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Autorentheatertage Berlin 2014

DAS WEISSE VOM EI (Theater Basel)

Salon-Szenen mit abschließendem Gruppennasenbluten



Bewertung:    



Unser letztes Marthaler-Erlebnis hatten wir im Schauspiel Köln im Januar 2013 - da war jene Uraufführung von Oh, it's like home von Sasha Rau (auch - neben ihrer Dichterinnenrolle - ein langjähriges Familienmitglied des Marthaler-Clans); ja und das Alles hatte uns selbstredend sehr, sehr gut gefallen...

Nun also - anderthalb Jahre später - ein durch uns hinzuerfreutes neues Stück des wundersamen, wunderlichen Schweizers inkl. seiner wunderbaren Truppe:

Es heißt Das Weiße vom Ei.

Hierin geht es um eine durch die jeweiligen elterlichen Teile angebandelte Vermählung zwischen Emmeline Malingear (Carina Braunschmidt) und Fréderic Ratinois (Raphael Clamer); irgend sowas anno 1861 frei nach Eugéne Labiche/Édouard Martin in der Übersetzung von Elfriede Jelinek.

Sie [in dem Stück] ist Tochter eines mehr angeblich und/oder vermeintlich wohlhabenden Arztes (Marc Bodnar) und dessen Arztfrau (Charlotte Clamens). Er der Sohn eines "einfachen" Zuckerbäckers (Ueli Jäggi) und dessen "einfacher" Frau (Nikola Weiße). Beide Kinder haben - in der hinterfotzig-diffizilen Sichtung Christoph Marthalers - jeweils einen Persönlichkeitsdefekt; bei ihm schlägt sich das ganz zuvörderst in der einschulterherabhängenden Fortbewegungsweise, die sehr auffällig aussieht, nieder; bei ihr bemerkt der Zuschauer sehr arg herabhängende Mundwinkel und eine dementsprechend merkwürdige Artikulationsart, was dann u.U. auf einen Schlaganfall von früher her zurückzuführ'n sein könnte. Bei den Malingear's wird ausschließlich Französisch (wie bei vornehmen Leuten halt) gesprochen - bei den Ratinois geht es hingegen etwas deftig-deutsch(sprachig)er zu. Und die Begegnungen der zwei Familien haben Einiges so wie bei einem Stände-Stück...

Anna Viebrock hat ein "herrschaftliches" oder (weniger noch:) groß-/gutbürgerliches Interieur zum Wohnen, Arbeiten und Hausmusikbetreiben - sowohl im Falle der Malingears als auch der Ratinois - entworfen und gebaut; da hängen dann auch ein paar Bilder aus der mittlerweile durch die Presse und das Internet mehr oder weniger bekannten Gurlitt-Sammlung, was dann insgesamt noch eine Steigerung zur willentlichen Groß-/Gutbürgerlichkeit (in der deutsch oder französisch sprechenden Schweiz) rein bühnenbildnerisch erfährt. Ganz allerliebst gemacht!

In Zeitlupe und mit dem Dauer- oder Foltermittel Marthaler'scher Wiederholungen werden wir Zuschauende/Zuhörende pausenlos über zwei Stunden lang mit jenen interfamiliären Fakten und Gegebenheiten konfrontiert - als Randfiguren treten dann noch auf: Graham F. Valentine (Buttlerin und Buttler) sowie Catriona Guggenbühl, die uns als "Geist der Handlung" sowie Millionärserbin am Anfang wie am Ende vorgestellt und vorgeführt wird.

Wenn es einen Pulitzer-Preis des mimischen Schnarchens geben würde, wäre der - ganz aktuell - Marc Bodnar vorbehalten; was dann dieser hochgeniale Mime aus der Szene (um sein Schnarchen, seine Schnarchattacken in der Rolle "seines" Arztes) machte, tat die Leute in Lachkrampfanfälle versetzen, dass man schon - wir ganz besonders - um ein Überleben fürchten musste(n).

Alle hatten, auf der Bühne, plötzlich Nasenbluten - wofür stand dann die Metapher??

Bitte mehr von diesem altmodischen Froh- und Leichtsinn; sie sind Balsam für die spicemäßig geschund'nen Seelen.




Gescantes Cover des Programmheftes (C) Theater Basel



Andre Sokolowski - 8. Mai 2014
ID 7896
DAS WEISSE VOM EI (Deutsches Theater Berlin, 07.06.2014)
Regie: Christoph Marthaler
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Dramaturgie: Malte Ubenauf
Mit: Carina Braunschmidt, Marc Bodnar, Charlotte Clamens, Raphael Clamer, Catriona Guggenbühl, Ueli Jäggi, Graham F. Valentine und Nikola Weisse
Gastspiel Theater Basel/Théâtre Vidy-Lausanne zu den ATT 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Andre Sokolowski

http://www.andre-sokolowski.de

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