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Castorfopern (14)

Abseits

des Theaters

von Palmyra



Bewertung:    



Touristische Palmyra-Bilder, Stummfilmszenen aus der Judith of Bethulia, Antonin Artauds Genussschrift zum römischen Kindkaiser Elagabal, Müllers (von Castorf obligatorisch herbeibemühter) Auftrag und ein Lettre International-Beitrag zum Thema "Hass" bilden die optischen und textlichen Hinzutuungen zu der jüngsten Castorfoper in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: Judith.

"Am 4. Juli 2015 wurde ein Video veröffentlicht, das eine öffentliche Hinrichtung von 25 syrischen Soldaten durch sehr junge IS-Kämpfer (darunter anscheinend Jugendliche) vor Publikum auf der Bühne des Theaters [der antiken und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Oasenstadt Palmyra] zeigt; bereits zuvor war es dort zu Hinrichtungen gekommen." (Quelle: Wikipedia)

Dieses [s.o.] seinen Fans und Jüngern zur brutalstmöglichen Heutigung der Hebbel'schen Tragödie Judith mitzuzeigen wäre für den Regisseur und Menschenfreund Frank Castorf sicherlich - ja und so schließen wir es aus dem Bauch heraus - als eine Zumutung begriffen worden; daher also "nur" die schönen Touribilder, die vom einstmals schönen Touri-Gestern zeugen, mehr wohl nicht.

*

"Hebbels Judith ist ein gar nicht so fernes Beispiel aus einer gar nicht so fernen Zeit, als hier in Berlin noch gute Christenmenschen lebten, die kein Problem darin sahen, wenn einem Ungläubigen der Kopf abgeschlagen wurde. Judith denkt, sie habe 'die Welt ins Herz gestochen', als sie Holofernes den Kopf abschlug, aber sie hat mit ihrer Tat nur eine narzisstische Kränkung kompensiert und nebenbei ein Volk, 'ihr' Volk, befreit, das vielleicht gar nicht befreit werden wollte und für das sie keinerlei Sympathien hatte." (Carl Hegemann auf volksbuehne-berlin.de)

*

Das mehr als 80seitige sprachstarke Stück von Friedrich Hebbel (1813-1863) bietet großes Sprech- und Darstellfutter für die größten Mimen unsrer Zeit. Und Birgit Minichmayr oder Martin Wuttke spielen zweifelsohne in besagter Liga mit!! Bei ihnen kann man also sicher sein, den diesem Stück doch eigentlich hauptinnewohnenden Konflikt Frau/Mann (Mann/Frau) gut ausgestaltet zu bekommen. Wir zitieren flugs an dieser Stelle Sigmund Freund, der zu der Hebbel'schen Tragödie meinte: "Sehr schön ist die Judith, ein sexuelles Problem, eine überstarke Frau trotzt einem übergewaltigen Mann und rächt sich an ihm für die durch das Geschlecht ihr zu Teil gewordene Inferiorität." Ja und so wirken also (in den tollkühnen Tabea Braun-Kostümen) einerseits die Minichmayr vorzugsweise überdominant und andrerseits der Wuttke selbstkarikativ; hohe, nein - allerhöchste Schauspielkünste, wie bereits erwähnt.

Mex Schlüpfer (Hauptmann) sowie Jasna Fritzi Bauer (Mirza) stehen dem Protagonistenpaar in keinster Weise nach.

Die in dem Stück dann außerdem vorhandene und mehr statistisch anmutende Personnage wird mittels eines Chores [fettgedruckte Namen s.u.] ganz verallgemeinernd dargestellt - - ein altbewährtes und in dieser Weise so schon lange nicht mehr nachempfundenes Erinnerungszitat an Einar Schleef.

Der wunderbare Brüder Karamasow-Großraum des im Juli letzten Jahres leider viel zu früh verstorbenen Bert Neumann wird in Castorfs Inszenierung "umgekehrt" genutzt, d.h. der aufgeteerte und mit schwarzen Jutesäcken vollgepackte Zuschauersaal dient als weit ausladende Spielfläche, während das Publikum auf schicken Schalensesselreihen auf der Drehbühne platziert ist.

Oskar, das Kamel - wahrscheinlich wg. seines Namens ein Kamelmann - tritt im letzten Fünftel oder Sechstel oder Siebtel des von 19 Uhr bis Mitternacht währenden Abends auf; und Minichmayr sowie Bauer führen es, abwechselnd, an der Leine hinter sich ein Stück spazieren. Ab dem Punkt vermeinte man, dass "es" dann bald zu Ende wäre - doch dem Castorf fiel dann immer noch was Neues, Zusätzliches zu dem Thema Judith ein. Das brachte zwar zum Schluss hin überhaupt nix mehr. Doch meine letzte S-Bahn, wenigstens, hatte ich dann gottlob noch schaffen können.




Andre Sokolowski - 23. Januar 2016
ID 9093
JUDITH (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 22.01.2016)
Regie: Frank Castorf
Raum: Bert Neumann
Einrichtung Judith: Caroline Rössle Harper
Kostüme: Tabea Braun
Chorleitung: Christine Groß
Licht: Lothar Baumgarte
Videokonzeption und Kamera: Andreas Deinert
Ton: Christopher von Nathusius
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Sebastian Kaiser
Besetzung:
Judith ... Birgit Minichmayr
Holofernes ... Martin Wuttke
Mirza ... Jasna Fritzi Bauer
Hauptmann ... Mex Schlüpfer
Achior ... Stefan Kolosko
Chor mit Yasmin El Yassini, Judith Gailer, Ann Göbel, Anita Groschen, Leonie Jenning, Anke Marschall, MissVergnügen, Estefania Rodriguez, Nathalie Seiß, Johanna Skirecki, Julius Brauer, Jakob D'Aprile, Florian Denk, Niklas Dräger, Max Grosse Majench, Fritz Walter Huste, Henry Kotterba, Paul Rohlfs und Marcus Schinkel
Oskar, das Kamel
Premiere war am 20. Januar 2016
Weitere Termine: 23., 28. 1. / 12., 20., 24., 25. 2. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

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