkt des ebenfalls dreiteilige Abends Sacre der Berliner Starchoreografin Sasha Waltz stand dagegen eine Neuinterpretation des titelgebenden Tanzstücks von Nijinsky, das bei der Pariser Uraufführung im Mai 1913 für einen handfesten Theaterskandal sorgte.

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Die Geschichtsstunde des Bayerischen Nationalballetts begann mit dem spätesten der drei Stücke: Les Biches von 1924. Les Biches heißt „Die Backfische“, und als solche amüsierten sich zwölf Tänzerinnen in einer Choreografie von Bronislawa Nijinska (Vaslaws Schwester). Im Ambiente einer südfranzösischen Villa vertrieben sich die jungen Damen tänzelnd und tändelnd die Zeit, flirteten mit den anwesenden Herren und vermittelten den Eindruck selbstbewusster und zugleich verspielter Frauen ihrer Zeit. Dass das Stück neoklassisch angelegt war und sich stark auf die gemessenen Schrittfolgen und streng kodierten Bewegungsabläufe der russischen Balletttradition bezog, tat seiner tänzerischen Qualität keinen Abbruch. Die Atmosphäre einer modern anmutenden Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die vermittelt werden sollte, wurde hierdurch jedoch nicht gerade verstärkt. Wenn die Tänzerinnen in ihren hellen Kostümen anmutige und doch schematische Gruppentänze aufführten, half weder ihr Dauerlächeln noch das gefällige Bühnenbild – eine Kreation der für ihre duftigen Pastelltöne berühmten Malerin Marie Laurencin. Die Figuren erinnerten an Stewardessen im Dienst, nicht an Teenager in Ferien.



Les Biches mit dem Bayerischen Staatsballett - Foto (C) Wilfried Hösl


Interessanter war da das zweite Stück, L’après-midi d’un faune („Nachmittag eines Fauns“), ein nur zehnminütiges „tableau chorégraphique“ zur gleichnamigen Musik von Debussy. Der „Nachmittag eines Fauns“ war Nijinskys erste eigene Kreation, zu der ihn sein Freund Djagilew 1912 ermutigte. Die Handlung: Ein Faun begegnet im Wald drei Nymphen, die schnell wieder verschwinden. Doch eine von ihnen hinterlässt ihr Tuch, das der Faun wie eine Art Fetisch an sich nimmt. Die Bedeutung dieser tänzerischen Miniatur lag in ihren dramaturgischen und choreografischen Innovationen: Zu einer bis dato unbekannten Aufwertung des männlichen Tänzers gesellte sich eine zweidimensionale, die Horizontale betonende Schritt- und Bewegungsfolge, die an antike Reliefs denken ließ und mit den Sehgewohnheiten des klassischen Balletts radikal brach.

Mit Shéhérazade erweckte das Bayerische Staatsballett schließlich eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht zu neuem Leben, die 1910 in einer Choreografie von Mikhail Fokine uraufgeführt wurde. Dieses Stück steht äußerlich noch ganz klar in der Tradition des klassischen Handlungsballetts, verweist aber in seiner kraftvollen und unkonventionellen Tanzsprache deutlich auf das moderne Tanztheater, das zu dieser Zeit gerade im Entstehen begriffen ist.

Im Programm von Sasha Waltz bildete Nijinskys Nachmittag eines Fauns den Auftakt – und der Vergleich mit der Münchner Fassung war spannend: Aus einem Faun wurden hier viele. Ihre grotesk sich windenden Körper, ihr Scharren mit den Hufen, ihre wollüstigen Bewegungen – all dies war offensichtlich vom Original inspiriert, doch was Sasha Waltz in ihrem im letzten Jahr entstandenen Tanzstück daraus machte, trug eindeutig ihre Handschrift: eine auf temporeiche und phantasievolle Bewegungsabläufe setzende Choreografie für zehn Tänzer, die die gesamte Bühne nutzen, um einen symbolisch aufgeladenen und doch gar nicht so realitätsfernen Märchenwald zum Leben zu erwecken.

Nach einem Ausflug in die Romantik mit einer Liebesszene aus Waltz' Interpretation der Berlioz-Sinfonie Roméo et Juliette (großartig: Emanuela Montanari und Antonino Sutera in den Titelrollen) folgte der Höhepunkt des Abends: das Stück Sacre du Printemps, 2013 von Sasha Waltz genau 100 Jahre nach jener skandalträchtigen Uraufführung neu konzipiert, bei der das Pariser Publikum seinen Protest so laut herausschrie, dass die Tänzer das Orchester nicht mehr hören konnte und Choreograf Nijinsky ihnen den Takt zurufen musste. Ein wenig ließ sich das selbst heute noch nachvollziehen: Igor Strawinskys Musik (überzeugend: das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Pietari Inkinen) setzte so sehr auf stampfende Rhythmen, scharfe Dissonanzen und ungewöhnliche Klänge, dass sie die Zuhörer von 1913 zumindest irritieren musste und die von heute immer noch mitreißt. Mehr als zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzer bot Sasha Waltz auf, um ein Monument der Ballettgeschichte zu neuem Leben zu erwecken. Wie schon im „Nachmittag eines Fauns“ wurden einzelne Akteure zu Trägern verschiedener Handlungsstränge, Emotionen und Bewegungsmotive, doch sie fanden immer wieder zusammen in einer Choreografie, in der es vordergründig um die Opferpraktiken archaischer Gesellschaften ging, darüber hinaus aber um Universalien wie Gruppendruck und Individualität, widerstreitende Kräfte, Liebe und Angst. Das alles so originell und ausdrucksmächtig gestaltet wie man es von Sasha Waltz gewohnt ist.

Köln ist die einzige unter Deutschlands Millionenstädten, die keine eigene Tanzcompany hat. Das ist schade. Aber wenn man schon mit Gastspielen arbeitet, dann sollten sie so sein wie diese beiden – spannend und auf höchstem Niveau.



Sacre by Sasha Waltz / Igor Strawinsky, © Bernd Uhlig


Holger Möhlmann - 10. Oktober 2014
ID 8157
LES BALLETS RUSSES (Oper am Dom, 26.09.2014)
L'Après-midi d'un faune
Choreographie: Vaslav Nijinsky
Bühne & Kostüme: Léon Bakst
Shéhérazade
Choreografische Rekonstruktion & Einstudierung: Isabelle Fokine
Bühne & Kostüme nach Originalentwürfen von Léon Bakst
Licht: Christian Kass
Les Biches
Choreographie: Bronislava Nijinska
Musik: Francis Poulenc
Bühne & Kostüme: Marie Laurencin
Licht: Christian Kass

Gastspiel des Bayerischen Staatsballetts an der Oper Köln


SACRE (Oper am Dom, 05.10.2014)
L'Après-midi d'un Faune
Choreografie: Sasha Waltz
Bühne & Kostüme: Giom/ Guillaume Bruère
Licht: Martin Hauk
Scène d'amour
Choreografie: Sasha Waltz
Kostüme: Bernd Skodzig
Licht: David Finn
Sacre
Choreografie: Sasha Waltz
Bühne: Pia Maier Schriever, Sasha Waltz
Kostüme: Bernd Skodzig
Licht: Thilo Reuther

Gastspiel von Sasha Waltz & Guests an der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln
Dirigent: Pietari Inkinen


Weitere Infos siehe auch: http://www.opernkoeln.com




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