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Performance

The blind poet

Jan Lauwers & Needcompany


Bewertung:    



Fast am Ende des diesjährigen Performing-Arts-Festivals FOREIGN AFFAIRS gab es mit The blind poet von Jan Lauwers & Needcampany nochmal einen der typischen, gut verdaulichen Festivalhappen, die in breiter Koproduktion von Ort zu Ort ziehen. Die Needcompany, 1986 vom belgischen Theatermacher Jan Lauwers und der aus Indonesien stammenden Choreografin Grace Ellen Barkey gegründet, ist ein multikulturelles und wie eine Theaterfamilie funktionierendes Künstlerkollektiv aus Performern, Tänzern und Musikern, das auch mit bildenden oder anderen Bühnenkünstlern kooperiert. In ihrem Stück The blind poet, das im Frühjahr 2015 beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel seine Premiere feierte und auch schon bei den KunstFestSpielen in Herrenhausen und im Mousonturm Frankfurt/M zu sehen war, beschäftigen sich die Künstler der Needcompany in sieben Portraits mit Familien-Stammbäumen, Identität und Migration.

Das sind alles sehr aktuelle Themen, die in Berlin vor allem im Maxim Gorki Theater schon zu manch interessantem Theaterabend verwoben wurden. Ohne die politische Dimension besonders tief auszuloten oder an einer konkreten Handlung festzumachen, haben sich die Künstler und Künstlerinnen der Needcomany hier für ganz persönliche Lebensberichte in ihrer jeweiligen Muttersprache entschieden, die nacheinander in Einzelperformances vorgetragen werden, begleitet von Musik, Tanz und besonderen Bühnen-Installationen.

Den Anfang macht Grace Ellen Barkey im Kostüm einer Tempeltänzerin mit Blumenkopfschmuck, Clownsgesicht und ebensolchen Schuhen. Sie ruft zunächst minutenlang wie zu Anfeuerung ausschließlich ihren Namen, der ihr auch ebenso aus den Reihen der Mitstreiter entgegenschallt. Eine ausdrucksstarke Selbstvergewisserung, noch da zu sein. Barkey leidet am Lynch-Syndrom, einer erblichen Darmkrebsform, und hat sich wieder zurück ins Leben gespielt. Ihre Performance ist eine witzige Reise zu den Ahnen von Indonesien über China bis nach Deutschland, wo ihr Vorfahre zusammen mit belgischen Waffenschmieden an den Kreuzzügen teilnahm. Sie bezeichnet sich selbst als multikulturelles Wunder, was sie anscheinend auch mit den anderen Vortragenden verbindet.

Dies sind vor allem der dampfende Norweger Hans Petter Melø Dahl, der von Wikingern, Trojanern und Kannibalen abstammt, die eher bodenständigere Friesin Anna Sophia Bonnema, die ihr Ich allerdings auf einen Stammbaum auf berühmte Frauenfiguren der Weltgeschichte zurückführt („Ich bin alle Frauen.“), oder der belgische Musiker Maarten Seghers, der einem Geschlecht von stolzen belgischen Waffenschmieden entstammt, sich aber wie Onkel Jan Lauwers für die Künstlerlaufbahn entschieden hat. „Ich bin...“ ist ihr persönliches Mantra, was ihnen zu sagen auch wichtig ist.

Das sind Biografien und globale Verknüpfungen, die in einem philosophischen „Alles hängt mit allem zusammen.“ münden, allerdings künstlerisch stark überhöht und zumeist auch gut geflunkert sind. Der begleitende Sound ist eine Mischung aus Rock, Weltmusik und Country. Hängt die Performance am Anfang noch ein wenig, dreht die Needcompany nach der Pause dann richtig auf. Der Belgier Benoît Gob tischt uns eine unglaubliche Kindheitsgeschichte auf, mit häuslicher Gewalt und der Suche nach dem Gebiss des betrunkenen Vaters in den Bordellen Lüttichs. Am lustigsten gerät die Performance von Jules Beckman, der als jüdischer Countrysänger mit Banjo und breitestem Südstaatendialekt eine Story von Sex, Drogen, Jesus und der Flucht vor den Nazis aus Minsk zum Besten gibt.

Zu diesen ironisch performten Clownerien, die recht wortreich selten ernsthaft geerdet werden, gibt es begleitenden Tanz, Pantomime und zwei riesige, hölzerne Rittertürme, die mit ihren Lanzen lautstark aneinandergeraten sowie eine Todeswaage mit einem unechten Pferdekadaver als Symbol. Und wer es vorher noch nicht geahnt hatte, der immer wiedermal in den Szenen auftauchende tunesische Tänzer Mohamed Toukabri wird am Ende zum Gegenentwurf der europäischen Ahnengeschichte. Er verfolgt sich zurück zum blinden Poeten und Religionskritiker Abu l-'Ala al-Ma'arri aus Syrien und der in Córdoba geborenen Dichterin Wallada bint al Mustakfi, einer unabhängigen und gebildeten Frau, die es ablehnte sich zu verschleiern und ironische Verse auf ihre Liebhaber dichtete.

Das war im 11. Jahrhundert, als Andalusien noch das Zentrum einer weltoffenen und toleranten muslimischen Kultur war, während das mittelalterliche Europa loszog, um Jerusalem zu erobern. Mohamed Toukabri, im Seidenanzug seines Vaters, ist sein schönes Lächeln bei der Ankunft in Belgien vergangen. „Eure blinden Dichter sind nicht unsere blinden Dichter.“ ist sein Fazit, und wenn Jan Lauwers das in seinem Stück etwas mehr vertieft hätte anstatt unablässig auf die Humortube zu drücken, wäre das sicher auch ein noch stärkerer Theaterabend geworden. So bleibt alles doch etwas an der visuell künstlich aufgeblähten Oberfläche, die zumindest zeitweise ganz gut unterhält.



The blind poet | Foto (C) Maarten Vanden Abeele

Stefan Bock - 16. Juli 2016 (3)
ID 9437
THE BLIND POET (Haus der Berliner Festspiele, 15.07.2016)
Text, Regie und Bühne: Jan Lauwers
Musik: Maarten Seghers
Kostüm: Lot Lemm
Dramaturgie und Übertitel: Elke Janssens
Licht: Marjolein Demey, Jan Lauwers
Tondesign: Ditten Lerooij
Ton: Marc Combas
Technische Leitung: Marjolein Demey
Technik und Produktion: Marjolein Demey, Gwen Laroche
Technischer Bühnenbildbau: De Muur, X-Treme
Mit: Grace Ellen Barkey, Jules Beckman, Anna Sophia Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Maarten Seghers, Mohamed Toukabri, Elke Janssens und Jan Lauwers
Produktion: Needcompany
Koproduktion: Kunstenfestivaldesarts, KunstFestSpiele Herrenhausen, FIBA - Festival Internacional de Buenos Aires, Künstlerhaus Mousonturm


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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