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Shakespeare Festival im Globe Neuss 2016

Bertrams Brexit

ALL´S WELL THAT ENDS WELL


Bewertung:    



Mit einer überraschenden Heilung, Säbelrasseln und einer Frau, die mit allen Mitteln um ihre Liebe kämpft, geht das diesjährige Shakespeare-Festival im Globe-Theater Neuss schon wieder zu Ende. Das Wetter war in diesem Jahr ziemlich schlecht, aber das Neusser Globe ist überdacht und kann bei jedem Wetter bespielt werden. 2016 waren neben Lieblingsdramen wie König Richard III, Julius Caesar und Wie es Euch gefällt gleich zwei selten gespielte Shakespeare-Stücke dabei, darunter Zwei Herren aus Verona. Die zweite Rarität war All's Well That Ends Well mit der Shakespeare Company der Tobacco Factory im englischen Bristol, Regie: Andrew Hilton.

Helena (Eleanor Yates) ist eine bürgerliche Waise, wächst als Mündel bei der französischen Grafenfamilie Rossillion auf und hat sich heimlich in den Sohn der Familie, den Grafen Bertram (Craig Fuller), verliebt. Das Stück beginnt kurz nach dem Tod von Bertrams Vater, und da der junge Graf noch nicht volljährig ist, soll er als Mündel an den Hof des Königs gehen. Für Helena ist die Trennung eine Katastrophe, und so sucht sie nach einer Möglichkeit, ihm folgen zu können. Helenas verstorbener Vater war ein berühmter Arzt. Dessen Heilkunst darf sie an dem schwer kranken König ausprobieren und kuriert ihn. Zum Dank darf sie sich ihren Ehemann selbst aussuchen. Klar wählt sie Bertram, aber der ist geschockt und wehrt sich, weil er Helena nicht liebt und die Ehe mit der verarmten Bürgerlichen nicht standesgemäß ist.




Helena (Eleanor Yates) hat sich in Bertram (Craig Fuller) verliebt | © Marc Douet


Von jetzt an wird mit harten Bandagen gekämpft. Denn in der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt!?! Shakespeare zündet ein Feuerwerk an Wortspielen mit Vergleichen von Krieg und Sexualität. Bertram muss auf Befehl des Königs Helena heiraten, aber er drückt sich vor der Hochzeitsnacht. - Insbesondere der Anfang des Stücks wird von Tod und Sterblichkeit überschattet, einer alten Welt, die wohl dem Untergang geweiht ist, aber die Alten können nicht los lassen und trauen der jungen Generation nicht wirklich was zu. Wir haben auf der einen Seite die unterprivilegierte Helena, die Selbstbestimmung bei der Wahl ihres Gatten einfordert, und Bertram, dessen harte Haltung Helena gegenüber auch eine Rebellion gegen Fremdbestimmung ist. Er fordert von ihr das Unmögliche: Erst wenn Helena seinen Ring, ein wertvolles Familienerbstück, trägt und von ihm schwanger ist, wird er die Ehe vollziehen. Die Lage hat sich so zugespitzt, dass Bertram keinen Ausweg mehr sieht und sich dem Druck entzieht: „Brexit“! Er steigt aus einem diktatorischen System aus, das ihm eine Zwangsehe, dubiose Ratgeber und Alternativlosigkeit beschert hat. Dann fallen noch die eigene Mutter (Julia Hills) und der befreundete Lafew (Ian Barritt) ihrem Schutzbefohlenen in den Rücken, indem sie sich mit Helena gegen ihn verbünden.




Die Gräfin Rossillion (Julia Hills) und Lafew (Ian Barritt) wenden sich von Bertram ab | © Marc Douet


Helena folgt derweil der Soldatentruppe, der Bertram sich angeschlossen hat, heimlich als Pilgerin. Dort trifft sie auf die junge Diana (Isabella Marshall), die von Bertram umworben wird. Der fühlt sich im Kreise der Soldaten sehr wohl, genießt seine relative Freiheit, feiert und trinkt gerne und - er will Diana vernaschen. Das ist in einem Zeitalter, in dem die Jungfräulichkeit das wichtigste Kapital junger Frauen ist, natürlich problematisch. Der böse Schlingel. Helena überredet die keusche Diana, auf seinen Wunsch einzugehen, allerdings vorher seinen Ring zu fordern. Statt Diana liegt beim nächtlichen Schäferstündchen allerdings Helena im Bett und wird natürlich sofort schwanger. Noch allerdings ahnt Bertram nichts vom Rollentausch und wähnt sich im Glück. Er ist mit von der Partie, als Parolles, sein einstiger Berater und vermeintlicher Freund, auf üble Art als Feigling und Verräter enttarnt wird. Dabei spielen die Soldaten dem eitlen Gockel Parolles (Paul Currier) übel mit. Am Ende hat man fast Mitleid mit ihm.



Parolles (Paul Currier) ist ein Hetzer und Säbelrassler | © Marc Douet


Eigentlich hat Parolles das auch verdient, denn er hat den jungen Bertram dahingehend beeinflusst, seine Frau zu verlassen und Diana nachzustellen. In Andrew Hills sicherer und unaufgeregter Regie ist Parolles allerdings nur wenig übertrieben dargestellt. Das ist im Gegensatz zur Inszenierungsgeschichte, in der Parolles mitunter fast zur komischen Hauptfigur avancierte. Insgesamt ist Hills Regiestil sehr bodenständig mit glaubhaften Figuren.

Das Stück gilt als „problem play“, weil Bertrams Haltung so hart ist. Hill hat die Figur daher psychologisch „angereichert“. Bertram verabschiedet sich zu Anfang mit einer freundschaftlichen Umarmung von Helena, die ja in seinem Haushalt lebt. Die Rolle des Clowns Lavatch (Marc Geoffrey) wurde umgeschrieben. Er ist jetzt ein Tanzlehrer und heimlich in Bertram verliebt. Irgendetwas muss dann wohl an dem Jüngling dran sein, und so hat Hill ihn liebenswerter gemacht, als er bei Shakespeare angelegt ist. Bertram wirkt wie ein überforderter junger Mann, der sich eigentlich sehr tapfer gegen die Willkür der mütterlichen Machenschaften und des Königs zu wehren versucht.

Am Ende täuscht Helena vor, aus Gram gestorben zu sein und erweckt dadurch Bertrams Reue. Dafür wurde eigens ein Monolog für ihn hinzugedichtet. Entsprechend glücklich ist er, dass sie noch lebt und sogar von ihm schwanger ist. Allen, auch Parolles, wird am Schluss vergeben. Der König erlaubt nun der guten Diana, sich selbst einen Mann auszusuchen. Alles ist wieder beim Alten, nichts wurde dazu gelernt. Tanzlehrer Lavatch darf am Ende noch einen Gemeinschaftstanz choreografieren, und alles dreht sich bildlich und metaphorisch gesehen wieder im Kreis. Einzig Lavatch verlässt die Gesellschaft und geht einer neuen und unbekannten Zukunft entgegen. Auch dieses Ende ist anders im Original und deutet einen möglichen Neuanfang an.

Dass sich in unserer Realität tatsächlich etwas geändert hat, zeigte sich beim Verbeugen. Es war der Tag nach dem Referendum zum Brexit. Zwei Schauspieler hielten einen Papierausdruck der EU-Fahne hoch. Ob die britische Welt ohne Mitgliedschaft in der EU eine bessere sein wird, bleibt zu hoffen. Im nächsten Jahr werden uns ab dem 9. Juni sicher auch wieder britische Ensembles mit ihrer Kunst erfreuen. „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wilde zugeschrieben).


Helga Fitzner - 27. Juni 2016
ID 9407
Weitere Infos siehe auch: https://www.shakespeare-festival.de/de/


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