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Festival

Tanz auf

dem Vulkan?


TWELFTH NIGHT
(WAS IHR WOLLT)


Bewertung:    



Noch vor dem offiziellen Beginn des Stücks dringt Jazz-Musik aus dem Globe Theater in Neuss. Die SchauspielerInnen des Watermill Theatre aus Newbury sind schon drin, musizieren, schäkern mit dem Publikum und animieren ganz mutige Zuschauer mit ihnen auf der Bühne zu tanzen. Das Stück Twelfth Night (Was Ihr wollt), wurde von dem Regisseur Paul Hart in die Wilden 1920er Jahre verlegt, die Roaring Twenties. Es erinnert zu Anfang an die fast hysterische Fröhlichkeit der Epoche zwischen zwei Weltkriegen, solange das noch ging, als die Schatten des heraufziehenden neuen Unheils ignoriert und weggefeiert wurden. Das Stück wurde im Februar 1602 uraufgeführt, ein gutes Jahr vor dem Tode von Königin Elizabeth I., die eine Blüte des Theaters herbeigeführt hatte und mit der eine große Ära zu Ende ging. In ihrer Einführung zu dem Stück hatte die Shakespeare-Expertin Vanessa Schormann darauf hingewiesen, dass Twelfth Night Shakespeares letzte Komödie ist; danach hätte sich ihr Autor ernsteren Themen zugewandt. Dabei kann man Twelfth Night nur bedingt als Komödie einstufen, denn ein Teil der Handlung ist durchaus tragisch.

Da ist der Herzog Orsino von Illyrien (Jamie Satterthwaite), der sich unglücklich in die Gräfin Olivia (Aruhan Galieva) verliebt hat, die aber so sehr um ihren verstorbenen Bruder trauert, dass sie sich von der Welt abgewandt hat und seine Heiratsanträge ablehnt. Eines Tages taucht ein junger Mann namens Cesario an Orsinos Hof auf, an dem Orsino Gefallen findet und den er für sich um Olivia werben lässt. Niemand ahnt, dass Cesario in Wahrheit eine Frau namens Viola (Rebecca Lee) ist, die gerade ein Schiffsunglück überlebt hat, bei dem sie glaubt, ihren Zwillingsbruder verloren zu haben. Da eine Frau in der Shakespeare-Zeit nicht alleine und ungeschützt durch die Welt wandern konnte, zieht sich Viola Männerkleider an und ahmt ihren Bruder Sebastian (Stuart Wilde) nach. Als Cesario ist sie so überzeugend, dass sich Olivia in ihn verliebt, Cesario alias Viola aber liebt ihren Herrn, den Herzog Orsino. Hier sind einige typische Elemente von Shakespeare-Stücken vereint, ein Liebeskarussell, eine Frau in Männerkleidern, Verwechslungen, Intrigen, Wortspiele, Musik, ein Narr und Hochzeiten am Ende.



Die zehn Performer des Watermill Theatre aus Newbury mischen die Bühne und manchmal sogar das Auditorium auf (es fehlen auf dem Bild: Rebecca Lee als Cesario und Offue Okegbe als Narr Feste). | (C) Christoph Krey


Die zehn Mitwirkenden (fünf Frauen und fünf Männer) sind Schauspieler, Musiker und Sänger in einem und wirbeln nicht nur auf der Bühne herum, sondern bespielen das ganze Theater. Das junge Ensemble leistet auch Akrobatisches, indem es das Gerüst zum Balkon hinauf und herunter klettert. Das Stück enthält an sich schon sehr viel Musik, doch Paul Hart hat es fast als eine Art Musical inszeniert. Es gibt keine Stars in dieser Inszenierung, weil die Rollen auch relativ gleichmäßig verteilt sind. Durch die viele Musik sind auch die Schauspieler kleinerer Rollen, wie Sebastian, sehr häufig im Einsatz. Viele spielen mehrere Instrumente, und der Kontrabass ist fast ein elfter Mitspieler. Er wird von fast allen mal gezupft und geschlagen, einmal sogar als Schlagzeug verwendet und als Requisite benutzt, hinter der sich die Schauspieler der parallelen Komödienhandlung verstecken.

Im Haus der Olivia gibt es Streit zwischen ihrem Onkel Sir Toby Belch (Lauryn Redding), einem Trunkenbold, und dem Hausverwalter Malvolio (Peter Dukes), einem ambitionierten Puritaner, dem Sir Tobys Lotterleben zuwider ist und der heimlich davon träumt, eines Tages Hausherr zu werden. So kommt es, dass sich Sir Toby, die Kammerzofe Maria (Victoria Blunt), der Junker Aguecheek (Mike Slader) und der Narr Feste (Offue Okegbe) zusammenschließen, um Malvolio eins auszuwischen. Durch einen gefälschten Liebesbrief lassen sie ihn glauben, dass er Chancen bei Olivia hätte. Was dann aber mit ihm passiert, ist eine Eskalation, die wiederum tragische Züge hat.

*

Paul Hart leitet das Watermill Theatre seit 2015, hat viele junge Schauspieler engagiert, die alle gleichzeitig Musiker sind. Er will innovativ sein, vor allem aber Stücke durch Musik verstärken. Das ist ihm mit Twelfth Night wunderbar geglückt. Vor allem die Ensemblearbeit ist hervorragend, und es sind alle Performer auf gleich hohem Niveau, so dass man die Leistung von Einzelnen nicht herausheben kann. Vielleicht doch. Den Kontrabass. Hart hat zwei Männerrollen mit Frauen besetzt. Aus Antonio, der Sebastian gerettet hat, wird einfach eine Antonia (Emma McDonald). Funktioniert gut, ist aber schade, weil dadurch die explizit homoerotische Liebe Antonios zu Sebastian verloren geht. Sir Toby mit einer Frau zu besetzen, mutet seltsam an, am Ende heiratet er die Zofe Maria. Die Leistung der beiden Schauspielerinnen wird dadurch aber nicht geschmälert.

Insgesamt ist Hart die Übertragung in eine andere Zeit gelungen, er hat so eine Art Endzeitstimmung gut eingefangen. So etwas wirkt oft bemüht und dem Stück übergestülpt, hier funktioniert es aber, macht Twelfth Night für das heutige Publikum verständlicher. Im England der Shakespeare-Zeit wurden die Theater immer wieder durch die Puritaner bedroht, die es dann auch schafften, dass sie letztendlich geschlossen wurden. Aber in seiner letzten Komödie zieht Shakespeare noch alle Register seiner Kunst.

In der Inszenierung des Watermill Theatre können sich die Zuschauer im Dunklen nicht bequem zurücklehnen, denn immer wieder wuseln Schauspieler herum, ist die Musik so fetzig, dass man mit dem Fuß wippen oder Finger schnipsen muss. Am Ende sind alle recht nüchtern trotz mancher durchzechten Nacht. Die Täuschungen und Selbst-Täuschungen werden entlarvt, die Beweggründe enthüllt. Das Glück von Orsino und Viola basiert nicht auf Oberflächenreizen oder Ambitionen, sondern auf echten Gefühlen. Aber es ist ein bedingtes Happy-End. Der Puritaner Malvolio verlässt die Bühne und will sich rächen, Antonia verliert ihre Liebe Sebastian an Olivia, und Junker Aguecheek muss seine Hoffnungen auf Olivia begraben. Die gute Nachricht ist aber, dass am Ende alle wach sind und alle Täuschungen erkannt. Das ist glücklicherweise doch anders als in den 1920er Jahren.
Helga Fitzner - 1. Juli 2017
ID 10116
Weitere Infos siehe auch: https://www.shakespeare-festival.de


Post an Helga Fitzner

Othello
beim Shakespeare Festival im Globe Neuss 2017



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