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Festival

Patriarchat

vs. Frauen-

power


OTHELLO


Bewertung:    



Ein kleiner Teppich wird ausgerollt. Ein schwarzer Mann und eine weiße Frauen geben sich in arabischer Sprache und in muslimischer Tradition das Eheversprechen. Steht zwar nicht so bei Shakespeare, erhellt aber das Stück Othello, das den Auftakt für das Shakespeare Festival im Globe Theater Neuss bot, auf ganz eigene Art.

Das Bühnenbild von Georgia Lowe ist minimalistisch mit schwarzem Hintergrund und einer rechteckigen weißen Fläche auf dem Bühnenboden, die sich im Laufe des Stücks mit Schmutz und Blut verfärbt. Ein paar Neonröhren sorgen für spärliches weißes Licht. Dies ist ein visueller Schwarz-Weiß- und Hell-Dunkel-Kontrast für Othello, den Richard Twyman in einer modernen Fassung für das Theater Tobacco Factory in Bristol inszeniert hat. Othello (Abraham Popoola), der „Mohr von Venedig“, hat sich als Feldherr einen Namen und ein gewisses Ansehen erworben. Er ist zielstrebig, konvertierte zum Christentum und assimilierte sich, so gut es ging. Doch als sich der Schwarze in die Tochter des wohlhabenden Politikers Brabantio (Alan Coveney) verliebt und die beiden heimlich heiraten, brechen sich Rassismus und Frauenfeindlichkeit die Bahn. Brabantio sieht seine Tochter als Besitz an, den er gut zu verheiraten beabsichtigte. Doch die sehr junge und abenteuerlustige Desdemona (Norah Lopez Holden) hat keine Lust, in dieser patriarchalischen Gesellschaft ihr Dasein mit einem ihr zugewiesenen Edelmann zu fristen. Sie liebt Othello aufrichtig, entlastet ihn bei einer Befragung vom Vorwurf der Schwarzen Magie und folgt ihm nach Zypern, wohin er wegen eines anstehenden Feldzugs gegen die Türken versetzt wird. Brabantios Anklage wird fallen gelassen, denn die akute Bedrohung erfordert einen erfahrenen Feldherrn wie Othello.

Genauso reduziert wie das Bühnenbild und die Beleuchtung ist auch die bodenständige Inszenierung. Die wortreichste Rolle ist die des Iago, der aus Eifersucht und Gram über eine nicht erfolgte Beförderung Othello ins Unglück stürzen will. Iago wurde mit dem Ausnahmeschauspieler Mark Lockyer besetzt, der die gewichtige Rolle mit einer Leichtigkeit und Natürlichkeit spielt, als fielen ihm seine Schurkereien gerade erst ein und als wäre es alles irgendwie Zufall, was da passiert. Obwohl das Ende bereits festgeschrieben und vielfach bekannt ist, würde man Lockyer zutrauen, dass es auch anders kommen könnte. Er erfindet sich minütlich neu, was seine Willkür und Rachsucht um so gefährlicher macht, am Ende sind Desdemona und Othello tot und Iago hat seine Frau Emilia (gespielt von der hochkarätigen Schauspielerin Katy Stephens) eigenhändig umgebracht.

Aber was - neben den erfahrenen Bühnendarstellern Lockyer, Stephens, Coveney und Christopher Bianchi als Duke of Venice - die jungen Schauspieler da abliefern, ist einfach atemberaubend. Abraham Popoola (Othello) und Norah Lopez Holden (Desdemona) haben im Jahr 2016 gerade ihre Ausbildung an der renommierten Royal Academy of Dramatic Arts (RADA) beendet und liefern eine mitreißende Darbietung von Leidenschaft und Gefühlen. Popoola ist groß und athletisch, Holden von fast kindlicher Zierlichkeit, auch hier arbeitet Twyman mit starken Kontrasten, lässt Othello seine Desdemona über der Schulter oder Huckepack tragen. Doch in dem zierlichen Körper steckt eine große Willenskraft und Intelligenz, und Othellos zärtlicher Umgang mit ihr steht im Gegensatz zur Grobschlächtigkeit der Soldaten. Othello und Desdemona sind am Anfang durchaus ebenbürtig. Othello wurde einmal versklavt und konnte sich befreien, Desdemona wurde von Othello von der Willkür ihres Vaters befreit. Die zugefügte Hochzeitsszene am Anfang und Desdemonas „Willow Song“ gegen Ende des Stückes, den sie zu arabischer Musik singt und tanzt, zeugen davon, dass beide sich jenseits ihrer äußeren Assimilierung gefunden haben. Othello trägt offiziell das christliche Kreuz, Desdemona kann ihre unschuldige Lebensfreude und ihre Geselligkeit unter Othellos Schutz ausleben. Bis Iago es geschafft hat, durch falsche Behauptungen und Beweise Othellos Gedanken so zu vergiften, dass er zum Mörder wird.



Es geht auch auf Augenhöhe, Othello (Abraham Popoola) und Desdemona (Norah Lopez Holden) lieben sich über alles, bis... | © The Other Richard


Es kommt zu einer recht unschönen Szene, als die Soldaten feiern. Sie sind betrunken, tragen Gasmasken falsch herum; einer von ihnen trägt einen BH, spielt eine Frau, die missbraucht und der ins Gesicht gespritzt wird. Als die Schauspieler nach dem Stück in einer Diskussionsrunde darauf angesprochen wurden, erzählten sie, dass sie solche und schlimmere Soldatenvideos im Internet gefunden hätten. Das sei wohl die Art, wie Soldaten ihren Feierabend gestalten. Das sind Auswüchse einer immer noch von Männern und Kriegsgeschehen dominierten Gesellschaft, die in der Kriegsgeschichte vom Venedig der Shakespeare-Zeit nicht so viel anders gewesen sein dürfte. Die Entscheidungsträger in Venedig tragen Anzug und sehen schon ein bisschen aus wie neoliberale Banker oder Konzernchefs. Doch Twymans Bezüge zur heutigen Zeit sind nie aufdringlich oder dem Stück aufgesetzt, vielmehr machen sie die Thematik von Shakespeares Drama für ein heutiges Publikum verständlicher.

Während die Männer in Shakespeares Othello keine gute Figur machen, zeichnen sich die Frauenfiguren, namentlich Desdemona und Iagos Frau Emilia, durch Ehrlichkeit, Klugheit, Courage und Empathie aus. Am Ende soll Iago für seine Missetaten hart bestraft werden. Das wird aber am Grundübel nichts ändern. So lange nicht allen Menschen gleiche Rechte zukommen und so lange Menschen gezwungen werden, sich gegen ihre Natur und manchmal gegen alle Vernunft anpassen zu müssen, wird es zu Unfrieden kommen. Desdemona empfindet Othellos Andersartigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung, und Abraham Popoola spielt Othello mit solcher Gefühlsgewalt, dass man am Ende keine Angst mehr vor dem schwarzen Mann hat, aber Angst um den schwarzen Mann. Damit hat die Inszenierung ein kleines, aber feines Licht gesetzt.

*

Auch in diesem Jahr bietet das Shakespeare Globe Theater wieder einen bunten Mix aus Tragödien, Komödien und einem vielversprechenden Rahmenprogramm.
Helga Fitzner - 12. Juni 2017
ID 10080
OTHELLO (Globe Neuss, 09.06.2017)
Regie: Richard Twyman
Bühne: Georgia Lowe
Mit: Ghazwan Alsafadi, Christopher Bianchi, Alan Coveney, Piers Hampton, Hayat Kamille, Mark Lockyer, Brian Lonsdale, Norah Lopez Holden, Abraham Popoola, John Sandeman, Katy Stephens Joel Macey, Zachary Powell und Kenton Thomas
Deutschlandpremiere in englischer Sprache: 9. Juni 2017
Koproduktion von Shakespeare at the Tobacco Factory, Tobacco Factory Theatres and English Touring Theatre


Weitere Infos siehe auch: http://www.shakespeare-festival.de


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