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Neue Stücke

The Trip

von Anis Hamdoun



Bewertung:    



Gerade erst waren Videobilder der syrischen Stadt Homs in Frank Castorfs Inszenierung von Friedrich Hebbels Judith an der Berliner Volksbühne zu sehen. Homs, die Stadt des antiken Sonnenkults, oder wie sie der syrische Autor und Theaterregisseur Anis Hamdoun nennt, die Stadt der Sonne. In seinem im letzten Jahr beim Theaterfestival „Spieltriebe“ in Osnabrück uraufgeführten Kurzdrama The Trip träumt der Protagonist Rami, der vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen ist, von der Sonne und dem blauen Himmel seiner Heimatstadt, die sich in Farben und Geschmack nur noch in seinem täglichen Frühstück mit traditionell weißem anstatt gelbem Käse aus Deutschland oder im arabischen Kaffee mit Kardamon manifestiert. Rami ist Flüchtling in Deutschland und steht vor einem Neuanfang, der ihm auch Ängste bereitet, da seine Ausbildung hier nichts gilt.

So ein Neubeginn ist Anis Hamdoun, dem ausgebildeten Schauspieler und Regisseur, der 2013 nach Deutschland kam, erstaunlich schnell gelungen. Als Praktikant am Theater Osnabrück bekam er sofort die Chance mit Schauspielern zu arbeiten. Ergebnis ist das vorliegende Stück, das nun beim FIND 16 in der Schaubühne gastiert und auch in den regulären Osnabrücker Spielplan aufgenommen wurde. Das Interesse an den Ereignissen in Syrien und der arabischen Welt ist nach wie vor hoch, und The Trip schafft es ohne viel Betroffenheitsgetue, die Situation von Flüchtlingen in Deutschland ganz anschaulich zu beschreiben. Nachdem gerade das Internet und soziale Netzwerke einen gewissen Anteil am Durchbruch des Arabischen Frühlings hatten, konnte das Stück dann auch im Januar das virtuelle Theatertreffen auf nachtkritik.de für sich entscheiden.

Nur ganze 40 Minuten dauert Anis Hamdouns The Trip. Aber das Stück hat es in sich. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gedanklicher und spielerischer Trip zurück nach Homs, das auch die Heimatstadt des Autors ist. Es spiegelt seine Erinnerung an das Leben vor und während des Arabischen Frühlings in Syrien, den Hamdoun mit seinen Freunden erlebt und dessen Ereignisse nur er überlebt hat. In dem autobiografisch geprägten Stück erstehen die Toten wieder auf und suchen das Alter Ego des Autors, den wie er aus Syrien geflüchteten Rami (Patrick Berg) in Deutschland heim. Sie bewohnen faktisch mit ihm ein kleines Zimmer, das Mona Müller nur ganz spartanisch angedeutet hat, etwa mit einem von der Decke herunterhängenden Vorhangquader, in dem am Beginn Marius Lamprecht als Videofilmer Saleem steht, oder einem am Boden festgehefteten Stoffschlauch aus dem sich Anja S. Gläser als dessen Schwester Sarah schält.

Die Enge des Zimmers fliehend rennt Rami immer wieder im Kreis durch die Nacht, obwohl er sie nicht mag, um mit den Toten zu reden, um sie in Deutschland mit seinen Verordnungen und Paragrafen nicht zu vergessen. Er fühlt sich schuldig, überlebt zu haben. Die Stimmen seiner Freunde manifestieren sich in seinem Kopf und nehmen hier auf der Bühne ganz konkret und in einem Videofilm aus der Heimat (Nawar Bulbul als Mohammed) Gestalt an. Sie erzählen vom gemeinsamen Traum von Freiheit und ihren Berufswünschen, die sich für Sahra als Sanitäterin und Saleem als Videofilmer der Demonstrationen auf den Straßen Homs verwirklichen. Hier finden sie ihre Bestimmung, auch wenn sie später während der Folter durch Geheimdienstleute des Assad-Regimes oder - wie Mohammed, ein Student aus Homs, durch eine Granate - ihr Leben verlieren.

Ihnen und ihrer Geschichten hat Anis Hamdoun mit diesem Stück ein Denkmal gesetzt. Und sich selbst versucht zu beantworten, wer er ist und was er in Deutschland für seine Heimat Syrien machen kann. Das ist präzise und eindrucksvoll gespieltes Theater und gut und wichtig, dass es hier beim Berliner FIND zu sehen ist. Weitere Gastspiele in Frankfurt, Karlsruhe und München werden folgen.



The Trip bei FIND 16 in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Maik Reishaus

Stefan Bock - 9. April 2016 (2)
ID 9245
THE TRIP (Studio der Schaubühne, 08.04.2016)
Text und Inszenierung: Anis Hamdoun
Bühne: Mona Müller
Kostüme: Anna Grabow, Miriam Schliehe
Dramaturgie: Elisabeth Zimmermann
Mit: Patrick Berg (Ramie), Anja S. Gläser (Sarah), Marius Lamprecht (Saleem), Nawar Bulbul (Mohammed, im Video) und Zainab Alsawah (Gesang)
Dauer: ca. 40 Minuten
Uraufführung am Theater Osnabrück war im September 2015
Berlin-Premiere: 8. 4. 2016
Weiterer Termine in Osnabrück: 3. 5. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

Uraufführungen



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